Leuchtturmwärter am Niederrhein

Karl Brand  betreut Otto Pienes „Geleucht“ auf der Halde Rheinpreussen in Moers. Foto: Bernd Lauter / WAZ FotoPool
Karl Brand betreut Otto Pienes „Geleucht“ auf der Halde Rheinpreussen in Moers. Foto: Bernd Lauter / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Moers. Karl Brand ist der einzige Leuchtturmwärter am Niederrhein: Er betreut Otto Pienes „Geleucht“, die überdimensionale Grubenlampe, auf der Halde Rheinpreussen in Moers

Der Leuchtturm spiegelt sich im Wasser. Eine steife Brise peitscht Karl Brand den Regen ins Gesicht, während er von der Aussichtsplattform über - nein, nicht übers Meer, sondern über die Weiten des Niederrheins weist. „An schönen Tagen kann man von hier die Steag in Walsum sehen oder den Düsseldorfer Rheintum,“ sagt er. Heute ist kein schöner Tag. Karl Brand ist trotzdem hier. Weil er Otto Pienes „Geleucht“ betreut: die Landmarke auf der Halde Rheinpreussen in Form einer Grubenlampe. Und weil er gerne hier ist. Auch wenn der Regen große Pfützen auf der Plattform bildet. Karl Brand ist der einzige Leuchtturmwärter am Niederrhein.

A 42, Thyssen, Zechen - ein Stillleben

„Es ist so ruhig“, sagt er, gerade bei schlechtem Wetter. Die A 42 fließt vorbei, tausende Spielzeugautos, irgendwo da unten. Lautlos. Ebenso wie der Rhein. Waldsee, Baerler Busch, Thyssen - ein Stillleben von hier oben. Die Halde ist 70 Meter hoch, der Haken der Grubenlampe ragt in 102 Metern über Null in den Wind. Die alten Zechen, natürlich, gehören ebenfalls zum Panorama, mit etwas Glück und einem Fernglas auch der Gasometer in Oberhausen, der durch irgendetwas verstellt ist, sagt Karl Brand. Die meisten Leute aber, die von der Aussichtsplattform schauen, freuen sich über scheinbar Selbstverständliches: „Viele staunen, wie grün die Landschaft ist“, erzählt der 62-Jährige. Der Niederrhein, grün? Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, ist das meist eine Frage des Standpunkts. Doch dass das Ruhrgebiet, das bei dieser Aussicht näher rückt, so hübsch grün ist, „denken viele nicht.“

Seit 2007, von Beginn an also, betreut er das Kunstwerk und entdeckt immer wieder Neues. Landmarken. Und Kleinigkeiten. Kugelakazien, Klein-Biotope, zu jeder Jahreszeit andere Blumen. „Das ist ja alles hier angelegt worden“, erinnert sich der gelernte Tischler, der die Halde noch aus seiner und ihrer Jugend kennt. Zu Zeiten, als sie noch gesperrt war, hat ihn schon der Förster beim Spaziergang auf dem Gelände ertappt. Später war auch er hier Schlittenfahren.

Heiratsantrag in der Grubenlampe

Und als er 2007 beim Spaziergang eine städtische Delegation am funkelnagelneuen Geleucht traf und en passant hörte, dass ein Betreuer für Kunstwerk und Kunstwerksbesucher gesucht wurde, hat er sich sofort gemeldet.

Viermal in der Woche führt er seitdem Besucher auf die Halde und bringt Licht hinter die Geheimnisse der überdimensionalen Grubenlampe, die eben nicht rot angestrahlt wird sondern von innen, aus den Lamellen heraus, leuchtet. Karl Brand klappt ein Buch auf. Ursprünglich, sagt er und zeigt auf das Bild eines rot leuchtenden Hügels, sollten Scheinwerfer auf der Halde in den Himmel strahlen. Nun strahlen sie den Hügel an - Rubinrot, weithin sichtbar.

Die Landmarke erinnert an die Montanindustrie, die die Region prägte und an die Menschen, die unter Tage schufteten. Brand erzählt von jungen Bergleuten, ganz früher, die die Kollegen in England angeblich mit einer Kerze auf einer Latte und einem nassen Sack auf dem Kopf als Vorhut in die Stollen geschickt haben, „in der Hoffnung, dass die Verpuffung über ihren Kopf geht“. Er erzählt von Froschlampen und Sir Davy, der die Flamme und die Bergleute mit einem Drahtnetz schützte, und, ja, auch das Geleucht besitze ein solches angedeutetes Netz.

Gruppen von Bergleuten hat er schon über die Halde geführt, Motorrad-Truppen, einen Bus Lichtkunst-Interessierter aus Österreich um Mitternacht. „Wer Probleme hat, die Halde zu Fuß zu bewältigen, soll mich doch bitte anrufen, das ist mir ein Anliegen“, sagt er. Und auch Sonderwünsche werden nach Möglichkeit erfüllt. Brand erzählt von einem jungen Mann, darum gebeten hat, seine Freundin abends auf dem Geleucht um ihre Hand bitten zu dürfen. „Das ganze Treppenhaus hat er mit Rosen ausgelegt“, erinnert sich Brand - wer könnte da „Nein“ sagen?

Der höchste Arbeitsplatz in Moers

Manchmal kommt auch niemand zu den Öffnungszeiten. Dann beobachtet Brand die Spaziergänger mit ihren Hunden auf der Halde, die Down-hillfahrer im Wald, Sportler, die auf einem der wenigen Berge der Gegend trainieren. „Hier kann man die Seele baumeln lassen“, schwärmt er von seinem Arbeitsplatz, „dem höchsten in Moers.“ Und wenn er mit seiner Frau spazieren geht - dann führt sie ihr Weg zum Geleucht. Weil es schön ist, dort. Und um nach dem Rechten zu sehen. Wenn wieder einmal jemand Müll hat liegen lassen, hebt Brand ihn auf, hat jemand das Kunstwerk bekritzelt, holt Brand einen Eimer Farbe aus dem Kabuff: „Der ist noch vom Erstanstrich.“ Ob er das muss? „Nein“, sagt er und schüttelt den Kopf. Aber er sei doch sein „zweites Zuhause“, der einzige Leuchtturm am Niederrhein.

 
 

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