„Ich mache den Herlyn!“

Ingo Plaschke
Okko Herlyn
Okko Herlyn
Foto: WAZ FotoPool
Comedian? Nein. Kabarettist? Jein. Kleinkünstler? Ja. Seit rund 30 Jahren schon. Und immer schön kritisch

Duisburg.  In der Zeitung war mal über ihn zu lesen: „Bei Okko Herlyn kann man sich nicht einnisten in Heimatwärme.“ Wer ihn zu Hause in Rumeln besucht, bekommt frisch gekochten Kaffee mit selbst gemahlenen Bohnen serviert – und leckere Plätzchen dazu.

Mensch, Herr Herlyn, Sie sind ja ganz schön mutig!Mensch, Herr Herlyn, Sie sind ja ganz schön mutig!

(guckt überrascht) Ja? Wieso?

Ihr neues Buch beginnen Sie mit einer Selbstbeschimpfung!

Richtig.

Kluge Taktik, um den Leser im Buch zu halten.

(schmunzelt) Genau.

Sind Veranstalter wirklich so schlimm, wie Sie schreiben: Die buchen Sie und sagen, welche flachen Witze das Publikum erwartet.

Na ja, das kommt schon mal vor. Aber grundsätzlich gilt für alle meine Texte: Sie sind fiktional. Doch wie auch sonst in der Literatur üblich, heißt fiktional nicht, dass die Texte keinen Realitätsgehalt haben.

Was sagen Sie einem Veranstalter, der Sie auffordert: Mach mal den Hüsch!

Ich mache den Herlyn!

Nervt es, wenn immer noch Hüsch als Übervater der niederrheinischen Kleinkunstszene herangezogen wird?

Hanns Dieter Hüsch hat seine unbestrittenen Verdienste, daher ist es ein Stück weit normal. Andererseits: Das nimmt ab. Mich hat vor einigen Jahren eine Studentin interviewt. Um sich vorzubereiten, hatte sie im Internet gegoogelt und war auf Hüsch gestoßen. Während des Gesprächs fragte sie mich: Wer ist eigentlich dieser Hanns Dieter Hüsch? Die junge Frau war 22 Jahre alt.

Dennoch werden Sie gerne mit Hüsch in Verbindung gebracht.

Ja, es kommt schon mal vor, dass Leute sagen: Etwa die Szene mit der Verwandtschaft, die hat mich an Hüsch erinnert. Das finde ich in Ordnung, auch, weil es mich ja nicht gerade entehrt.

War Hüsch ein Vorbild?

Das wäre zu viel gesagt. Er war für mich eine wichtige unter vielen Orientierungen. Von ihm habe ich zum Beispiel gelernt, dass es kein Widerspruch sein muss, seine Heimat liebevoll aber zugleich kritisch zu beschreiben.

Was sind Sie eigentlich: Kabarettist, Comedian, Kleinkünstler?

Also, ein Comedian auf keinen Fall. Comedy ist mir zu einseitig darauf angelegt, dass die Leute möglichst oft lachen und klatschen. Unter diesem Ansatz leidet mitunter das Niveau. Andererseits will ich auch fair sein und sagen: Es gibt durchaus sehr gute Comedians. Wenn jemand gekonnt Blödsinn machen kann, dann ist das auch eine Kunst.

Bleibt die Wahl zwischen Kabarettist und Kleinkünstler.

Kabarett ist ein sehr weites Feld. Beim Kabarett ist alles sehr humorig und satirisch. Das bin ich aber nicht immer und durchgängig. Wenn ich behaupten würde, ich sei ein Kabarettist, dann würde zu Recht jeder Text von mir daran gemessen. Ich mache aber nicht nur Kabarett. Mir gefällt die Bezeichnung literarischer Kleinkünstler ganz gut.

Mit dem Begriff Kleinkünstler machen Sie sich sprachlich klein.

Kleinkunst ist für mich zunächst einmal ein formaler Begriff. Ich meine damit die kleine literarische Form. Ich schreibe ja keine Romane, sondern Gedichte, Lieder und Kurzprosa. In dem Begriff Kleinkunst steckt für mich allerdings auch eine Form von Understatement. Ich messe mich doch nicht mit Goethe oder Schiller, die große Kunst gemacht haben.

