Phil kehrt zu seinen Wurzeln zurück

Phil Ofosu-Ayeh in Moers am Altmarkt
Phil Ofosu-Ayeh in Moers am Altmarkt
Foto: WAZ FotoPool
Der Vater wurde einst als Asylbewerber aus Deutschland abgeschoben, der Sohn spielt erfolgreich Profi-Fußball beim MSV Duisburg. Der gebürtige Moerser Phil Ofosu-Ayeh ist wieder an den Niederrhein zurückgekehrt.

Moers..  Phil Ofosu-Ayeh hat eine Odyssee hinter sich. Eine Odyssee, die ihn quer durch die Republik zurück nach Moers geführt hat: für einen Geburtstagsbesuch bei der Großtante, einer Visite bei der Uroma im Seniorenheim und für eine Tasse Schokolade in einem Café am Altmarkt. Der 22-jährige Rechtsverteidiger des MSV Duisburg ist in Moers geboren und in Homberg an der Ottostraße aufgewachsen.

Im zarten Alter von zwei Jahren zieht der kleine Philemon, so sein vollständiger Vorname, mit Mutter Manuela nach Wilhelmshaven. An die Nordsee. Seine Eltern haben sich getrennt. Vater Peter, ein aus Westafrika stammender Asylbewerber, bleibt noch eine Weile im Ruhrgebiet hängen, gründet in Oberhausen ein neue Familie mit zwei Söhnen und wird später abgeschoben. Zurück nach Ghana.

Der kleine Phil ist vier Jahre alt, als der bis dahin lose Kontakt ganz abreißt. Ein Verlust, den der Junge zunächst nicht bemerkt: „Ich habe es ja nie anders kennengelernt. Mein Stiefvater hat mich behandelt wie einen eigenen Sohn.“ Von seinem leiblichen Vater hört Phil, der inzwischen den Nachnamen Schlüter führt, erst 14 Jahre später. Zum 18. Geburtstag.

Zu schmächtig

Da ist der schlaksige Junge schon zu einem passablen Fußballer herangewachsen, kickt in der Regionalliga Nord beim SV Wilhelmshaven. „Als Jugendspieler habe ich in Braunschweig und Wolfsburg vorgespielt. Doch dort bin ich durchgefallen.“ Technisch gut, aber zu schmächtig, heißt es.

Statt aufzugeben und sich auf das Abitur am Wirtschaftsgymnasium zu konzentrieren, stemmt Phil fleißig Hanteln und Gewichte. „Damals habe ich angefangen, gezielt Krafttraining zu betreiben. Seitdem bin ich athletischer geworden. Heute ist das meine große Stärke.“ Das fällt auch seinem Trainer Wolfgang Steinbach auf, der ihn wegen seiner Grundschnelligkeit vom Stürmer zum Außenverteidiger umschult.

Ofosu-Ayeh ist wirklich schnell. Wie schnell genau, das weiß er selber nicht: „3.8 Sekunden auf 30 Meter!“ 100 Meter? „Soweit bin ich noch nie auf Zeit gelaufen. Aber 11 Sekunden müssten drinsitzen“, meint er. Im Fußball kommt es auf den Antritt an.

Ärger für Ghana

Der nächste Antritt beschert ihm eine Menge Ärger. Im April 2011 beschließt Ofosu-Ayeh Hals über Kopf in der Juniorennationalmannschaft Ghanas zu spielen. Ein Land, das er bis dahin nie gesehen hatte. Dennoch liegt es ihm am Herzen. Als Symbol der Identitätsfindung ändert er seinen Namen: „Ich bin als Phil Ofosu-Ayeh geboren, so will ich auch als Profi auflaufen. Das ist aber keine Entscheidung gegen meine Mutter, sondern ein Bekenntnis zu meinen Wurzeln.“

Zu den afrikanischen Wurzeln, die das Leben nicht leichter machen. Auch der Jungprofi wird vereinzelt mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert. Auf dem Schulhof, vor der Disco, in die er nicht hineingelassen wird: „Das muss man wegstecken“, sagt er und ballt die Faust in der Tasche. Auch im Leipziger Stadion. Dort erklingen erstmals die strunzdummen Affenlaute, als er am Ball ist. „Ich bin stark genug, darüber hinwegzuhören. Es motiviert mich noch mehr.“

Für seine fremde Heimat riskiert der Jungspund viel. Sein damaliger Trainer ist vom Afrikatrip gar nicht begeistert und suspendiert ihn. Egal. Bei Rot-Weiß Erfurt in der dritten Liga wartet die nächste Herausforderung. Dort setzt er sich auf Anhieb durch und absolviert 59 Ligaspiele in zwei Jahren.

