Das Leben des Heribert Hölz

Carmen Friemond
Familienerinnerungen: Heribert Hölz (r.) mit seiner Mutter und seinen Geschwistern. Sein Vater ist auf dem Foto rechts an der Wand zu sehen. Repro: Gisela Weisskopf. Fotos im Artikel: Bernd Lauter
Familienerinnerungen: Heribert Hölz (r.) mit seiner Mutter und seinen Geschwistern. Sein Vater ist auf dem Foto rechts an der Wand zu sehen. Repro: Gisela Weisskopf. Fotos im Artikel: Bernd Lauter
Foto: WAZ FotoPool
„Von Lebertran bis Slivovic“ heißt das erste Buch des 68-jährigen gebürtigen Duisburgers, der die Bosnienhilfe am Niederrhein gegründet hat.

Am Niederrhein.  Geschrieben hat er schon immer. Über seine bislang 72 Reisen nach Bosnien zum Beispiel, viele dicken Kladden voll. Oder die Chronik seiner Familie, für jedes Jahr ein Extra-Band, insgesamt mehr als 10000 Seiten. Überhaupt, sagt Heribert Hölz, „das Schreiben zieht sich wie ein roter Faden durch die Familie Hölz“. Auch die Eltern schrieben viel. Briefe vor allem, der Vater an die Mutter aus dem Krieg, die Mutter an ihre beste Freundin in Süddeutschland, als sie als Kriegerwitwe mit drei kleinen Jungen alleine da stand. Alle Briefe sind noch erhalten. Genau wie das kleine Bändchen „Einige Meilensteine an meinem Lebensweg“, in dem Hölz‘ Mutter Erlebnisse festhielt. Aber auch wenn die Familie schreibwütig war und ist: Es war nie für die Öffentlichkeit gedacht. Und so staunte Heribert Hölz, der Initiator und Motor der Bosnienhilfe der Caritas Duisburg, nicht schlecht, als ihn eines Tages ein Verleger aus Rheinberg anrief und sagte: „Herr Hölz, Sie müssen ein Buch schreiben.“ Das hat der Herr Hölz nach anfänglichem Zögern auch getan. Es erscheint in dieser Woche, trägt den Titel „Von Lebertran bis Slivovic“ und der Untertitel verrät, dass es nicht nur um den Balkan geht: „Vom Kriegskind zum Bosnienhelfer“.

Ohne Vater aufgewachsen

Viele Niederrheiner kennen Heribert Hölz durch seinen unermüdlichen Einsatz für Bosnien. Und sicher hat der eine oder andere sich auch gefragt, warum sich jemand so uneigennützig für andere einsetzt, sich dabei in Gefahr begibt, nie weg läuft oder weg sieht. Was ist das für ein Mensch, der, als Anfang der 90er Jahre die ersten Bilder vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien über den Bildschirm flimmern, nicht nur sagt, oh, wie schrecklich, und dann zur Tagesordnung übergeht, sondern sich hinsetzt, Geld sammelt, Hilfsgüter kauft und losfährt? Mitten in den Krieg. Wer aufmerksam liest, findet in seinem ersten Buch die Antwort. Heribert Hölz, Jahrgang 1942, wuchs wie so viele seiner Generation ohne Vater auf. Der fiel im Krieg, Ende 1944 in Lettland. Lange Zeit blieb sein Schicksal ungewiss, erst gut drei Jahre später kam die Nachricht, dass er bei einem russischen Angriff ums Leben gekommen war. 208 Briefe an seine Frau sind aus dieser Zeit erhalten, die hatte Hölz‘ Mutter gehütet wie einen Schatz. Und als die drei Söhne die Briefe nach ihrem Tod lesen durften, kamen sie einem sehr gläubigen und sehr mitfühlendem Mann nahe, den das Grauen um ihn herum nicht abstumpfen ließ. Da spricht ein Mann offen über sein Entsetzen, wie mit der Zivilbevölkerung umgegangen wird, da fragt er mehr als einmal „Warum muss das alles sein?“ Eine Frage, die Hölz im zweiten Teil des Buches, als er über seine ersten Fahrten nach Bosnien schreibt, indirekt auch so stellt. Sicherlich – neben seinem Glauben und der Überzeugung, dass der Stärkere dem Schwächeren helfen muss, ein Motiv für sein Engagement. Menschen helfen zu wollen, zieht sich durch sein Leben, viele Jahre war er als Sozialarbeiter bei der Caritas beschäftigt.