Was ist denn die Aufgabe eines Kleinkünstlers?

Etwas aufzudecken, etwas sichtbar zu machen, das vorhanden, aber nicht auf den ersten Blick zu sehen ist. Aber nicht in Form einer Belehrung. Ich will nicht den intellektuellen Spießer aus dem Bildungsbürgertum geben, der sich über den Stammtisch lustig macht, an dem Schwulenwitze gerissen werden. Ich will solche Dinge spielerisch entlarven, indem ich eine Szene entwickele, in der so etwas thematisiert wird.

Hat der Niederrheiner an sich Humor?

Ich glaube, ein Auswärtiger würde den Niederrheiner nicht unbedingt als einen humorvollen Menschen beschreiben. Aber natürlich haben Niederrheiner Humor. Nicht so wie etwa der Rheinländer, der Kölner zum Beispiel, eher etwas tiefgründiger. Auf eine sehr trockene Art. Am Niederrhein werden Dinge sehr unverblümt angesprochen. Eben auf eine typisch niederrheinische Art.

Wie denn?

Ich darf mal aus meinem Buch zitieren und die Antwort mit der dem Niederrheiner nun einmal eigenen Prägnanz auf den Punkt bringen: „Ich kannet dir im Moment echt nicht genau sagen.“

Man liest Ihren Texten an, dass Sie die Menschen und die Landschaft lieben – aber…

(schmunzelt) … aber! Ich weiß natürlich, worauf Sie hinaus wollen. Es ist nicht mein Ding, meine Aufgabe, den Niederrhein zu verklären.

Viele ihrer Kollegen tun aber genau das!

Es gibt eine breite niederrheinische Literatur, die den Niederrhein idyllisiert: blutende Sonne, tolle Nebel, grasende Kühe auf der Weide. Objektiv betrachtet ist der Niederrhein schön, klar. Aber an manchen Stellen ist die Landschaft ökologisch auch sehr gefährdet, das heißt der Niederrhein ist nicht nur heile Welt.

Sondern?

Der Niederrhein hat immer auch das Abgründige. Das muss man entdecken. Hinter den Fassaden werden auch hier Kinder missbraucht und Frauen geschlagen, werden Menschen gemobbt oder leiden Leute unter Ausgrenzung und Intoleranz. Auch darüber schreibe ich.

Und servieren nicht nur leichte Kost. Sie schreiben zum Beispiel von „kleinen Gärten, Weltbild inklusive“ und von der „warmen Bude, Thekenkompetenzen“.

Ich mute meinem Leser zu, dass er sich durch die Tiefen und Untiefen der niederrheinischen Seele hindurchhangelt. Dazu gehört der Humor, auch der unfreiwillige Humor, aber auch, dass man unversehens in Abgründe guckt. Es ist eine Gratwanderung zwischen gemütvoll und abgründig.

Was verlangen Sie von ihrem Leser?

Aufmerksamkeit! Und die Liebe zur Sprache. Es ist nun mal ein Kennzeichen von guter Literatur, dass es kreative Wortschöpfungen gibt. Ob diese dann immer passen, das muss der Leser selbst entscheiden. Aber er sollte sie sich erlesen, und dann darüber nachdenken.

Hört sich so an, als hätten sich zwei gefunden: Sie mit Ihrem hintergründigen Humor und der Niederrheiner mit seinem etwas tiefsinnigen Humor.

(überlegt) Vielleicht. (überlegt) Ja. Der Niederrhein ist seit 35 Jahren meine Wahlheimat. Und mittlerweile ist er zu meiner Heimat geworden. Ich möchte hier eigentlich nicht mehr wegziehen.

Seit 35 Jahren sind Sie schon hier! Das reicht ja schon fast, um dazu zu gehören!

(lacht) Na ja, ich weiß natürlich, dass manche mich nie als richtigen Niederrheiner akzeptieren werden. Aber das geht ja nicht nur mir so.