Hochzeit im Wattenmeer

Bienen in ihrem Stock.  Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool
Bienen in ihrem Stock. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Rumeln-Kaldenhausen.  Harald Krüger vom - über die Stadtgrenzen hinaus bekannten - Bienenmuseum in Rumeln-Kaldenhausen züchtet Königinnen. Deren Herkunftsland ist Österreich.

Sex in 40 Metern Höhe ist eine abenteuerliche Sache. Das kommt vielleicht bei Menschen, die in Hochhäusern leben, vor, oder bei Freeclimbern, bei Bienen ist es gang und gäbe, allerdings im freien Flug. Das weiß Königinnenzüchter Harald Krüger aus Duisburg. „Die Drohnen begatten die Königin in dieser schwindelerregenden Höhe, danach fallen sie tot vom Himmel“, sagt der 68-jährige Imker. Die Königin (Fachausdruck Weisel) paart sich mit etwa einem Dutzend Drohnen, die angelockt von Duftstoffen hinter ihr herfliegen: wo genau die Bienen sich aber zur Paarung treffen bleibt selbst am helllichten Tag im Dunkeln. „Es ist auch eine natürliche Auslese, die stattfindet, da nicht alle männlichen Bienen überhaupt den Flug in diese Höhe schaffen“, sagt Krüger.

Der männliche Drohn führt für einen winzigen Moment, eine halbe Sekunde etwa, sein stacheliges, haariges Geschlechtsteil, das dann fast so lang ist wie er selbst, in die weibliche Geschlechtsöffnung der Königin und platzt danach. „Die höchste bisher gemessene Anzahl von unterschiedlichen Spermien im Körper einer Königin liegt bei 33“, weiß Harald Krüger, der immer gefragt ist, wenn ein Bienenvolk entweiselt wird, heißt also, die Königin stirbt oder wird vom Imker ersetzt. „Das Problem ist, es sind ja nur Arbeiterinnen in diesem Moment vorhanden, die würden elendig zugrunde gehen, ohne ihre Königin“, so der Fachmann, „sie summen dann so laut, dass man meint, sie würden heulen und laufen wild durcheinander.“

Neue Völker entstehen durch Teilung

Das bedeutet, Krüger muss die neue Königin liefern. Er nimmt mit einer Umlarvnadel mehrere eintägige Larven (spätere weibliche Bienen) und gibt diese in die Obhut des königinnenlosen Volkes. Die Bienen betätigen sich jetzt als Ammen und ziehen aus den Larven durch Fütterung von Gelee Royal mehrere neue Königinnen heran. Damit die geschlüpften Königinnen sich jetzt nicht gegenseitig bekriegen, werden sie von Krüger in kleine Käfige gesperrt. Durch Teilung eines großen Bienenvolkes entstehen so neue Einzelvölker, die jeweils eine neue, geschlechtsreife Königin zugesetzt bekommen.

Wichtig bei der Königinnenzucht sind genetische Attribute wie Friedfertigkeit, Honigertrag, Schwarmneigung und Krankheitsresistenz. „Durch gezielte Veredelung seitens der Imker wurde so der Honigertrag deutscher Bienen in den letzten Jahren nahezu verdoppelt“, erklärt Harald Krüger, der über seine Bienenköniginnen peinlichst Buch führt und regelrechte Ahnentafeln und Stammbäume von seiner Brut anlegt, die dann zum Länderinstitut für Bienenkunde nach Hohen Neuendorf in Brandenburg gelangen.

Um den Genpool der Bienenvölker durch unkontrollierte Befruchtung rein zu halten, werden die Königinnen mit den besten statistischen Werten für ihren Hochzeitsflug auf die ostfriesischen Nordseeinseln gebracht. „Die Inseln im Wattenmeer sind normalerweise frei von Bienen, da die Honigbiene nicht so weite Strecken übers Wasser fliegt“, sagt Krüger. Zusammen mit anderen Züchtern wird jetzt die Hochzeit arrangiert, da auch die nötigen Drohnenbienen aus kontrollierten Betrieben mit auf die Inseln verfrachtet werden. Die sogenannten Inselköniginnen haben einen Wert von bis zu 200 Euro pro Insekt und werden vom Züchter per Spezialpost in viele EU-Länder verschickt. „Ich hatte schon Anfragen von Dänemark bis zur Steiermark“, sagt Krüger.

Nach der Befruchtung kehren die Königinnen instinktiv in ihren Ammenstaat zurück und beginnen dann ihr eigentliches Leben als Staatsoberhaupt. Von nun an legt die Königin bis zu 2000 Eier pro Tag, verliert ihre Flugfähigkeit und wird von den Arbeitsbienen ernährt. „Sie selber sammelt überhaupt keinen Honig, vollführt auch nicht den für Bienen typischen Schwänzeltanz und verlässt ihr Nest bis zu ihrem Tode nicht mehr, außer das Volk schwärmt“ weiß der 68-jährige Züchter, der sich am Niederrhein als einziger auf diese spezielle Zuchtform konzentriert. Königinnen können bis zu sechs Jahre alt werden und stehen ihrem Staat in dieser Zeit absolutistisch voran. Sie bedienen sich Zeit ihres Lebens aus dem Spermavorrat, den sie auf ihrem Hochzeitsflug in ihrem Körperinneren gespeichert haben.

Willy hat keinen Vater

Aus befruchteten Eiern der Königin entstehen in der Regel die weiblichen Arbeitsbienen. Nur durch mehrtägige Fütterung der Larven mit Gelee Royal, einem puddingähnlichen Brei der von den Bienen produziert wird, entsteht eine geschlechtsreife Königin. Hingegen aus unbefruchteten Eiern werden in den Waben die Drohnen herangezogen. Zum Ende des Sommers werden sie aus dem Stock, in der sogenannten Drohnenschlacht, verjagt, da die Nahrungsvorräte sich dem Ende zuneigen.

„Mit Willy und der Biene Maja hat das nichts mehr zu tun, wir legen strenge Kriterien für die Nachzucht zugrunde“, sagt Harald Krüger abschließend, „wir haben herausgefunden, dass die österreichische Unterart der Honigbiene (Apis mellifera) genetisch bessere Anlagen trägt, und haben deshalb unsere Königinnen ausgetauscht. Im Prinzip sind dadurch unsere Bienen längst halbe Österreicher.“

Apis mellifera ist die Bezeichnung für die europäische Honigbiene. Es gibt etwa 25 Unterarten. Die Apis mellifera hat ein graubraunes Aussehen, gilt als friedfertig und sammelfreudig. Etwa 40 Kilogramm Honig schafft ein Bienenvolk im Jahresdurchschnitt. Die Körperlänge der Tiere beträgt 15-18 Millimeter bei der Königin, 13-16 Millimeter bei Drohnen und 11-13 Millimeter bei Arbeiterinnen. Ein Volk braucht ungefähr 25 Kilo Winterfutter, meist Zuckersirup.

 
 

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