Kleine Auszeit in Hollands Obstgarten

Der Weg zu Schloss Ammersoyen führt über eine Allee.
Der Weg zu Schloss Ammersoyen führt über eine Allee.
Beim zweiten Teil unserer Serie reisen die Hollandreporter erneut durch die Provinz Gelderland. In Kesteren gibt es einiges zu entdecken

Gelderland.. „Ihr Ziel liegt auf einer unbefestigten Straße.“ Ein wenig irritiert sind wir schon, als wir uns am frühen Morgen auf den Weg in Richtung Kesteren machen. Aber wir sind Abenteurer, kuscheln uns tiefer in unsere Jacken und fahren einfach weiter. Erst vernebeln uns tief hängende Wolken die Sicht. Wir sehen kaum weiter als zehn Meter und fühlen uns noch viel abenteuerlicher.

Das Navi führt uns von der Hauptstraße weg über einen schmalen Deich. Links und rechts erahnen wir kleine Wasserläufe. Schafherden und vereinzelte Häuschen verstecken sich hinter dem grün bewachsenen Damm, der laut Reiseführer schon vor vielen hundert Jahren zum Schutz vor Hochwasser angelegt wurde. Auf einem Fahrrad kommt uns eine freundlich winkende Frau entgegen.

Lisa Lodder ist ihrem Mann Koen vor 40 Jahren von Norddeutschland aus ins Rivierenland gefolgt. Seinen Geflügelbetrieb hat das Ehepaar vor einigen Jahren geschlossen, seither begrüßen sie Feriengäste. Wir mieten eines der fünf freistehenden „Vakantiehuisjes Betuwe“ für je vier Personen.

Häuschen auf dem Lande

Pünktlich zum Einzug klart der Himmel auf, und wir können den herrlich weiten Blick aus dem Wohnzimmer bewundern: Kein Haus, keine Straße, einfach nur flaches Grün bis zum Horizont. Schon das entspannt. Und macht Lust auf den ersten Programmpunkt des Tages.

Seite über 100 Jahren werden Äpfel angebaut

Wir sind mit Kees van Blijderveen verabredet. Seine Familie baut seit weit über 100 Jahren Äpfel und Birnen an – wer könnte uns besser zeigen, warum unsere Reiseregion als Obstgarten der Niederlande bekannt ist. Sein Betrieb Fruit NL beliefert auch Supermarktketten in Deutschland: „Jede Nacht schicken wir zwei bis drei LKW voller Obst über die Grenze“, erzählt er, während wir in seinem Geländewagen durch Ommeren fahren. Vor den Autofenstern scheinen die Baumschulen und Obstbaumplantagen kein Ende zu nehmen. Wir wollen immer wieder anhalten, um die schnurgerade angelegten Pflanzenreihen auf Fotos festzuhalten. Zu schön erscheint uns das alles, um einfach nur hindurchzufahren.

Paradies für (Hobby-) Fotografen

„Wartet doch, bis wir da sind“, schlägt Van Blijderveen vor. „Zwischen den Bäumen kann man bestimmt noch bessere Aufnahmen machen.“ Wir lassen uns überreden und finden uns nach ein paar Minuten umgeben von knallrotem Jonagold wieder. Die beste Kulisse für ein Foto – und einen Rezepttipp vom Fachmann. Für selbstgemachtes Apfelmus, so unser Guide, kann man einfach ein Kilogramm süße Äpfel mit ein paar Esslöffeln Wasser kochen. Die gesunde Köstlichkeit kommt ohne zusätzlichen Zucker aus. Das lernen auch die Teilnehmer der Kurse, die im Gebäude neben Van Blijderveens Bauernladen „Natuurlijk Gruun“ stattfinden. Die Kursleiter zeigen Kindern und Erwachsenen, wo das Obst herkommt und was man damit machen kann. Kostproben gibt es nebenan im Laden, nostalgisch präsentiert in Regalen und Kisten, Flaschen und Gläschen. Natur pur und regional.

Nach so vielen Vitaminen steht uns der Sinn nach etwas Herzhaftem. In der einsetzenden Dämmerung fahren wir nach Opheusden. Am Fähranleger des Dörfchens soll es ein uriges Restaurant geben, das passenderweise „´t Veerhuis“ heißt. Ein Kellner mit weißem Hemd und schwarzen Hosenträgern öffnet die Tür. Uns beschleicht das Gefühl, dass wir nicht ganz passend angezogen sind. An den Holztischen mit Kerzen und Stoffservierten sitzen aber viele Gäste, die auch nach Aktiv-Urlaub in Jeans und Wanderschuhen aussehen. Erleichtert suchen wir uns ein freies Plätzchen unter einem Kronleuchter aus Hirschgeweihen und bestellen Fisch, der uns sehr gut schmeckt.

