Fünf. Oder was sagen Sie?

Die Schranken öffnen sich, Elten gehört wieder zu Deutschland. Foto aus der berühmten Butternacht 31.Juli/1. August 1963
Die Schranken öffnen sich, Elten gehört wieder zu Deutschland. Foto aus der berühmten Butternacht 31.Juli/1. August 1963
Foto: NRZ
Es gibt ein kleines Fleckchen am Niederrhein, da sagen die Menschen feif, wenn sie fiff meinen... Die Eltener sind eben heute immer noch ein kleines bisschen niederländisch. Und sind froh und glücklich damit.

Elten und drumrum..  Wenn man mit einem Sprachwissenschaftler unterwegs ist, wundert man sich irgendwann über nix mehr. Selbst wenn Dr. Georg Cornelissen, Sprachforscher in Diensten des LVR (Landschaftsverband Rheinland) und der „So sprechen wir am Niederrhein-Kenner“ schlechthin, über Friedhöfe schlendert und begeistert vor Grabsteinen stehen bleibt. Nur hier, nirgends anderswo im deutschsprachigen Raum, finden sich so viele oos und uus und van ders in den Nachnamen.

Der Niederrhein als Sprachlabor. Im dritten Teil unsere Serie „200 Jahre Niederrhein, Leben an der Sprachgrenze“ sind wir heute in und um Elten unterwegs – und plötzlich mitten drin in der Zeit, als Elten noch bei Holland war, vor mehr als 50 Jahren.

Und immer wieder Jans(s)en

Im April 1949 wurde aus dem deutschen Elten das niederländische Elten. Bis 1963 stand das Örtchen und mit ihm 3225 Einwohner 14 Jahre lang unter niederländischer Auftragsverwaltung. Die Eltener bekamen Zusatzvermerke in ihre Reisepässe: „Wird wie ein Niederländer behandelt“, die Straßen erhielten neue Namensschilder und die Niederländer kamen zuhauf, um die neuen Gebiete zu besuchen. Die Eltener (wie auch die die Bewohner von Suderwick-West und einige Selfkant-Dörfer) führten ein Leben zwischen den Grenzen. Aber die Anpassung an die neuen Gegebenheiten erfolgte großzügig: Man war zwar „niederländisch“ und die Dörfer zeigten auch recht bald ein niederländisches Äußeres (kann man heute noch sehen, etwa im Viertel Hoek van Holland). Aber ein Identitätswechsel erfolgte nicht: Die Eltener blieben Deutsche unter Niederländern. Sie sprachen auch weiterhin Deutsch. Und auch beide Schriftarten, das Niederländische und das Deutsche, waren und blieben fest verankert.

„Die Sprachgrenze hätte verändert werden können“, so Dr. Georg Cornelissen. „Plötzlich war die Möglichkeit da, an der deutschen Sprache zu rütteln, sie durch das Niederländische abzulösen. Das ist aber nicht passiert.“

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Dr. Georg Cornelissen auch mit den Nachnamen des Niederrheins – um herauszufinden, wo wir herkommen und warum wir so sprechen wie wir heute sprechen. Die Spurensuche auf dem Eltener Friedhof schenkt denn auch Bemerkenswertes: „Es gibt Namen, die haben Einwanderer aus den benachbarten Niederlanden mitgebracht: Modderkolk als Paradebeispiel“, so Cornelissen. Und es gibt niederrheinische Namen, die werden nicht nach deutschen Regeln, sondern nach niederländischen Regeln geschrieben: Meurs, stammend vom Stadtnamen Moers: Im Niederländischen wird eu als „ö“ gesprochen. Zum Beispiel.

Bei den Namen darf Janssen (mit Varianten) nicht fehlen: Vielleicht der typischste Namen des Niederrheins überhaupt – Georg Cornelissen hat darüber ein eigenes Buch geschrieben: „Jans(s)en vom Niederrhein. Die Erfolgsgeschichte eines Namens“, Kleve 2011.

Und dann lässt der Wissenschaftler mal eben Fünfe gerade sein: Viff und feif, füff und fönf... Ist alles Niederrhein und doch regional ganz unterschiedlich. Man erkennt den Einfluss unserer oranjen Sprachnachbarn: Nur in der Linie Ottersum, Zyfflich, Tolkamer, Elten und Didam sagt der Mensch feif oder vejf wenn er fünf meint. Georg Cornelissen: „In den meisten Dialekten des Niederrheins lautet das Zahlwort ‚fünf’ „fiff“ oder – mit langem „i“ – „fief“ (auf der Karte: rot). Orange steht für „füff“, das sich erst sehr spät aus „fiff“ entwickelt hat. In Elten und einigen anderen grenznahen Orten haben die Dialektsprecher vor langer Zeit „feif“ aus den Niederlanden übernommen (daneben gebrauchen sie aber auch „füff“). Das Standardniederländische hat „vijf“ (sprich „vejf“).“

Auch sonst zeichnet sich das Eltener Platt durch viele Übereinstimmungen mit den Nachbarorten Tolkamer, Didam oder Zeddam aus. „Wer hier zwischen 1949 und 1963 den Dialekt beherrschte, konnte sich mit vielen niederländischen Besuchern recht problemlos unterhalten.“ – „Als wir bei Holland kamen“ ist auch so eine typisch eltenniederheinische Formulierung. Meist denken den Eltener dann an die „Butternacht“ im Juli/August 1963, als Elten wieder Deutschland war und pfiffige Eltener tonnenweise Butter, Kaffee und Spirituosen bunkerten – um alles mit ordentlichem Gewinn (und ohne Einfuhrsteuer zu zahlen) im dann wieder deutschen Elten zu verkaufen.

„Gebunkert“ haben die Eltener bis heute auch einige niederländische Wörter in ihrem Dialekt. So heißt es im Eltener Platt „De Böss is niet gekomme“, wenn der Omnibus nicht kam. Die übliche Bezeichnung in den Dialekten des unteren Niederrheins aber wäre „Bus“ – wie im Deutschen.

Wir laden ein zu einem vergnüglichen Abend mit Dr. Georg Cornelissen (LVR). Donnerstag, 11. Juni, 19-21 Uhr, wird er uns erklären, was den Niederrhein sprachlich ausmacht. Dazu gibt es u.a. historische Dialekt-Aufnahmen vom gesamten Niederrhein. Ort: Niederrheinisches Museum für Volkskunde in Kevelaer, Hauptstr. 8. Eintritt frei.

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