Rotterdam errichtet eine Kathedrale der Früchte

Mitten in Rotterdam liegt die spektakuläre neue Markthalle.
Mitten in Rotterdam liegt die spektakuläre neue Markthalle.
Foto: Ossip van Duivenbode
Königin Máxima eröffnet neuen Lebensmitteltempel in Rotterdam. Über den Marktständen befinden sich 252 Wohnungen. Der spektakuläre Bau soll neues Leben in das Zentrum der Hafenstadt bringen

Rotterdam.. Vor rund zehn Jahren geisterte ein verwegener Plan durch Duisburg: Im Zusammenhang mit dem Bau der Mercatorhalle und des Spielcasinos sollte auch eine zentrale Markthalle in der Stadt entstehen. Die Visionwurde aus verschiedenen Gründen nicht weiter verfolgt. Dafür aber in Rotterdam, das mit Duisburg nicht nur wirtschaftlich eng verbunden ist. Dort hat in der vergangenen Woche Königin Máxima eine spektakuläre, 40 Meter hohe, 70 Meter breite und 114 Meter lange Markthalle eröffnet.

Der Clou an dem bogenförmigen Komplex, der insgesamt 175 Millionen Euro teuer war: Es befinden sich darin insgesamt 252 Wohnungen oder Penthäuser. Wer dort lebt, hat stets freien Blick auf den Markt innen und auf das Rotterdamer Zentrum außen.

Die im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Stadtmitte sollte durch den ungewöhnlichen Bau aufgewertet werden. „Das Ziel der Rotterdamer Stadtplaner ist es, die Mittelschicht wieder zurück ins Stadtzentrum zu holen“, erklärt ein Mitarbeiter des Büros MVRDV. Aus diesem Grund sollte auch keine reine Markthalle gebaut werden, sondern ein transparenter Blickfang, der auch belebt wirkt, wenn Tomaten und Zwiebeln verkauft sind, der Käse verpackt, die Blumen in der Vase stehen und der Fisch längst gegessen ist.

Also kamen die Planer auf die Idee, einen bewohnbaren Mantel zu realisieren, der obendrein den Marktplatz wirtschaftlich möglich macht. „Reine Hallenkonzepte rechnen sich heute nicht mehr“, erklärt der Architekt Winy Maas, „deshalb haben die Projektentwickler mit Wohnungen, Parkplätzen und Geschäften eine Mischfinanzierung angestrebt.“

Lebendiger Markt statt Luxusmall

Die Standbetreiber tragen nur für einen kleinen Teil der Kosten, haben aber die Aufgabe, für Frequenz zu sorgen. Im Gegensatz zum bisherigen Wochenmarkt im Bett des - längst in Rohre verbannten - Flusses Rotte, der Europas größter Hafenstadt einst den Namen gab, müssen die Pächter statt an zwei in der Halle an sieben Tagen in der Woche ‘ran. „Wir wollten keine Luxusmall für Genießer schaffen, sondern einen Markt, der von der Bevölkerung wirklich angenommen wird“, betont der Architekt, der sich in ganz Europa verschiedene Konzepte an- und abgeschaut hat.



Für Rotterdam hatte er etwas besonderes im Sinn: „Wir wollten ein Monument für Lebensmittel bauen, eine Kathedrale der Früchte“, erklärt Maas mit einem Seitenblick auf die benachbarte, im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Laurenzkirche. Ob wohl der Bau nicht mehr als Kirche, sondern als Veranstaltungsraum genutzt wird, musste der Architekt beim Neubau die Proportionen der Kirche respektieren. „Wir durften nicht über den Dachfirst hinausragen.“

Dem Kathedralenkonzept folgt auch das 11 000 Quadratmeter große Kunstwerk „Füllhorn“ von Arno Coen und Iris Roskam an der Innenseite des Gebäudes. Von unten scheint es, als regne es aus dem Himmel Früchte und Gemüse auf des Besucher herab. Riesige Trauben und Schoten sind an Decke und an den Seitenwänden zu sehen, auch Raupen, Schmetterlingen und eine Biene. Nachts sieht es fast so aus, als würden gewaltige, dreidimensionale Erdbeeren aus den gläsernen Seitenfassaden, deren Glasscheiben an Seilen befestigt sind und sich bei Sturm bis zu 70 Zentimeter weit nach innen biegen können, herausbersten.

Nicht beweglich bzw. zu öffnen sind dagegen die Fenster der Wohnungen nach innen zur Markthalle. „Wir wollten sie eigentlich offen gestalten, um die Atmosphäre in die Wohnung zu holen, aber das war aus Feuerschutzgründen nicht möglich“, bedauert Winy Maas. Aber das war schon der größte Kompromiss, den der Architekt beim Bau dieses gigantischen Lebensmittel-Tempels eingehen musste.

Die Markthalle in Zahlen

102 Mietwohnungen, 126 Eigentumswohnungen, 24 Penthäuser und 1200 Parkplätze auf vier Ebenen sind im Markthallenkomplex untergebracht. Die Kosten für die Eigentumswohnungen liegen zwischen 240 000 Euro (Wohnungen mit 80 Quadratmetern) und 1,2 Mio. Euro (Penthaus mit 300 Quadratmetern) .

175 Millionen Euro wurden insgesamt vom Projektentwickler Provast investiert.

96 Marktstände, 8 Restaurants und ein Supermarkt befinden sich im Komplex.

1900 Arbeiter waren insgesamt 423900 Stunden mit dem Bau der Markthalle beschäftigt, drei Jahre lang unter der Erdoberfläche, zwei Jahre lang darüber. 2500 Pfähle wurden für das Fundament 14,5 Meter tief in den Boden gerammt.


360 Kilometer elektrische Leitungen, 20 Kilometer Trinkwasser- und 12,5 Kilometer Abwasserleitungen sind in dem Gebäude verlegt wordem. dazu 10 Roltreppen und 17 Aufzüge.

2500 Türen, 228 Balkone und 24 Innenhöfe zählt der Komplex.

Aus 4500 Platten ist das 11000 Quadratmeter große Kunstwerk „Füllhorn“ von Arno Coenen und Iris Roskam zsammengesetzt. Das riesige Gemälde an der Innenwand wurde zuvor von den Pixar Studios (Cars, Findet Nemo, Toy Story) grafisch überarbeitet. Dadurch bekommt es den dreidimensionalen Effekt.

Die Martkthalle hat 7 Tage in der Woche geöffnet. Werktags von 10 bis 20 Uhr, sonntags von 12 bis 18 Uhr.

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