Die Jung-Türkinnen

Asli Sevindim und Hatice Akyün
Asli Sevindim und Hatice Akyün

Duisburg..  Beide sind moderne und erfolgreiche Frauen, stammen aus Marxloh, haben anatolische Wurzeln und gelten als Paradebeispiele für gelungene Integration: Die Schriftstellerin Hatice Akyün (41) und die Ruhr2010-Direktorin Asli Sevendim (36).

Aber beide sind im Moment ziemlich vergrätzt. Über Form und Inhalt der Integrationsdebatte. „Im Moment denke ich erstmals darüber nach, in die Türkei zu gehen. Aber das wäre ein Auswandern, kein Zurückgehen“, sagt Autorin Akyün, die von ihren beiden Büchern „Einmal Hans mit scharfer Soße“ und „Ali zum Dessert“, in denen sie mit viel Humor und Tempo ihren deutsch-türkischen Alltag beschreibt, inzwischen mehrere hunderttausend Exemplare verkauft hat.

„Die gegenwärtige Integrationsdebatte ist schrecklich inhaltsleer“, ärgert sich auch Asli Sevindim, die übrigens mit „Candlelight Döner“ 2005 ebenfalls ein heiter-ironisches Buch über den Kampf der Kulturen auf dem heimischen Sofa geschrieben hatte. Doch im Moment ist ihr bitterernst zumute: „Erst war Deutschland 30 Jahre lang ein Einwanderungsland, ohne dass ein Politiker es wahrhaben wollte. Jetzt wird eine Einwanderung herbei geredet, die nicht stattfindet.

Deutschland ist ein Auswanderungsland

Deutschland ist ein Auswanderungsland. Es gehen mehr als kommen“, zählt die Frau von der Kulturhauptstadt auf und betont: „Kein Einwanderer kehrt seinem Land den Rücken, um sich woanders in eine soziale Hängematte zu legen. Die Leute verlassen ihre Heimat, weil sie sich in der Fremde einen sozialen Aufstieg erhoffen.“ Die vom bayrischen Ministerpräsidenten Seehofer herbeischwadronierte Migration in die Sozialsysteme entlarvt sie als ausgemachten Unfug. Ein verzweifelter Versuch, den Luftraum über die rauchfreien, bayrischen Stammtische zurückzuerobern. Auf Kosten der Migranten.

Eine Ansicht, die auch Hatice Akyün teilt. „Meines Erachtens geht es den Politikern darum, Stimmung zu machen, um am Ende die Stimmen zu bekommen. Ich hoffe sehr, dass die Wähler das durchschauen“, sagt die Schriftstellerin, die inzwischen in Berlin lebt und sich derzeit ausgerechnet in Istanbul, der Partner-Kulturhauptstadt des Ruhrgebiets, aufhält.

„Deutschland macht es seinen Einwanderern immer noch zu schwer, urteilt Sevindim. „Alles beklagt den Fachkräftemangel, aber es gibt in diesem Lande Diplom-Physikerinnen, die als Zimmermädchen arbeiten müssen, weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden“, sagt die braunhaarige Frau und legt ihre Stirn in Falten.

Bildung ist der Schlüssel

Für beide ist Bildung der entscheidende Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration. „Ich kann dieses Geschimpfe über Erzieher und Lehrer nicht mehr ertragen“, ärgert sich die WDR-Moderatorin. „Sie brauchen unsere Unterstützung.“ Wenn es nach ihr ginge, wäre der Kindergarten längst Pflichtprogramm. Bildung war im Hause Sevindim jedenfalls wichtig. „Das hat meine Grundschullehrerin - eine wunderbare Frau - meinen Eltern nahe gebracht.“ Und daran hat sich ihr Vater, der heute noch als Kranführer bei ThyssenKrupp arbeitet, gehalten: Ihr sollt niemals wie Matten werden, an denen sich andere die Füße abtreten, gab er seinen drei Töchtern mit auf den Weg.

