Mein Hattingen!

Die Hattinger Altstadt von der Sonne beschienen.
Die Hattinger Altstadt von der Sonne beschienen.
Foto: WAZ FotoPool
Wenn man in einer Stadt aufgewachsen ist, nimmt man vieles selbstverständlich hin. So geht es mir mit Hattingen. 40 Jahre später fragt man sich, wo man als Teenager seine Augen hatte. Jedenfalls nicht auf schiefen Giebeln, kopfsteinbepflasterten Plätzen um krumme Kirchtürme. Eine Liebeserklärung an eine der schönsten Atstädte in NRW.

Hattingen..  Wenn man sich Hattingen an der Ruhr von Südwesten her über die L924 nähert, ist man zunächst erschrocken, weil der Eingang zur Stadt so hässlich ist. Eine große Kreuzung, halb rechts dann die graue Wand einer Hochgarage in einem Klotz von Einkaufszentrum: Takko, dm, Saturn, C&A, alles zusammen das „Reschop-Carre“. Angefangen hatte die Verbauung der Altstadt damals mit Karstadt, doch die sind längst weg, heute erstreckt sich in dem renovierten Würfel ein grenzenloses Kaufland. Als Schulkinder nutzten wir die Treppenfluchten, Brücken und dunklen Ecken mitsamt dem Busbahnhof routiniert wie Stadtindianer, kannten die Schleichwege durch die Geschosse, die schnellsten Fußgängerampeln, die rüstigsten Rolltreppen. Aber so, wie man als Jugendliche fiese Ecken ignorierte, ging man auch an den Perlen, Kleinodien, Schatzkästlein achtlos vorbei. Hattingens historischer Ortskern war damals schon so schön, dass man sich 40 Jahre später fragen lassen muss, wo man als Teenager nur seine Augen hatte.

Hattingen hat vor allem Schlagzeilen gemacht, als der letzte Hochofen der Henrichshütte 1987 abgeblasen wurde. Die Hütte war zwölfmal größer als die Hattinger City, und die Stadt konnte nur mit Hilfe vom Land, zäh ausgehandelten Sozialplänen und viel Sympathieprotest aus dem ganzen Land überleben. Heute hat Hattingen mit rund 55000 Einwohnern eine mäßige Arbeitslosenquote von acht Prozent, ist aber ebenso hoch verschuldet, wie alle anderen Ruhrgebietsstädte auch.

Umso mehr ist der Stadt anzurechnen, was sie sich – vom Reschop-Carre mal angesehen – alles bewahrt hat. Das Bügeleisen, das Zollhaus, die Lateinschule, das alte Rathaus und – die St. Georgs-Kirche mit dem schiefen Turm. Die ist so berühmt, dass Brautpaare von weit her kommen, sich hier trauen zu lassen, auch wenn sich die Damen auf dem Kopfsteinpflaster die Absätze krumm treten. Auch jetzt zeigt ein geschmückter Ford-Mustang, dass gerade wieder geheiratet wird. „Herzlich willkommen zum Gottesdienst“ lädt einen ein Schild an der Tür ein, aber da will man nun doch nicht stören.

In dieser Kirche haben sich auch meine Eltern das Ja-Wort gegeben, 1957, und draußen stand der damals blutjunge Hattinger Fanfarenzug Rot-Weiß 1956 e.V. Spalier, den man heutzutage sogar auf Facebook findet. Ein Jahr später wurde ich geboren und wir zogen in den Stadtteil Welper, nahe der Henrichshütte, auf der mein Vater wie alle anderen auch gearbeitet hat.

Unsere alte Schule, das Neusprachliche Mädchengymnasium an der Bismarckstraße ist längst abgerissen; von dort zogen wir Schülerinnen über den Rathausplatz ein Gäschen ‘runter am Zollhäuschen vorbei durch Gassen, gesäumt von Fachwerkhäusern, die auch heute noch so krumm und schief sind, dass sie nur deshalb stehen, weil sie sich aneinander anlehnen. Alles in Hattingen ist krumm und schief, nicht nur der Kirchturm, Am Steinhagen scheinen sich zwei Giebel küssen zu wollen, und das berühmteste Fachwerkhaus Hattingens, das 1611 erbaute „Bügeleisen“, ist deutlich in eine Kurve gebaut.

Heute beherbergt es ein Heimatmuseum, aber man kann in solchen Häusern auch wohnen, wenn man bereit ist, sich von genormten Möbeln zu trennen. Wer die nette Besitzerin des Cafes „Refugium“ auf dem Kirchplatz fragt, der darf sich in ihren vierundvierzig Wänden umsehen und wird staunen, wie man auf sechs Ebenen mit jeweils knapp 20 ineinander verschachtelten Quadratmetern lebt.

Als Teenies haben wir dann den Kirchplatz gestürmt, um schnell genug durch den gemauerten Durchgang des alten Rathauses mit seinen gruseligen Arrestzellen über den Untermarkt nach Krämersdorf zu kommen, wo wir in der „Milchbar“ die Freistunden verbrachten und nach den Jungs vom Gymnasium an der Waldstraße Ausschau hielten, die den benachbarten „Pferdestall“ bevorzugten.

Schönheit der alten Bürgerhäuser

Der Pferdestall ist jetzt ein argentinisches Restaurant, und der Nachfolger der Milchbar hat sich klugerweise auf die Schönheit des kleinen Bürgerhauses besonnen, und es zu einem hübschen Altstadthotel umgebaut. Überhaupt ist Hattingen heute malerischer als in den Siebzigern, und, was Restaurants und Kneipen anbelangt, ruhrgebiets-typisch international geworden: griechisch, italienisch, türkisch – möglichst sitzt man draußen, die Gartenstühle kippeln auf dem Kopfstein, es fließt das Bier und leuchten die Aperol Spritz, es locken scharfe Currywürste und Rhabarbertarte, Erdbeersekt und Erbsensuppe.

Ach ja, eine Kneipe aus den Siebziger Jahren hat überlebt, ist selbst Teil der Geschichte geworden, der Hattingens, meiner eigenen. Immer noch hängen Plattencover am Dachbalken, Stones, Deep Purple, Simon & Garfunkel, in den Plüschsesseln sinkt man mittlerweile bis zum Boden ein, Bluesmusik säuselt aus der Anlage.

Die junge Kellnerin schwört, dass viele ihrer Freunde das „Kleine Café“ in der Johannisstraße heute cool finden. Sie holt ein Gästebuch von der Ablage, dass bereits seit vier Jahrzehnten dort seinen Platz hat.

Und siehe da, auf den ersten Seiten klebt ein Polaroid-Foto, es muss 1976 oder 1977 geknipst worden sein, und drauf sind Ute und Sabine in Jeans und gestreiften Rippenpullis, und mit beiden bin ich zur Schule gegangen.

 
 

EURE FAVORITEN