Essen

„Multikulti ist gescheitert“ – das fordert Islamwissenschaftler Alfred Schlicht von deutschen Muslimen

Integration ist nicht so einfach, wie wir es uns jahrelang vorgestellt haben, glaubt Orientalist Alfred Schlicht.
Integration ist nicht so einfach, wie wir es uns jahrelang vorgestellt haben, glaubt Orientalist Alfred Schlicht.
Foto: dpa

Essen. „Der Islam gehört zu Deutschland“ - der Satz ist wie ein Wanderpokal. Ex-Bundespräsident Christian Wulff hatte ihn einst geprägt. Kanzlerin Angela Merkel hat ihn Jahre später übernommen. Horst Seehofer hat ihn in sein Gegenteil verkehrt und Ministerpräsident Armin Laschet hat das Ganze jüngst auf NRW gemünzt.

Und immer sorgen der Satz und seine Varianten für Aufregung. Es geht um Integration, um das Zusammenleben mit Millionen von Muslimen in Deutschland und Konflikte, die sich daraus manchmal ergeben.

Das Problem: Der Satz vereinfacht einen hochkomplexen Sachverhalt auf einen plakativen Slogan, der viel Raum für Interpretationen lässt. Der Orientalist Alfred Schlicht versucht in seinem Buch „Gehört der Islam zu Deutschland?“ den Satz mit Inhalt zu füllen. Wir haben mit ihm über Integration und fatale Missverständnisse gesprochen.

Multikulti ist gescheitert: Das jedenfalls schreiben Sie in ihrem Buch. Was meinen Sie damit?

Man war jahrzehntelang blauäugig, wenn man meinte, dass man diese sehr unterschiedlichen Menschen einfach so nebeneinander existieren lassen kann, ohne dass man da von außen was macht. Wir haben uns das so harmonisch vorgestellt, dass sich das von alleine regelt. Man hat gedacht: Die Muslime, die sind ja im Grunde so wie wir.

Aber es gibt da eben doch gewaltige Unterschiede. Jetzt wissen wir, dass sich gerade in Großstädten, in Berlin, in Köln, aber auch im Ruhrgebiet muslimische Parallelgesellschaften entwickelt haben, in denen Auffassungen gepflegt werden, die mit unserem Wertesystem nicht viel zu tun haben.

Und das liegt an der Religion? Am Islam?

Ja. Der Islam ist nicht nur eine Religion, er ist auch eine Kultur, die das Leben der Muslime und ihre Ansichten stark prägt. Und er ist eine Religion mit einem sehr hohen Überlegenheitsanspruch. Zum Selbstverständnis des Propheten Mohammed gehörte es schon, das Judentum und das Christentum zu überwinden. Der Islam sollte die reine Urform der Religion sein.

Das Christentum hatte sehr lange Zeit auch einen Überlegenheitsanspruch - in Teilen bis heute. Was ist denn beim Islam anders?

Das Christentum hat sich gewandelt und mehr angepasst an neue Gesellschaftsformen. Der Islam hingegen ist per se rückwärtsgewandt.

Der Prophet Mohammed wollte die Religion wieder auf eine Urform zurückbringen, auf die Zeiten Abrahams. Viele heutige Hardliner sind im 7. Jahrhundert regelrecht gefangen. Denn es gilt als Ideal, so zu leben wie Mohammed. Natürlich gibt es auch viele Reform-Muslime, die diesem Ideal nicht folgen und den Koran nicht wörtlich nehmen.

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Aber man muss auch sagen, dass prominente Vertreter der Reformisten von den Hardlinern angefeindet werden. Die Berliner Imamin Seyran Ates zum Beispiel braucht Polizeischutz. Der Islam ist eben nicht nur eine Religion des Friedens. Und das muss man offen diskutieren.

Die derzeitige Diskussion ist nicht offen?

Es gab schon jahrelang eine Tendenz, Dinge zu beschönigen oder so auszulegen, dass sie nicht mehr so dramatisch klingen.

Und wenn jemand den Islam oder Auslegungen des Islams kritisiert, gilt er in manchen Kreisen als islamophob. Dabei ist Islamkritik durchaus legitim, das muss man unterscheiden von irrationaler Angst vor dem Islam oder Beleidigungen gegen Muslime.

Bertelsmann-Studie: So integriert sind Muslime in Deutschland

Bertelsmann-Studie_Muslime
Bertelsmann-Studie: So integriert sind Muslime in Deutschland

Diese tendenzielle Beschönigung führt im schlimmsten Fall dazu, dass manche Menschen verunsichert sind. Die schickt man so in irgendwelche dunklen Ecken des Internets, wo sie sich in Verschwörungstheorien ergehen. Wir sehen das ja auch in den Sozialen Medien. Da gibt es immer Leute, die toben und wüten und dann den ganzen Islam verteufeln. Und damit auch viele Muslime, die hier in Frieden leben und ihren Beitrag leisten.

Oft hört man die Forderung, dass sich diese Muslime aktiver positionieren müssen. Wie sehen Sie das?

Ja, man kann das fordern. Es wäre überaus wichtig, dass sie auf Muslime, die sich nicht für unser Grundgesetz interessieren und sich auch gar nicht integrieren wollen, einwirken. Denn nur sie haben überhaupt einen Zugang zu ihnen. Wenn wir in den Dialog treten wollen, wie wir uns das in Sonntagsreden so schön vorstellen, dann nehmen das konservative Muslime eher als Bedrohung wahr. So als würden wir den wahren Islam aufweichen wollen.

Gehört denn nun der Islam zu Deutschland? Haben Sie ein Fazit?

Um ganz klar zu sein: Farid Bang, Bushido und andere Gestalten, die unseren Werten ablehnend gegenüberstehen und glauben, ihre Herabwürdigung von Frauen als Kunst verkaufen zu können, gehören für mich definitiv nicht zu Deutschland.

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Wer glaubt, eine ganz eindeutige Antwort auf die Frage geben zu können, findet vielleicht in meinem Buch eine Fülle von Informationen und islamischen Originaltexten, die ein differenziertes Islambild vermitteln. Was ich sagen kann: Sobald der Islam so gelebt wird, dass er nicht mit unseren Werten, mit unserem Grundgesetz übereinstimmt, gehört er nicht zu Deutschland.

Aber es leben Millionen Muslime im Land, viele halten sich an die Regeln, manche nicht. Wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen, insofern gehört der Islam eben doch zu Deutschland. Und die vielen Muslime, die hier friedlich leben und ein Gewinn für das Land sind, meinte ja auch Angela Merkel, als sie den Satz „auch der Islam gehört zu Deutschland“ gesagt hat.

Innenminister Horst Seehofer hat kurz vor seinem Amtsantritt das Gegenteil behauptet. Viele fanden das populistisch.

Ja, der Satz kann eben auch anders verstanden werden, als Angela Merkel ihn zum Beispiel gemeint hat. Nämlich so, dass die muslimische Kultur unsere Kultur ersetzen soll, was so nicht gemeint war. Man muss sich immer fragen, wer was mit welcher Absicht sagt. Aber Seehofer hat ja nicht ganz unrecht damit, dass der Islam nicht zu unserer Kulturtradition gehört.

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„Gehört der Islam zu Deutschland? Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis“, erschienen im Orell Füssli Verlag, 2017. Das Buch ist für 19,95 Euro im Handel zu haben.

 
 

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