Bröselnde Kalksandsteine - gesetzliche Frist für Schadenersatz läuft ab

Der Architekt Herbert Fahnenbruck ist Gutachter für die schadhaften Kalksandsteine, die in Häusern in Duisburg und am Niederrhein verbaut wurden. Foto: Gerd Hermann / WAZ FotoPool
Der Architekt Herbert Fahnenbruck ist Gutachter für die schadhaften Kalksandsteine, die in Häusern in Duisburg und am Niederrhein verbaut wurden. Foto: Gerd Hermann / WAZ FotoPool
Foto: Gerd Hermann
Der Architekt Herbert Fahnenbruck warnt: Ansprüche auf Schadensregulierung für schadhafte Kalksandsteine, die Haniel Baustoffe herstellte, könnten verjähren. Denn die Zusage von Xella und Haniel, Ansprüche noch nach dem Ablauf der Frist Ende 2011 zu berücksichtigen, sei nicht rechtsverbindlich.

Voerde.. Der Fall ist besorgniserregend: ein Einfamilienhaus irgendwo am Niederrhein. An den Kellerwänden bilden sich nach 15 Jahren Risse und Abblätterungen. Eine Materialprüfung ergibt: Es sind massenhaft fehlerhafte Kalksandsteine verbaut worden. „So ein Haus können Sie nur noch abreißen“, urteilt Herbert Fahnenbruck. Der Voerder ist Architekt und von der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer bestellter Sachverständiger für Schäden an Gebäuden.

Fahnenbruck wundert sich, wie ruhig die Hausbesitzer am Niederrhein bleiben. Denn die fehlerhaften Kalksandsteine wurden zwischen 1987 und 1996 in den Haniel-Baustoffwerken in Kalscheuren, Ratingen und Issum produziert. Dabei wurde aus Kostengründen - wir berichteten - teurer Kalk durch ein Abfallprodukt aus der Rauchgasentschwefelung von Kraftwerken ersetzt. Die Folge: Der Stein zerbröselt unter Feuchtigkeitseinwirkung.

Schäden können erst nach Jahrzehnten auftreten

Das Tückische ist laut Gutachter, dass die Schäden erst nach Jahrzehnten auftreten können, wenn beispielsweise Kellerabdichtungen löchrig werden. So lang dies aber nicht geschehen ist, kann nur im Labor geklärt werden, ob Brösel-Steine verbaut worden sind.

„Man kann davon ausgehen, dass diese Steine in einem Radius von 200 Kilometern rund um die betroffenen Werke vertrieben worden sind. Wie es heißt, sollen insgesamt rund 200 Millionen fehlerhafte Kalksandsteine in Umlauf gebracht worden sein. „Hochgerechnet könnten rund 40.000 Häuser betroffen sein“, schätzt Fahnenbruck.

Wie aus der inzwischen vom Unternehmen selbst veröffentlichen Karte hervorgeht, sind am gesamten Niederrhein Häuser mit den Bröselsteinen gebaut worden. Die Zahl steigt rasant. Inzwischen ist von 382 Häusern die Rede. „Bei der Mehrzahl“, erklärt Xella, „handelt es sich um Reihenhäuser oder Doppelhaushälften in Duisburg und am Niederrhein.“

Selbst das Unternehmen räumt inzwischen ein, dass sich nach den Berichten der vergangenen Wochen rund 600 weitere mögliche Geschädigte gemeldet haben. „Wir müssen das jetzt untersuchen“, erklärt Ernst Arelmann, Sprecher von Xella.

Kein rechtsverbindliches Versprechen

Für Hausbesitzer, die nicht auf ihrem Schaden sitzen bleiben möchten, drängt die Zeit. Die Schadensersatzansprüche drohen zum 31. Dezember dieses Jahres zu verjähren. „Xella und Haniel“, heißt es auf der Homepage des Unternehmens, „werden wie bisher berechtigte Mängel unbürokratisch und kulant bearbeiten.“ „Aus den Umständen, dass ein potenziell Geschädigter seine Ansprüche nicht bis zum 31. Dezember 2011 gerichtlich geltend gemacht hat, entsteht kein Nachteil in der Schadensregulierung.“ Auf Wunsch versichere man das auch schriftlich, betont Arelmann.

Dieses Versprechen sei allerdings nicht rechtsverbindlich, warnt Fahnenbruck. Der Gutachter rät allen Hausbesitzern, die in den entsprechenden Jahren mit Kalksandsteinen aus den Haniel-Baustoffwerken gebaut haben, sich noch vor dem Jahreswechsel juristisch beraten zu lassen beziehungsweise eine Feststellungsklage zu erheben.

Ein ähnliche Position vertritt auch der Duisburger Rechtsanwalt Stefan Kortenkamp, der rund 30 Geschädigte betreut. „Wer allerdings eine Klage einreichen will, sollte auch an das Prozesskostenrisiko denken“, so Kortenkamp. Denn ein erstes Urteil in der „Bröselstein“-Sache stehe erst Anfang Februar an.

Keine Haniel-Tochter mehr

Auch wenn Xella seit 2008 keine Haniel-Tochter mehr ist, die Zeche für etwaige Schadensersatzforderungen muss der Ruhrorter Konzern trotzdem zahlen: „Das wurde beim Verkauf des Unternehmens 2008 so verabredet“, betont Arelmann. Das dürfte unter Umständen teuer werden: „Der gesamte Schaden könnte bei rund zwei Milliarden Euro liegen“, schätzt Fahnenbruck.

 
 

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