"Duisburg sollte die Karten ehrlich auf den Tisch legen"

Hatice Akyün
Hatice Akyün hat einen Gastkommentar über ihre Heimatstadt Duisburg und OB Adolf Sauerland  geschrieben.
Hatice Akyün hat einen Gastkommentar über ihre Heimatstadt Duisburg und OB Adolf Sauerland geschrieben.

Duisburg. "Duisburg ist meine Heimat. Diese Stadt hat mir viel gegeben und mich so sozialisiert, dass ich nunmehr seit über zehn Jahren in Berlin nicht nur überleben, sondern auch leben kann." Schreibt Schriftstellerin Hatice Akyün in ihrem Kommentar über Duisburg:

Berlin ist genau genommen auch eine Ruine, nur Berlin hat das nicht einen Moment lang irritiert. Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie. Und so klettert Berlin in den Rankings seit Jahren kontinuierlich die Leiter hoch. Arm aber sexy, damit vertritt ein Regierender Strahlemann die einzige Metropole, die diese Republik zu bieten hat. Und mit vielen Abstrichen, würde keiner bestreiten, dass es wirkt.

Wir Duisburger mussten immer zusammen stehen, um unser schlechtes Image nach außen zu verteidigen. Trostlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Kriminalität klebt als Negativimage an uns, und trotzdem ist Duisburg unser Duisburg geblieben. Seit letztem Jahr müssen wir unsere Stadt noch gegen einen weiteren Minus-Faktor verteidigen, unseren Oberbürgermeister. Wohl gemerkt, weder die Vorgänge um die Loveparade, noch das Verhalten des Stadtoberhauptes möchte ich hier werten. Fakt ist, Duisburg hat seitdem einen Nicht-Oberbürgermeister, der dadurch auffällt, möglichst nicht aufzufallen, was aber jedem auffällt.

Duisburg ist so hoch verschuldet, dass wir der Bezirksregierung in Düsseldorf unterstehen. Mit einem dreistelligen Zuschuss in Millionenhöhe finanziert die Stadt Soziallasten, für die sie weder vom Land noch vom Bund Kompensation erhält. Und es sieht auch nicht so aus, als ob wir bald nennenswert Schulden abtragen könnten. Eine Schuld, für die wir strukturbedingt nichts können, wird eines Tages getilgt oder eben nicht. Im Gegensatz zu unserem Oberbürgermeister. Der hat seinen Kredit verspielt und er bekommt auch keinen mehr, selbst von denen, die ihn heute noch tragen. Es ist keine Frage von Schuld, es ist eine Frage von Verantwortung und es ist eine Frage von ungeschriebenen Gesetzen, dessen Vollzug man sich nicht entziehen kann. Ich rede von Anstand. Von außen betrachtet kommt es mir so vor, als ob man in einer wechselseitigen Erstarrung versuchen würde, in Duisburg die Uhr anzuhalten, wohl wissend, dass die Zeit weiterläuft, gegen uns.

„Der Oberbürgermeister hat ein offenes Ohr für Sie. Sie möchten Oberbürgermeister Adolf Sauerland Ihre Anregungen oder Beschwerden mitteilen? Ob schriftlich oder im persönlichen Gespräch in der Bürgersprechstunde - der Oberbürgermeister ist auf vielen Wegen zu erreichen“, steht auf der Homepage der Stadt Duisburg. Vielleicht ist Herr Sauerland auf vielen Wegen zu erreichen, nur definitiv dringt nichts mehr zu ihm durch. Die Stadt führt er nicht mehr, deshalb wird man ihn ablösen müssen. Wer aber glaubt, damit eine Rückkehr zur Normalität erreichen zu können, der irrt. Oder wollte vielleicht auch nicht mehr erreichen, als eine tragische und bemitleidenswerte Gestalt, durch eine andere menschliche Büroklammer zu ersetzen.

Unsere berühmte Filmfigur Horst Schimanski sagte: „Was, Unterlagen lesen, jetzt? Ach, du Scheiße.“ Ich habe sie gelesen, damit ich wenigstens mit meinem Geschwätz von außen nicht mehr zu sagen habe, außer Geschwätz. Mir ist aufgefallen, dass man die Strukturdaten der Stadt nicht einfach von der Internetpräsenz Duisburgs herunterladen kann. Steht es so schlimm? Es war zwar ein bisschen umständlich, aber zum Glück gibt es auch andere Quellen.

Dass Duisburg mit über drei Milliarden Euro Schulden etwas Griechisches anhaftet, mag noch angehen, sind wir doch mit den anderen Ruhrpottstädten in bester Gesellschaft. Auch, dass der Aufschwung am Arbeitsmarkt nahezu spurlos an Duisburg vorüberzieht, könnte man zähneknirschend hinnehmen. Genau dann, wenn das Augenmerk auf die Zukunft stimmen würde. Wir sind nicht nur Platz zwei in der pro Kopf Verschuldung in NRW, gefolgt von Platz eins in der Arbeitslosigkeit, wir sind bei Schulabbrechern weit überdurchschnittlich, bei Abiturientenquote, Studierenden, Beschäftigten mit akademischen Abschluss ganz weit hinten. Dass Mönchengladbach, Oberhausen, Essen und Dortmund uns ab und an die rote Laterne streitig machen, ist kein Trost. Uns gehen mehr als den anderen die Kinder aus, denen bringen wir zu wenig bei und die vielen, die wir an unserer Universität in Technik und Geisteswissenschaft zu Abschlüssen bringen, finden hier keinen Arbeitsplatz und wandern ab.

Wäre ich vor zehn Jahren in Duisburg geblieben, würde ich heute in meinem Zechenhäuschen dem Treiben im Ruhrgebiet beiwohnen. Das tue ich aber nicht und daher steht mir auch kein Urteil über die zu, die sich mit aller Kraft in Duisburg einbringen. Aber meine Meinung darf ich sagen, und die ist frei nach Johannes Rau: „Harmonie bis zur Harmlosigkeit, ist keine Lösung für Duisburg.“

Wer das Unmögliche für Übermorgen nicht zu denken wagt, wird die Kraft, das Mögliche am nächsten Tag durchsetzen zu können, nicht haben. Oberbürgermeister Sauerland abzuwählen, ist letztlich keine moralische Frage, das wäre so wohlfeil wie falsch gedacht. Die Stadt braucht jemanden, der den Kompass für eine neue Richtung lesen kann und andere dafür begeistert. Inhaltlich getragen von einer Bevölkerung, die aus dem Stillstand raus will. Drei Dinge fallen mir jetzt noch spontan ein, die zu tun sind: Mein Duisburg sollte mal die Karten ehrlich auf de