Hatten Sie keine Angst vor der Stasi, Herr Kley-Olsen?

Hinrich Kley-Olsen vom Ev. Kirchenkreis Moers.
Hinrich Kley-Olsen vom Ev. Kirchenkreis Moers.
Foto: Christoph Karl Banski
Auch heute noch klingt es wie eine verrückte Idee: An einem windigen Märztag demonstrierte Hinrich Kley-Olsen aus dem Westen für Frieden und Freiheit – mitten im Kalten Krieg, in Ost-Berlin

Am Niederrhein.  Sind eigentlich alle deutsch-deutschen Geschichte erzählt? Nein, selbst 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer noch nicht. Zum Beispiel die von Hinrich Kley-Olsen, der heute in Kerken wohnt und früher in Ost-Berlin für Frieden und Freiheit demonstrierte. Als Westler! Genau wie einst Petra Kelly, Gert Bastian und einige andere grüne Parteimitglieder – aber ohne Promischutz.

Zu Beginn, Herr Kley-Olsen, die große Frage: Wo waren Sie am 9. November 1989?

In Oldenburg, dort fing ich gerade mit dem Studium der Diplompädagogik an. Ich wohnte kurzzeitig bei meiner Mutter, mit ihr saß ich vor dem Fernseher und erfuhr so, dass die Mauer gefallen ist. Spontan habe ich mich in den Zug gesetzt. Am nächsten Morgen war ich ganz früh in Berlin und bekam die unbändige Freude der Menschen mit.

Wie standen Sie Anfang der 1980er Jahre zur DDR?

Mit etwa 13 Jahren war ich als Schüler in West-Berlin. Damals habe ich über die Mauer geguckt, habe den Todesstreifen gesehen – das hat mich sehr betroffen gemacht. Ich konnte mich nie an die Grenze gewöhnen. Für mich war die Mauer Symbol für das Leid von Menschen und Herrschaftsmittel der selbstgerechten SED-Diktatur.

Wie kam es damals zu Ihrem Protest in der DDR?

Ab 1984 bekamen wir mehr mit von einer Friedensbewegung in der DDR – trotz der Bespitzelung durch die Stasi, trotz drohender Haftstrafen für kleinste Versuche, sich oppositionell zu engagieren. Daraus entwickelten wir, fünf Menschen in der West-Friedensbewegung, die Idee, auch etwas in der DDR zu tun.

Was wollten Sie mit dieser Aktion erreichen?

Wir wollten uns mit der DDR-Friedensbewegung solidarisch zeigen. Und wir wollten der DDR-Regierung zeigen, dass wir nicht hinnehmen, wenn Menschen, oft aus der Kirche, inhaftiert und drangsaliert werden. Es gab Kontakt zu zwei Kamerateams, sie sollten unsere Aktion im West-Fernsehen zeigen, damit diese dann auch im Osten zu sehen war.

Was geschah am 29. März 1985?

Wir fuhren von West- nach Ost-Berlin. Zwei Frauen, drei Männer. Über die Grenze hatten wir Flugblätter und ein Transparent geschmuggelt. Auf den Flugblättern standen die Namen von Menschen, die in der DDR wegen oppositioneller Tätigkeiten inhaftiert waren. Das Transparent aus dünnem Fahnenstoff war in einer Miederhose versteckt, darauf stand: „Gegen die Verfolgung der Friedensbewegung in Ost und West. Mutlanger Blockierer/innen grüßen die unabhängige Friedensbewegung in der DDR.“

Was passierte auf dem Alexanderplatz?

Mit den Kamerateams waren der Brunnen auf dem Alexanderplatz als Treffpunkt und eine Uhrzeit abgesprochen. Es war sehr windig an diesem Tag. Als wir festgenommen wurden, flogen die Flugblätter durch die Luft und wurden bis an das Einkaufszentrum dort geweht. Ob sie jemand dort aufgehoben und gelesen hat, weiß ich nicht.

Wie haben Sie die Festnahme erlebt?

Nachdem wir unser Transparent entrollt hatten, dauerte es nur wenige Minuten, bis wir von einem Zivilbeamten festgenommen wurden. Es liefen zwar noch Uniformierte herum, aber die haben nichts gemacht. Er packte mich von hinten an der Jacke und schob uns fünf über den Alexanderplatz.

Sie leisteten keinen Widerstand?

