Antwort an Rilke

Stephan Sadowski
Lyriker Robert Werner Stammsen aus Kevelaer.
Lyriker Robert Werner Stammsen aus Kevelaer.
Foto: WAZ FotoPool
92 Jahre lang musste die Welt auf die Antwort auf Rainer Maria Rilkes Meisterstück„Die Sonette an Orpheus“ warten – bis der Lyriker Robert Stammsen aus Kevelaer sie nun gab

Kevelaer.  Es ist, als ob man einem ganz großen Dichter einen Spiegel vorhält. Der Kevelaerer Lyriker Robert Werner Stammsen hat jetzt in Eigenregie „Die Sonette an Rilke“ veröffentlicht – quasi als Antwort auf Rainer Maria Rilkes Meisterstück „Die Sonette an Orpheus“.

92 Jahre musste die Welt auf die Neuaufnahme des ewig währenden Diskurses warten, denn auch in Stammsens Werk dreht es sich wie bei Rilke um die zentralen Themen des menschlichen Daseins: Liebe, Tod und vielleicht ein bisschen Ewigkeit.

Detailgenau hat Stammsen jedes der 55 Sonette beantwortet und – zur Freude vieler Deutschlehrer – den Diskurs, nicht nur inhaltlich, sondern auch in der äußeren Form gewahrt: Er wählte das klassische Shakespeare-Sonett, je zwei Quartette, zwei Terzette, und als Versmaß den fünfhebigen Jambus.

Seine Beantwortung wendet sich gegen die zunehmende Härte in der zeitgenössischen Lyrik: „Ich versuche in meinen Versen, die Musik der Sprache mitschwingen zu lassen“, sagt der Rilke-Kenner. Denn die Hauptperson Orpheus war schließlich der Sänger mit der schönsten Stimme in der griechischen Mythologie. Nur leider konnte er seine Frau, die dem Tod geweihte Eurydike, nicht aus der Unterwelt retten.

Überraschung auf der Buchmesse

Somit bleibt Stammsens zentrales Thema, genau wie bei Rilke, die Überwindung des Todes.

In den Antwortsonetten gelingt es aber: Eurydike entgeht bei Stammsen dem Tod. Im 25. Sonett steht „und Tore mussten sich bequemen“ – an der Stelle stehen ihr bei Rilke alle Tore zur Unterwelt offen. „Rainer Maria Rilke hat ja versucht, mit diesem 1922 erschienenen Gedichtzyklus den Tod seiner Freundin, der Tänzerin Wera Ouckama-Knoop, die unheilbar an Blutkrebs erkrankt war, zu verarbeiten“, weiß der Fachmann, der 2006 von der Schweizer Rilke-Gesellschaft in Sierre zu einer Lesung eingeladen wurde.

Bereits 2006 hatte Robert Werner Stammsen schon die ersten zehn Sonette in geschwungener Handschrift auf feinstem Büttenpapier geschrieben, und trug sie in der Schweiz vor. „Ich habe sie aber dann liegen lassen, bis der Zeitpunkt, sie zu vollenden, gekommen war,“ sagt er. Wohlwissend, dass er an einem zeitlosen Thema feilt.

Im Februar 2014 schrieb er die restlichen Gedichte, „wie in einem Guss.“ Wichtig war ihm, „dass die Leser zuerst das Original und sofort darauf meine Beantwortung lesen“, weiß der 50-jährige Lyriker – „denn nur so machen sie einen Sinn.“ Genau wie Rilke arbeitet er mit vielen Metaphern und sprachlichen Bildern in seiner Lyrik.

Natürlich weiß Stammsen um den Stellenwert der Lyrik in der heutigen Zeit. Seine Erfahrungen auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober, auf der er sein Buch an einem Stand vorstellte, fallen dementsprechend ernüchternd aus: „Ich habe dort gehört, dass man Autoren selbst bei renommierten Verlagen wie Suhrkamp schon sagt, sie sollen sich mit eigenem Geld an der Produktion beteiligen.“ Wenn sie ins Sortiment genommen werden wollen.

Doch damit beschäftigt sich Robert Werner Stammsen nicht mehr. Er bringt seine Werke in Eigenregie bei einem kleinen Gocher Verlag heraus. Seine Frau hat übrigens das Cover des Buches gestaltet – und entgegen aller Moden auf der Buchmesse: „Die zentralen Themen des Lebens wie Liebe, Natur, Musik und Tod, die alles andere überdauern, werde ich weiterhin in meinen Werken aufnehmen“, so Stammsen – und vielleicht damit am Uhrwerk der Zeitlosigkeit drehen...

„Die Sonette an Rilke“ von Robert Werner Stammsen, 14,90 Euro, ISBN 978-3-00-046126-2