Männerträume - nicht nur - auf Schienen

In Goch stöberten vor allem Herren über die Tausch- und Kaufbörse für Modelleisenbahnen, Autos und altes Spielzeug.

Goch. Horst Kugler steckt mit der Nase beinahe in einem Haufen winziger Lämpchen. „Ich brauche ganz besondere Birnchen. Und zwar solche für die Weichenbeleuchtung“, murmelt er und sucht mit spitzen Fingern gezielt in einem Kästchen. Kaum zu glauben, dass er am Stand von Hagen Majert überhaupt weiß, wo er suchen muss: mehr als 50 000 krümelgroße Ersatzteile liegen in ebenso winzigen Kästchen. Als Suchhilfe dient eine silberne, antiquierte Teezange. Kugler braucht keine Zange, er wird auch so zügig fündig. „Ich nehme vier Stück davon.“ Gelernt ist eben gelernt. Horst Kugler sammelt seit 45 Jahren Märklin – er ist passionierter Modelleisenbahner und zu basteln gibt es an den Modellen immer was. „Im Moment hab ich die Bahn in der Küche aufgebaut. Auf einer Platte, die ich auf zwei Stühle gelegt habe. Damit dreh ich dann morgens ein paar Runden“, lacht er und verschwindet im Getümmel. Weiter shoppen.

Das Gocher Kastell war wohl der Lebensmittelpunkt vieler Modell- und Spielzeugsammler jenseits der 40: Zum ersten Mal hatte Jürgen Hörner in Goch eine Tausch-, Sammel- und Kaufbörse für Eisenbahnen, Autos und altes Spielzeug organisiert. 32 Anbieter hatten sich hinter Tischen mit Bauteilen, Schienen, winzigen Schräubchen, modernen und weniger modernen Häuschen und teils noch originalverpackten Loks aus dem vergangenen Jahrhundert verschanzt; ein Anblick, bei dem so manchem der 300 Damen und vor allem Herren die Augen übergingen.

Miniaturzug für 300 Euro

Im Hintergrund kreischen Bremsen, eine Straßenbahn quietscht in ihren Gleisen. „Technisch sind den Eisenbahnern heute keine Grenzen mehr gesetzt“, erklärt Jürgen Hörner und zeigt auf einen Gleisplan, der auf einem Laptop abgebildet ist. „Mit der neuen Digitaltechnik kann man seine Modellanlage über den Laptop steuern oder eben auch originalgetreue Geräusche erzeugen.“ Grenzenlos scheint auch das Angebot, obwohl laut Hörner die Begeisterung für Modelleisenbahnen bei den Jüngeren nachlässt: Miniaturbahnen, die durch eine liebevoll gestaltete Landschaft tuckern sind als Fertigmodell für schlappe 300 Euro zu bekommen, manch einer handelt mit haufenweise Schienensträngen, ein Anbieter präsentiert stolz eine Riesenlok. „Das ist eine Gartenbahn“, meint Hörner und weist auf das dunkelgrüne Ungetüm. „Es gibt Leute, die lassen ihre Eisenbahnen vom Keller in den Garten und wieder zurück fahren, deshalb ist das Material witterungsbeständig.“

Auch in Zeiten der Spielekonsolen und Computerspiele gibt es immer noch Leute, die im Spiel mit der Eisenbahn vollkommen aufgehen. Und es sind nicht nur Männer. Mechthild Sattler aus Duisburg stöbert in Zubehör. Eine technikbegeisterte Frau? „Ach was!“, winkt sie ab. „Mir macht das zwar auch Spaß, aber hauptsächlich bin ich fürs Design zuständig, also für die Männekes und so“, lacht sie und gerät ins Schwärmen. „Wir haben alles im Keller in Kartons. Jetzt steht unser sechsjähriger Enkel bereit, für den wollen wir das schön herrichten. Für ihn ist das super aktuell.“ Und dann erinnert sie sich zusammen mit Jürgen Hörner zurück an die guten alten Zeiten, die 60er Jahre, in denen die Märklin-Eisenbahn unter dem Weihnachtsbaum stand. „Die Kinder bekamen das zwar zu Weihnachten, aber der Vater hat dann gespielt. Mein Bruder durfte auch immer nur dabei sitzen“, erzählt Mechthild Sattler.

Exklusive Kutsche für 23000 Euro

Sowieso ist das Wort „früher“ auf der Börse das Zauberwort – Nostalgie pur. Früher habe man die Eisenbahnen übrigens auch noch in liebevoller Kleinarbeit an Seilen unter die Decke gezogen. „Man hatte hat nicht viel Platz“, erklärt Hörner, ein Anbieter fällt ihm ins Wort. „Man hat sie eben dahin gestellt, wo man durfte“, grinst er vielsagend. Die Frau als Feind der Modelleisenbahn? „Naja, meistens sind es Frauen, die nach dem Tod ihres Mannes im Keller Kartons voller Eisenbahnen finden und sie dann verkaufen. Viele Männer haben heimlich gesammelt.“

Aber auch für die Damen gibt es auf der Börse einiges zu gucken. Udo Knoll, der in Düsseldorf ein Nostalgie-Spielwarengeschäft betreibt, hatte auf seinem Tisch Spielzeug aufgebaut, das einfach nur weibliches Entzücken hervorrief: einen Tee trinkenden Hase aus den 60ern, einen Hoppelhasen aus Blech, ein schnittiges Modell des Mercedes 230 SL, nur keine Puppen. „Davon gibt es zu viele im Internet.“ Knoll wacht mit Argusaugen über sein exklusives Angebot. „Man findet immer wieder in Kellern oder auf Dachböden Schätze.“ So wie damals, als er eine Lehmann-Kutsche aus dem Jahr 1891 verkaufte. „Ich habe 600 Mark dafür genommen – und letztens habe ich gesehen, dass so eine Kutsche momentan 23 000 Euro kostet.“ Spielzeug ist eine nostalgische Antiquität, je weniger bespielt sie ist, desto teurer.

Und dann ist da schon wieder Mechthild Sattler. „Ich suche meinen Mann, der ist einfach weg“, murmelt sie und sieht sich um. Dann lächelt sie. „Aber er kann nicht weg, ich habe ja das Portmonee.“ In Anbetracht des Angebotes für Jungs, die nie erwachsen werden wollen, vielleicht gar keine schlechte Idee.

 
 

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