Trotzdem verlängert er den auslaufenden Vertrag nicht. „Ich wollte einen Schritt nach vorne machen.“ Doch es geht ihm nicht nur um seine Karriere, sondern auch ums private Glück. „Ich wollte unbedingt im Ruhrgebiet spielen, weil meine beiden Halbbrüder Eugene und Oliver und meine Freundin Nora hier leben.“

Keine Sekunde gezögert

Deshalb zögert Ofosu-Ayeh trotz der unsicheren Situation beim MSV Duisburg keine Sekunde. „Die Anfrage kam kurzfristig. Ich bin hingefahren und habe am nächsten Tag schon den Vertrag unterschrieben.“ Manager Ivo Grlic und Ex-Coach Kosta Runjaic hatten den 1,83 Meter großen Modellathleten schon länger auf dem Zettel. Und als nach dem Lizenzentzug der ursprünglich für die Position vorgesehene Julian Schauerte beim SV Sandhausen blieb, war die rechte Außenbahn für den gebürtigen Moerser frei.

Eine Entscheidung, die er bisher keine Sekunde bedauert hat. „Unglaublich, was beim MSV abgeht.Es ist eine Riesenehre, vor dieser Kulisse antreten zu dürfen“, schwärmt er. Statt 4000 bis 5000 Zuschauer wie in Erfurt sind es jetzt bis zu 22 000 Anhänger, die das in letzter Sekunde zusammengewürfelte Team anfeuern.

„Ich kannte die Jungs bestenfalls vom Hörensagen. Aber von solchen Leuten wie Markus Bollmann oder Branimir Bajic kannst Du als junger Spieler sehr viel lernen. Die stecken Dir während des Spiels schon, wann Du besser nach vorne verschiebst oder hinten stehen bleibst.“

Stärken und Schwächen

Der 22-Jährige ist realistisch genug, um auch seine Schwächen einschätzen zu können: „Der letzte finale Pass, die Flanke aus vollem Lauf oder der Torabschluss. Das muss noch besser werden. Auch am Stellungsspiel in der Defensive kann ich noch arbeiten.“ Wenn er sein nächstes sportliches Ziel erreichen will, wird er sich weiter entwickeln müssen: „Natürlich ist es mein Ziel, irgendwann mal in der Bundesliga zu spielen. Gerne auch beim MSV Duisburg.“

Dort ist er zunächst bis zum Ende der Spielzeit unter Vertrag. Verlängerung nicht ausgeschlossen. „Es ist Mitte Oktober. Irgendwann wird der Verein auf mich zukommen“, hält sich Ofosu-Ayeh bedeckt. Schließlich sind auch den Spielern die Diskussionen um den Schuldenschnitt und die Stadionfinanzierung geläufig. Auch wenn sie bewusst ausgeblendet werden: „Das ganze Drum und Dran hält Manager Ivo Grlic von uns fern. Wir können an dieser Situation ohnehin nichts ändern. Wir können nur versuchen, möglichst erfolgreich Fußball zu spielen. Der Rest kommt von ganz allein.“

Auch die Angebote: Angeblich sollen bereits Talentsucher von Twente Enschede in Duisburg vorstellig geworden sein, um den 22-Jährigen zu begutachten. Das lässt ihn völlig kalt: „Scouts beobachten Dich nicht nur einmal, sondern fünf-, sechs- oder siebenmal. Das will nichts heißen.“

Plan B in der Tasche

Auch in Ghana ist die Fußballfachwelt wieder auf ihn aufmerksam geworden. „Erst in der vergangenen Woche hat mir mein Vater einen Zeitungsausschnitt geschickt.“ Der lebt heute längst wieder in der Hauptstadt Accra und hat Kontakt zu seinem Sohn: „Wir telefonieren und schreiben uns regelmäßig.“ Nicht nur deshalb träumt der gebürtiger Moerser davon, einmal im Trikot der „Black Stars“, wie die Nationalmannschaft genannt wird, auflaufen zu dürfen.

Und einen Plan B legt sich Phil Ofosu-Ayeh, der gemeinsam mit seinen beiden Halbbrüdern und der ehemaligen Lebensgefährtin des Vaters in einem Haus in Oberhausen-Osterfeld lebt, schon zurecht, falls es mit dem Fußball schneller als geplant zu Ende geht: „Ein Studium wäre nichts für mich. Lieber irgendwas mit Sport. Physiotherapie finde ich sehr interessant.“ Da kann er sich beim MSV Duisburg im Moment eine Menge abschauen. Doch zunächst gilt seine Aufmerksamkeit dem Spiel: „Im Moment konzentriere ich mich ganz auf den Fußball und will versuchen, meinen Traum weiter zu leben.“

Steckbrief

Philemon Ofosu-Ayeh (1,83 m/81 kg) wurde am 15. September 1991 in Moers geboren. Er absolvierte 59 Drittligaspiele für RW Erfurt und erzielte dabei ein Tor. Für den MSV Duisburg stehen elf Liga-Einsätze und noch kein Tor zu Buche.

Samstag, 19. Oktober 2013, 14 Uhr tritt Phil Ofosu-Ayeh mit dem MSV Duisburg in der MSV-Arena gegen den 1. FC Saarbrücken an.

 
 

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