Auch bei Hatice Akyün war es eine Pädagogin, die ihr den Weg in den Journalismus und in die Schriftstellerei ebnete. „Ich habe ihr unendlich viel zu verdanken“, sagt sie über ihre ehemalige Lehrerin, die heute ihre engste Vertraute und Freundin ist. „Ich könnte auch sagen, sie ist meine Integration.“ Auch ihr Vater, der aus einem anatolischen Dorf stammt und niemals die Schule besuchen durfte, ist heute stolz auf seine gebildete Tochter. „Vor einigen Wochen saßen wir beim Zuckerfest alle gemeinsam am Tisch, meine vier Nichten zwischen sechs und 18 Jahre waren da. Mein Vater schaute sie an und sagte streng: Ihr werdet wie eure Tante Hatice, Ihr macht alle Abitur.“

Sowohl Sevindim als auch Akyün funktionieren für die jungen Migrantinnen als Vorbilder. „Mein Vater sagt heute, dass ich den Weg für meine Schwestern und für viele andere türkische Mädchen geebnet habe. Ich sei mit meinem Dickkopf zu einem Vorbild geworden“, so Akyün. Und auch Sevindim wird längst von den jungen, türkischen Mädchen auf der Straße erkannt. Während des Interviews in einem Duisburger Café schauen sie verstohlen zu ihr herüber.

Böse Schmäh-Briefe

Soviel Bewunderung erntet die 36-Jährige nicht immer: Seit ihrem Auftritt in Frank Plasbergs Diskussionsrunde „Hart, aber fair“ bekommt die sonst stets freundliche Moderatorin jedenfalls erheblich mehr böse Schmäh-Briefe als zuvor. Damals hatte sie sich heftig mit Thilo Sarrazin angelegt und berichtet, wie akribisch ihr Vater nach der Anwerbung in der Türkei auf den Aufenthalt in Deutschland vorbereitet wurde. „Der hat damals eine Rektaluntersuchung bekommen, sonst nichts. Auch keinen Sprachkurs.“ Für ihre Mutter, die übrigens schon ein Jahr zuvor nach Duisburg gekommen war, hatte die Firma immerhin noch einen Blumenstrauß parat.

Von soviel Anerkennung sind die Migranten heute weit entfernt. Stattdessen bestimmen wechselseitige Vorwürfe das Bild. „Es liegt vielleicht auch daran, dass Deutschland die türkischen Einwanderer auch nach drei Generationen noch nicht in der Mitte aufgenommen hat“, sagt Hatice Akyün. „Die Mehrheitsgesellschaft muss Integration auch zulassen“, betont Asli Sevindim. Wobei Integration für sie nicht Anpassung, sondern auch Respekt vor der Vielfalt bedeutet. Auch vor der religiösen Vielfalt.

Aufruf zum heiligen Krieg

„Nicht jeder Ruf eines Muezzins ist gleich ein Aufruf zum Heiligen Krieg“, sagt Sevindim. „Es ist absoluter Quatsch, dass Religion ein Integrationshemmnis sein soll. Ich fresse eine Moschee samt Minarett, wenn kriminelle, schlecht Deutsch sprechende und sich der Integration verweigernde Türken oder Araber auch nur eine Sure aus dem Koran zitieren können“, verspricht Hatice Akyün, die sich selbst mit knappen Worten beschreibt: „Türkin, Deutsche, Muslima, Journalistin. Nicht zwangsverheiratet und trägt auch kein Kopftuch.“ Ironie des Schicksals übrigens ist, dass die Autorin nach jahrelanger Suche nach ihrem Hans jetzt ausgerechnet mit einem Ali, einem Türken, verheiratet ist und mit ihm gemeinsam die vierjährige Tochter Merve Johanna erzieht.

Und Asli Sevindim hat sich inzwischen in aller Freundschaft von ihrem deutschen, nicht-muslimischen Ehemann getrennt und ist inzwischen geschieden. „Das ist nichts Besonderes“, sagt die Fernsehfrau. „Auch für eine türkischstämmige Frau nicht.“ „Ich würde sogar die These aufstellen, dass die Mehrheit der jungen Deutsch-Türkinnen genauso modern und selbstbestimmt lebt wie die jungen Deutschen“, ergänzt Hatice Akyün.

 
 

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