In Kalkar am Marktplatz ist das Mittelalter ganz nah

Das Rathaus von Kalkar stammt aus dem Jahr 1446 und ist das älteste seiner Art weit und breit.
Das Rathaus von Kalkar stammt aus dem Jahr 1446 und ist das älteste seiner Art weit und breit.
Foto: Markus Joosten
Wer durch Kalkar bummelt, sieht liebevoll restaurierte Patrizierhäuser, Second-Hand-Shops unter verspielten Giebeln und hippe Restaurants unter Zinnenkränzen. Das Rathaus aus dem Jahr 1446 ist das älteste seiner Art weit und breit. Für 7,95 Euro kann man es mit nach Hause nehmen - als Kaffeepott.

Kalkar..  Alles drauf: Das backsteingotische Rathaus, gebaut 1446 und ältestes seiner Art weit und breit, die uralte Gerichtslinde auf dem Marktplatz, die Kirche St. Nicolai, der Beginenhof, der Taubenturm, die Rekord-Windmühle am Hanselaer Tor, das barocke Haus Sieben Linden, der jüdische Friedhof... – und das alles schwarzweiß auf DIN-A-4. Wer mehr Lust aufs Mittelalter hat als auf die Sommerkirmes, der ist gut beraten, sich von den freundlichen Stadttouristikern im Parterre des Städtischen Museums eine Kopie des historischen Stadtkerns von Kalkar in die Hand drücken zu lassen.

Und dann innerhalb der Stadtmauern eine Bummel-Runde durch die Stadtgeschichte zu drehen, vorbei an der mit (ohne Flügel) 27 Metern höchsten Windmühle des ganzen Niederrheins, wo immer noch Mehl gemahlen wird, an liebevoll restaurierten Patrizierhäusern mit ihren schlanken Fenstern und schicken Cafes, an Second-Hand-Shops unter verspielten Giebeln, an der 600 Jahre alten Gerichtslinde und hippen Restaurants unter Zinnenkränzen. Oder er bleibt zunächst mal staunend im Haus.

Wer unter der mächtigen alten Marktwaage, die nun überm Eingang schwebt, ins Stadtmuseum tritt, hat auf drei verwinkelten Etagen die Karriere einer Stadt vor sich, die einst das Wollweben und das Bierbrauen reich gemacht haben. In diesem sympathischen Labyrinth aus Fachwerk findet sich – Vorsicht: Balken! – zunächst Heimatmuseumstypisches: gusseiserne Bolleröfen, Kupferstich-Porträts, schwere Eichentruhen; aber da hängt neben Ölgemälden des „entarteten“ Franz Radziwill und der heiteren „niederrheinischen Kirmesfahrt“ des Kalkarer Malers Gerhard Janssen auch eine makaber anmutende Berechnung der Einwohnerzahlen zu Beginn der Neuzeit; die hat man nach der Zahl der im städtischen Gasthaus angefertigten „Totenkisten“ ermittelt. Hier ist abzulesen, dass es vor allem die fünf Pestepedemien zwischen 1484 und 1599 waren, die zusammen mit dem feineren Tuch der englischen Konkurrenz den Aufschwung des stolzen Kalkar auf fatale Weise stoppten.

Pracht und Macht zwischen Spätgotik und Renaissance

Wem davor gruselt, dem könnte womöglich ein „Kalkarer Beginchen“ gut tun. Das erinnert an den alten Beginenhof in Kalkar, ist ein „mildes Kräuterelexier“ und für wohlfeile 1,50 Euro im Parterre als Souvenir zu haben.

„Wir waren mal sehr reich“, sagt mit Kalkarer Städter-Stolz der Herr, der sich mit anderen Ehrenamtlern (von 10 bis 11.45 Uhr und von 14 bis 17.45 Uhr) beredt um die Besucher der 600 Jahre alten Kirche Sankt Nicolai kümmert. Hier finden sich neben Rathaus und Marktplatz die beeindruckendsten Belege für Kalkars einstige Pracht und Macht zwischen Spätgotik und Renaissance.

208 feingeschnitzte Eichenfiguren im Hochaltar

Abgesehen von der Schatzkammer mit ihren goldenen Pokalen, kostbaren Messgewändern und Monstranzen erstaunt vor allem der gewaltige Hochaltar, der den Bildersturm der Reformation wundersam überlebt hat und sich durchaus mit Meisterwerken Tilman Riemenschneiders messen kann. Darin stecken allein 208 feingeschnitzte Eichenfiguren, die man, aha, einzeln herausnehmen kann (aber natürlich nicht darf!), die biblische Geschichten erzählen.

Auf 102 bewegenden Bildern erfahren wir unter anderem, was der Teufel im Chorgestühl treibt, und, notabene, Neuigkeiten vom armen Lazarus, von dem wir immer dachten, dass er in Bethanien wiedererweckt worden sei. Hier sehen wir: Das Wunder geschah, ganz klar, in Kalkar. Oder ist das da im Hintergrund etwa nicht das alte Rathaus?!

Apropos: In Kalkar gibt es auch für Auswärtige gute Gründe, das Rathaus aufzusuchen. Denn da eröffnen sich, wenn man sich, statt den Aufzug zu nehmen, die enge Treppe emporwendelt, zwischen dem Ratssaal im ersten Stock und dem Behinderten-WC im zweiten großartige Fensterblicke auf den malerischen Marktplatz. Und da ist auch unter fettem Siegel „Die große Handfeste der Stadt Kalkar“ von 1347 ausgestellt. Damit hat Johann Graf von Kleve einst die Freiheiten und Rechte seiner Vorzeigestadt erneuert.

Kein Wunder, dass sich der Kämmerer so wohlfühlt

Darunter waren Privilegien wie die Befreiung vom Zehnten, aber auch die Bestätigung der Freiheiten, die nun auch die ehemaligen Hörigen genossen, darunter das Recht, ihre Richter selbst zu wählen und die Verbrauchssteuern selbst zu erheben und, vor allem, einzubehalten! Kein Wunder, dass sich Kalkars Kämmerer hier und heute in Zimmer 30 so wohlfühlt.

Für 7,95 Euro kann man übrigens das Rathaus mit nach Hause nehmen: als Bild auf einem Kaffeepott, den es, ebenfalls zur Freude des Kämmerers, drüben im Stadtmuseum zu kaufen gibt.

 
 

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