Brote mit selbstgemachter Marmelade

Für den nächsten Tag haben wir einen ausgedehnten Spaziergang geplant. Als Proviant schmieren wir uns Brote mit der selbstgemachten Marmelade, die unsere Vermieter als Begrüßungsgeschenk in den Kühlschrank gestellt hatten. Der 13 Kilometer lange „Marspad“ beginnt quasi vor unserer Ferienhaus-Tür. Kobus van Ingen begleitet uns. Er ist Mitglied im Geschichtsverein „Historische Kring Kesteren“ und geht mindestens einmal pro Woche wandern. „Immer sonntags nehmen meine Frau und ich uns 5 Kilometer vor.“ Das Angebot an Wanderwegen ist groß in der Region. Eine gute Auswahl in deutscher Sprache findet sich auf klompenpaden.nl/wilkommen-2/. Für uns geht es heute über den Deich, durch ein quietschendes Holztor, direkt an das Ufer des Nederrijn.

Für die Eröffnung des Marspad eingesetzt

Van Ingen und seine Vereinskollegen haben sich für die Eröffnung des „Marspad“ eingesetzt. Spaziergänger sollten die Möglichkeit bekommen, die Gegend rundum Kesteren unkompliziert und auf bisher unbekannten Pfaden zu erkunden. „Zweimal im Jahr laufen wir den Weg mit einigen Ehrenamtlichen ab und befreien ihn von Müll“, erzählt unser Wanderführer. Leere Flaschen oder Plastik sucht man wirklich vergebens. Obwohl der Sommer längst vorbei ist, sehen wir stattdessen viele rote Mohnblumen-Tupfer im Gras. Auf der gegenüberliegenden Seite ragt der Utrechtse Heuvelrug in den Himmel. Zwischen all dem flachen Land kommt uns der Hügelrücken ganz schön wuchtig vor. Weit und breit ist niemand unterwegs; nur einige voll beladene Schiffe ziehen leise an uns vorbei. Und tatsächlich fühlen wir uns hier herrlich weit „weg van de snelweg“.

>> „Lekker weg“ – Reisegeschichten aus dem anderen Holland

Anders als die üblichen Holland-Ziele gilt die Region direkt hinter der Grenze noch als echter Insider-Tipp. Einen Katzensprung von NRW entfernt gibt es im „anderen Holland“ genügend Stoff für eine neue NRZ-Serie. Infos zur Region auch auf www.dasandereholland.de .

Die Holland-Reporter Maike Schober, Petra Schulze Göcking und Ursula Weber studierten Niederlande-Deutschland-Studien in Münster und Nimwegen. Beruflich und privat waren die drei schon viel in den Niederlanden unterwegs. Für die NRZ bereisen sie nun die Grenzregion.

>> GEWINNSPIEL: FREIKARTEN FÜR SCHLOSS AMMERSOYEN

Auf unserer Reise durch das Rivierenland treffen wir auch auf Joost Rotten. Der ehemalige Kapitän fuhr früher mit Ozean-Dampfern quer um den Erdball, ist seit seiner Pensionierung aber nur noch in Sachen Zeitreise unterwegs und gibt Führungen durch eines der besterhaltenen mittelalterlichen Schlösser der Niederlande: Kasteel Ammersoyen ist sein zweites Zuhause. Zu jedem Raum kennt er spannende Geschichten, denen wir gerne lauschen. Das große Gebäude mit seinen Türmen imponiert uns schon bei der Anfahrt. Eine Allee führt bis zum Schlossgraben, von hier aus geht es zu Fuß über eine Holzbrücke weiter. Unter dem Eingangstor bleiben wir stehen und versuchen uns vorzustellen, dass Ammersoyen schon um 1300 errichtet worden ist.

Seither wurde das Schloss mehrfach repariert und umgebaut. Zuletzt von der Stiftung „Geldersch Landschap en Kastelen“, die das Gebäude nach dem Zweiten Weltkrieg aufwendig renovierte und 1975 der Öffentlichkeit zugänglich machte. Wir spazieren durch den Rittersaal und besuchen das Kaminzimmer, erklimmen schmale Treppen und landen schließlich im Gefängnis hinter meterdicken Mauern. Zum Glück haben wir uns nichts Ernsthaftes zu Schulden kommen lassen und dürfen das Schloss sogar mit 2x4 Freikarten verlassen. NRZ-Leser, die bis Mittwoch, 26. Oktober, eine E-Mail mit ihrem Namen, Telefonnumer und dem Betreff „Ammersoyen“ an regiodesk@nrz.de schicken, nehmen an der Verlosung teil.

Weitere Fotos zum Roadtrip durch das andere Holland finden Sie auf instagram

 
 

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