Ein Weltenbummler und Beobachter

Heribert Hölz nimmt seine Leser mit auf eine bewegende, aber auch bezaubernde Reise in die Vergangenheit. „Ist das alles sentimental, was ich hier schreibe?“ fragt er an einer Stelle. Die Antwort ist eindeutig nein. Wer ihn kennt, weiß, dass Verlag und Lektor nicht redigiert haben, Hölz schreibt, wie er erzählt. Mal humorvoll, mal gerührt, hier spricht jemand, der sich selbst auch auf die Schippe nehmen kann, wie der Niederrheiner sagt, und jemand, der den Mut hat, zuzugeben, dass er auch Angst hat. Aufgewachsen ist der heute 69-Jährige in Duisburg-Hochfeld, in ausgesprochen bescheidenen Verhältnissen. Die Mutter muss ihre drei Jungen alleine durchbringen, sie arbeitet als Näherin, die Oma versorgt den Haushalt. Das Leben spielt sich in der großen Wohnküche ab, die mit einem Kohleofen geheizt wird, es gibt eine Toilette fürs ganze Mietshaus.

Der kleine Heribert ist kein besonders guter Schüler, aber ein begeisterter Fußballer, der andächtig wird, wenn er den Namen Fritz Walter ausspricht, die Musik liebt und sich von frühester Jugend an in der Kirchengemeinde engagiert. „Aus meinen Jungs muss etwas werden“, ist das Leitmotiv der Mutter, dem ordnet sie alles unter. Natürlich wissen Heribert Hölz und seine Brüder, dass sie nicht mit Reichtümern gesegnet sind. Aber sie werden immer satt, haben eine schöne Kindheit, bekommen eine gute Ausbildung. Wie schwer die Jahre für ihre Mutter gewesen sein müssen, davon bekommen die Kinder erst als Erwachsene eine Vorstellung, als sie die Briefe der Mutter an ihre Freundin lesen. Der hatte die Witwe ihr Herz ausgeschüttet, sich abends die Sorgen von der Seele geschrieben. Aus den Briefen stammen auch etliche der ganz frühen Kindheitserinnerungen des Autors.

Heribert Hölz hat es weit gebracht. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ist er 1954 noch der Junge, für den ein Ausflug von Hochfeld nach Rheinhausen eine Art Weltreise war, so ist er Jahrzehnte später ein richtiger Weltenbummler geworden. Jakobsweg, Mittelamerika, Lettland, wo er ans Grab seines Vaters geht. Und von jeder Reise kann er anschaulich erzählen. Hölz ist ein guter Beobachter, nimmt viele kleine Details wahr und macht daraus nette kleine Geschichten. Der zweite Teil seines Buches beschäftigt sich mit seinem Engagement in Bosnien-Herzegowina.

Seine Frau Ursula hat ihn dabei von Anfang an unterstützt. „Wenn Du meinst, das ist Dein Weg, dann musst Du ihn gehen. Ich bin bei Dir!“ Leicht gefallen ist ihr das sicherlich nicht, schließlich fuhr ihr Mann und der Vater ihrer beiden Töchter in den Krieg. Daraus macht er im Nachhinein kein Abenteuer, wie das vielleicht viele andere tun würden, er beschreibt auf seine ganz besondere Art und Weise, wie es gewesen ist. Gefährlich, aber notwendig. 72 Mal war Hölz mittlerweile in Bosnien, in den vergangenen 20 Jahren hat er mehr als zwei Millionen Euro Spendengelder gesammelt, unzählige Hilfsprojekte initiiert und begleitet. Das Elend der Menschen hat ihn nicht abstumpfen lassen, es nimmt ihn immer wieder aufs Neue mit. Für den Fall, dass er in den Himmel kommen sollte, kündigt er jetzt schon mal an: „Ich habe später mal ganz viele Fragen an den lieben Gott.“

Ein Euro pro Buch geht an die Bosnienhilfe

Mehr als 200 Seiten ist das Buch dick, und so richtig schwer gefallen ist es Hölz, der einen großen Teil im vergangenen Sommer bei einem Krankenhausaufenthalt geschrieben hat, sich zu beschränken auf etwa 200 Seiten. Schade, es hätte auch mehr sein dürfen, es wird nie langweilig. Ein Euro von jedem verkauften Buch ist für die Bosnienhilfe, das war Hölz‘ Bedingung: „Ich brauche nichts für mich, ich habe alles.“ Das ist typisch für ihn. Er drückt es immer wieder anders aus, aber egal, was er sagt, was er tut, er meint immer das. Das A und O seines Engagements und das seiner Frau ist in der Bibel begründet: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“

Das Buch ist ab Samstag im Handel

Das erste Buch von Heribert Hölz „Von Lebertran bis Slivovic. Vom Kriegskind zum Bosnienhelfer“ ist im Rheinberger Anno-Verlag erschienen und ab Samstag in den Buchhandlungen erhältlich (ISBN 978-3-939256-06-9). Es kostet 14,95. Pro Buch geht ein Euro an die Bosnienhilfe der Caritas. Wer mehr über Heribert Hölz und seine Bosnienprojekte wissen möchte, kann sich an den Autor direkt wenden: 02845/5686 oder heriberthoelz@t-online.de