Aus heutiger Sicht klingt es komisch, er war allein, wir zu fünft. Vielleicht hatten wir Angst, durch Hinsetzen die Situation eskalieren zu lassen. Wir hielten uns alle an den Händen und sangen das Lied: „Freunde, Freunde, reicht einander doch die Hand. Frieden soll die Botschaft sein, von uns zu euch.“ Er hat immer wieder gesagt, wir sollen doch aufhören, zu singen, aber wir haben einfach weiter gesungen. Es muss verrückt ausgesehen haben.

Wohin wurden Sie abgeführt, in die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße?

Nein. Es ging durch die Unterführung am Alexanderplatz etwas weiter zur Zentrale der Volkspolizei in der Keibelstraße.

Wie wurden Sie verhört?

Unsere Gruppe wurde getrennt. Jeder von uns kam in ein Büro. Dort saßen wir und wurden von einem Polizisten oder Stasi-Mitarbeiter verhört, zeitweise standen oder saßen auch andere noch dabei.

Hatten Sie Angst?

Ich erinnere mich, dass ich aufgeregt war. Das Verhör war anstrengend. Diese Naivität der Verhörer, ihre stupiden Fragen und ihre immer wiederkehrenden Parolen wie „Wir sind der Friedensstaat“ – das war irgendwie auch Kabarett. Ich will es nicht verniedlichen, mit Blick auf die schlimmen Erfahrungen, die DDR-Bürger in der Keibel-straße gemacht haben. Aber mit uns Westlern wusste die Volkspolizei, Stasi oder wer immer das wirklich war, nicht umzugehen.

Wie endete das Verhör?

Nach ungefähr vier Stunden sagte ein Volkspolizist in harschem Ton, dass ich mitkommen soll. Unten traf ich die anderen wieder. Wir mussten in ein Auto steigen und wurden weggefahren. Weil wir aber nur zu viert waren und einer von uns noch fehlte, haben wir lautstark protestiert. Daraufhin fingen die Volkspolizisten hektisch an zu telefonieren. Am Bahnhof Friedrichstraße waren wir endlich wieder zu fünft.

Vom Bahnhof Friedrichstraße ging es zurück in den Westen?

Wir wurden in eine S-Bahn gesetzt und fuhren los. Am Anhalter Bahnhof stiegen wir aus. Als wir aus der S-Bahn waren, schrien wir laut: „Freiheit!“ Immer wieder. So viel zur vorherigen Frage nach der Angst. Nach meiner Erinnerung sind wir dann erst mal Kaffee trinken gegangen.

Und abends haben Sie im Fernsehen den Bericht über Ihre Aktion angeguckt?

Nein. Das war in den emotional aufgeladenen Momenten nicht so wichtig. Wir wussten ja, dass die Kamerateams da waren. Eigentlich sollte an diesem Abend noch ein Interview mit uns gemacht werden, aber das ist geplatzt. Was wir nicht bedacht hatten: An diesem Tag wurde Ernst Jünger 90. Das war dem Sender wichtiger als wir.

Ihre Aktion war sehr mutig!

Wir waren keine Helden! Wir hatten vorher einschätzen lassen, was passieren kann. Klar war, dass Westler für eine solche Aktion nicht einfach festgehalten werden können. Vielleicht für ein paar Tage, aber nicht für länger. Es bestand also für uns keine wirkliche Gefahr.

Letzte Frage, Herr Kley-Olsen, aus aktuellem Anlass: War die DDR ein Unrechtsstaat?

Ja. Und das heißt jetzt nicht, dass damit das Leben von Menschen abgewertet wird, die versucht haben, ihren Alltag zu leben, die im Alltag der Diktatur klar kommen mussten. Ich spreche aber eher von der SED-Diktatur – damit ist doch alles gesagt.

INFOS:

„Gegen Vergessen und Verdrängen der SED-Diktatur in der DDR 1949-1989“ – unter diese Überschrift hat Hinrich Kley-Olsen sein Internet-Portal gestellt, dort sammelt er Wissenswertes zur DDR, Grenze, friedlichen Revolution, Wiedervereinigung und Aufarbeitung der SED-Diktatur. Und er fragt Menschen nach ihrer (deutsch-deutschen) Geschichte. www.mauerfall-berlin.de


„Schwerter zu Pflugscharen“ hieß die Friedensbewegung, der Dietmar Schultke angehörte. Davon erzählt er am Dienstag, 25. November, 19.30 Uhr, im Hanns-Dieter-Hüsch-Bildungszentrum in Moers. Eintritt: 5 Euro.

 
 

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