Pferdestärken und alte Schätze

Wesel.  Wolfgang Luce kramt in seiner Hosentasche. Er sucht nach einem Zündschlüssel, doch den passenden findet er nicht. „Da ist er endlich“, sagt Luce und zeigt triumphierend das Fundstück. Bei so einem großen Fuhrpark wird die Schlüsselsuche schon mal zur Geduldsprobe. 26 Autos umfasst Wolfgang Luces Sammlung. Sein Lieblingsauto ist ein feuerwehrroter Mercedes 190 SL, Baujahr 1957.

Wolfgang Luce nimmt auf dem beigen Ledersitz Platz. Er dreht den Schlüssel um und lässt den Motor aufheulen. Das Geräusch verstärkt das breite Grinsen des Fahrers. Wolfgang Luce deutet aufs Armaturenbrett. „Das ist noch ganz alte Technik. Die Uhr muss man noch aufziehen. Und der Scheibenreiniger funktioniert mit einem Blasebalg“, erzählt der 65-Jährige. Wolfgang Luce öffnet noch die Motorhaube, unter der 105 Pferdestärken schlummern. „So eine Technik findet man in modernen Autos doch gar nicht mehr“, sagt der Besitzer.

Wolfgang Luce zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss und erzählt dann über seine große Leidenschaft. „Ich habe mich schon immer für Oldtimer interessiert. Und als ich dann Anfang der 90er Jahre den Mercedes SL gekauft habe, habe ich mich immer mehr mit dem Thema befasst“, erzählt der Software-Unternehmer im Ruhestand.

Eine Halle am Schepersweg

Wolfgang Luce lernte in Wesel und Umgebung Leute kennen, die sein Hobby teilen. Er kam mit seinem alten Bekannten Rainer Bulenda ins Gespräch – gemeinsam beschlossen sie eine Interessengemeinschaft ins Leben zu rufen. Seit 2014 gibt es nun die Gruppe „Oldtimer Wesel“. Am Schepersweg fanden die Initiatoren eine Halle, in der sie ihre alten Schätze unterstellen konnten.

Rainer Bulenda betritt die Halle. Er schüttelt Kumpel Wolfgang Luce die Hand und erklärt anschließend, welche Ziele die Interessengemeinschaft verfolgt. „Wir verstehen uns als lockere Gemeinschaft von Oldtimer-Freaks. Wer einen Schrauber sucht oder passende Ersatzteile, kann hier anfragen. Meistens gibt es jemanden, der weiterhelfen kann“, sagt Bulenda.

Die Gruppe besucht außerdem gemeinsam Oldtimer-Messen oder dreht bei schönem Wetter eine Runde durch die niederrheinische Landschaft. Rainer Bulenda sitzt dann meist am Steuer seines MG B, Baujahr 1976. Wenn er das 90-PS-Cabrio mit der Silbermetallic-Lackierung für eine Kaffeepause parkt, dauert es nicht lange, bis Spaziergänger den Oldtimer begutachten. „Alte Autos üben immer eine Faszination auf Menschen auf“, betont Bulenda.

Oft hören die Männer aus der Gruppe „Oldtimer Wesel“ auch die Frage: „Wieviel kostet der Wagen denn?“ Doch die Besitzer wollen ihre alten Schätze nicht verkaufen. „Das würde meiner Frau und meinen Töchtern auch nicht gefallen“, sagt Wolfgang Luce und schmunzelt.

Statt zu verkaufen, macht er sich immer auf die Suche nach weiteren Autos. Vor einigen Jahren stieß Wolfgang Luce auf eine Annonce, in der ein englischer Oldtimer aus dem Jahr 1931 zum Kauf angeboten wurde. Der grüne Singer Junior weckte sein Interesse, nach kurzem Überlegen griff er zu. Nun steht das Gefährt mit seinen 20 Pferdestärken in der Halle umringt von VW-Käfer-Cabrios und Coupés der Porsche 911er-Reihe.

Den Singer Junior fährt Wolfgang Luce übrigens selten aus. „Das ist vom Handling gar nicht so einfach. Gaspedal und Bremspedal sind in diesem Auto vertauscht. Außerdem muss man meistens mit weniger als dreißig Stundenkilometer über die Straßen tuckern“, erklärt er. Die Schlüsselsuche ist beim Singer Junior also das geringste Problem.

 
 

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