Mehr drin, als man sieht

Bettina Hachmann. Wieviel Farbe, wieviel Motiv braucht ein Bild?
Bettina Hachmann. Wieviel Farbe, wieviel Motiv braucht ein Bild?
Foto: WAZ FotoPool
Bettina Hachmann trägt dick auf, schnürt Erinnerungspäckchen und ist absolut linientreu

Am Niederrhein..  Das Stück Holz auf dem Tisch ist, ja eigentlich ist es nicht mehr zu retten. Vermutlich ein Torso eines alten Holzbalkens, der irgendwann irgendetwas trug. Jetzt ist es nur noch ein schwarzer harter verbrannter Klumpen – ein bisschen in Form eines Wikingerhelms. Bettina Hachmann hat den verkohlten Klotz auf ein Podestchen gestellt. „Mich fasziniert alles, was Lebensspuren hat, was eine Geschichte erzählt.“ Und so beleben ganz oft seltsame Dinge ihre Kunst. Durchdringen sie, reißen sie auf, schmelzen sie zusammen. Das können vertrocknete Blätter sein, Holz, Seidentücher. Sie spachtelt die Farben auf, viele Schichten übereinander, sie kleckert und wirbelt expressiv über Leinwände, Papier, Holz. Und setzt dann das Messer hinein, verletzt. Wunden entstehen, die eins werden mit dem Ganzen. Lebensspur sind.

Bettina Hachmann ist über Umwege an die Kunst geraten. Learning bei doing, Autodidaktin. Ihre Motive sind – anders. Kein röhrender Hirsch, keine idyllische Flusslandschaft. Linien, Strukturen, Licht und Schatten legen die Spuren.

Im Moment regiert die Linie ihr Arbeiten. Waagrecht, senkrecht, immer ist sie da. Vor ein paar Jahren noch hat Bettina Hachmann mit Farbe nicht gespart — heute liebt sie das Minimale. Weiß. Grau. Schwarz. Manchmal sieht man noch ein Rosa durchschimmern, ein zartes Blau. „Es ist eine Forschungsreise: Wie wenig reicht aus, dass es ein Bild ist.“ Ihre Kunst irritiert, immer wieder. Etwa diese Dinger, die aussehen wie, pardon, frisch gewickelte Kohlrouladen. „Erinnerungspäckchen“ nennt Bettina Hachmann das. Sie hat meterweise Packpapier zerknautscht, eingeweicht, gewickelt – nun schweben sie in einem klinisch weißen Rahmen an der Wand. „Jeder von uns hat doch solche Päckchen.“

Die Arbeiten von Bettina Hachmann verzaubern den, der sich hineinfallen lässt. Die heilige Stille des Nichts, die Ruhe, das verzaubert werden aus den sich verändernden Dingen, das Leben, Werden, Vergehen und die Kraft, die wieder wachsen lässt. Ihr Atelier hat sie auf Schloss Wissen bei Weeze. Inmitten alter, dicker Mauern. Ein Ort voller Geschichte, voller Erinnerungen.

 
 

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