Geschichten aus einem versunkenen Niederrheinland

Foto: Grenz Echo Verlag
Vierkant-Hof, Wachstischdecke und die blöde Marieke: Hermann-Josef Schürens Roman „Junge Stiere“ kehrt zurück in die Alltagswelt der 60er.

Am Niederrhein. Der Niederrhein der sechziger Jahre, als einer wie Hanns Dieter Hüsch noch zum „Schwarzen Schaf“ gestempelt und weggeekelt wurde, wirkt heute weiter weg als das halbe Jahrhundert zwischen ihm und uns. Es gab die A57 noch nicht und Frauen brauchten die Erlaubnis ihrer Männer, wenn sie arbeiten gehen wollten. Die meisten sprachen oder verstanden Platt, der Katholizismus war noch dumpf und fragloser Alltag, Kirchgang, Beichte und Sonntagsfrühschoppen hatten den Rang von Naturgesetzen.

Kriegskrüppel und Bauernsorgen

Bauern waren in der Mehrzahl und hatten schwer zu kämpfen, Knechte, oft Kriegskrüppel, galten nicht selten als rechtlos. Prügel für Kinder war Alltag, auf den Wiesen drängten sich die Schwarzbunten und Fernseher standen vor allem in Kneipen. Im Winter, wenn es draußen nichts zu tun gab, hockten die Menschen dumpf in den Stuben, und nur der heftige Zigarrendunst der Patriarchen milderte den trüben Anblick.

Bislang hat noch niemand diese Atmosphäre festgehalten – bis zu dem Tag, an dem eben jener Roman von Hermann-Josef Schüren erschien, der an diesem Sonntag mit dem Niederrheinischen Literaturpreis ausgezeichnet wird: „Junge Stiere“. Der Held Jakob Schoep­manns ist einer jener begabten, sensiblen, unterdrückten Jungen in der langen Helden-Reihe von Hans Giebenrath aus Hermann Hesses „Unterm Rad“ bis zum Benjamin in Benjamin Leberts „Crazy“.

Jakob, aus dessen Augen „Junge Stiere“ (womit seine vier Brüder und ihre Umgangsformen gemeint sind) in knappen Sätzen und farbigen Worten erzählt ist, lebt auf einem Vierkant-Hof. Sein Vater sträubt sich stur gegen Verordnungen und Ratschläge der „EWG“ in Brüssel und beharrt darauf, dass sein Hof sich nicht auf Tier- oder Pflanzenzucht spezialisiert, er hält verzweifelt an dem fest, was heute als „integrierte Produktion“ Öko-Standard ist, damals aber einen Hof nach dem anderen sterben ließ.

Jakob sitzt mit der „blöden Mareike“ (die gar nicht blöde war, sondern nur depressiv) unterm Holunderbusch und redet mit ihr übers Weinen. Die anderen foltern Ratten, damit ihre Artgenossen die Flucht ergreifen, „Jakopp“ aber steckt den toten Spatz in die Tasche, um ihn auf einem jener Misthaufen zu bestatten, die heute am biogasgrünen Niederrhein auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Orts­arten stehen. „Jakopp“ ist einer, der versucht, die zerbrochenen Muschelschalen im Hühnerfutter wieder zusammenzusetzen. Sein älterer Bruder, hochbegabt, lehnt sich auf gegen Schützenmuff, Obrigkeitsdenken und den autoritären Vater – wir sind in den späten 60ern.

Tante Erika und das Telefonkabel

„Junge Stiere“ kennt Originale wie den dicken Lohnunternehmer Maihart, ein brutaler Hallodri, der in Cowboystiefeln und dickem US-Schlitten daherkommt, jedes Tier gefügig macht und mit viel Mühe seine Homosexualität unterdrückt. Oder Russki, der einstige Kriegsgefangene aus dem Osten, der immer noch glaubt, der Krieg wäre nicht vorbei.

Hermann-Josef Schüren hat sie wunderbar genau erinnert, diese kleinen Details wie das Telefonkabel, das sich Tante Erika im Gespräch um den Zeigefinger wickelt, das Scheppern der blechernen Milchkannen, das ewige Wachstischtuch und die ewigen Fliegen in der Küche, wo die Mutter einem Jungen nach dem anderen die Haare stoppelig rasierte, mit dem Hundeschergerät.

Am Ende wird Jakob gehen, ins Internat, und sein Vater prophezeit ihm, dass er nie mehr zurückkehren wird. Hermann-Josef Schüren war auch auf einem Internat – er ist der mittlerweile dritte Gaesdonck-Absolvent nach Christof Peters und Paul Ingendaay, der mit dem Niederrheinischen Literaturpreis ausgezeichnet wird. Und er ist doch zurückgekehrt an den Niederrhein – zum Glück ist ein Roman draus geworden und nicht nur ein Verwandtenbesuch.

 
 

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