Buch „Der Fall Özil“ liefert messerscharfe Analyse und hält der deutschen Gesellschaft den Rassismus-Spiegel vor

„Der Fall Özil - Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus“ von Dietrich Schule-Marmeling ist am 31. Juli 2018 erschienen.
„Der Fall Özil - Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus“ von Dietrich Schule-Marmeling ist am 31. Juli 2018 erschienen.
Foto: Verlag die Werkstatt

„Man muss Özils Schweigen und Ausweichen nicht rechtfertigen, aber man kann es erklären.“ Dieser Satz aus dem Buch „Der Fall Özil“ ist zentral für eine messerscharfe Analyse eines tiefgehenden deutschen Problems: Rassismus. Dem renommierten Fußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling ist es gelungen, innerhalb kürzester Zeit ein Buch zu schreiben, in dem er „ein Foto (mit Erdogan), Rassismus und das deutsche WM-Aus“ beleuchtet.

Dabei beginnt Schulze-Marmeling bei den ersten türkischen Einwanderern, schreibt über Mustafa Dogan, den ersten deutschtürkischen Nationalspieler bis hin zum Rücktritt von Mesut Özil. Ausgelöst durch ein Foto zusammen mit Ilkay Gündogan, Cenk Tosun und Recep Tayyip Erdogan. Tosun schnürt seit Anfang des Jahres für den FC Everton die Schuhe.

Die Aufnahme, knapp einen Monat vor Beginn der WM in Russland aufgenommen, entfachte eine aufgeregte Debatte.

Mesut Özil: Ein Deutscher, aufgewachsen in Gelsenkirchen

Um den „Fall“ oder besser den Menschen Mesut Özil zu verstehen, beleuchtet der Autor seine Lebensgeschichte.

Özils Großeltern kamen mit seinem Vater Mustafa als Gastarbeiter nach Deutschland, da war er gerade zwei Jahre alt. 1988 wurde Özil in Gelsenkirchen geboren. Mit seiner Volljährigkeit beantragt er seine Entlassung aus der türkischen Staatsbürgerschaft. Fortan steht, trotz Abwerbungsversuchen durch den türkischen Verband, fest, dass er für Deutschland spielen möchte.

In der Qualifikation zur WM 2010 gibt er gegen Aserbaidschan sein Pflichtspieldebüt. Danach passiert etwas Beispielloses: Özil wird zur schimmernden Figur der Integration erkoren. Gefragt, ob er das möchte, wurde er nie.

Seine Entscheidung für Deutschland und gegen die Türkei rief hingegen bei zahlreichen türkischen Fans Frust und Zorn hervor. Ab dann kassierte Özil Prügel von türkischen Nationalisten und deutschen Rassisten.

Mit Multi-Kulti gelang die Wiedergeburt des deutschen Fußballs

Schulze-Marmeling zeigt auf, wie wichtig Multi-Kulti für die Nationalmannschaft ist. Nachdem die deutsche Elf 1996 die Europa-Meisterschaft gewann, ging es bergab mit dem Fußball auf internationaler Ebene. 2002 schafften es Oliver Kahn und Co. noch ins Finale, danach folgte der Bruch. Frankreich, die Niederlande, Brasilien und Spanien, in deren Teams sich Spieler mit Migrationshintergrund befanden, überholten Deutschland. Ein Umdenken beim DFB setzte ein.

Ottmar Hitzfeld, damals noch Bayern-Trainer: „Gucken Sie sich unsere Jugendmannschaften an: Die bestehen zu 50 Prozent aus Ausländerkindern. Wir verzichten also auf die Hälfte unseres Potenzials, wenn es von vornherein ausgeschlossen ist, für Deutschland spielen zu lassen.“

2004 folgt unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw eine Reform. Spieler mit Migrationshintergrund wie Malik Fatih (2006), Mario Gomez (2006) und Gonzalo Castro (2006) sind stellvertretend für einen Wandel in der Nationalmannschaft.

Sportlich hat Özil nicht abgebaut

Mesut Özil, der Spielmacher aus der Schalker Knappenschmiede, feierte einen steilen Aufstieg: Nach Schalke folgten Stationen bei Werder Bremen, Real Madrid und Arsenal London. Niemand Geringes als Cristiano Ronaldo zeigte sich bei Real Madrid wütend, als José Mourinho den Vorlagengeber 2013 ziehen ließ.

Kritiker warfen Özil beim Turnier in Russland vor, dass seine Leistung nicht gestimmt habe. Doch hier hat Schulze-Marmelings Buch genügend Zahlen und Fakten parat: Özil legte elf Torschüsse vor, Bestwert in der Vorrunde. Dabei bestritt er nur zwei Spiele. Ihm fehlte höchstens der Mut, den entscheidenden Pass zu spielen. Weitere Daten belegen, dass Özil mit 29 Jahren keineswegs abgebaut hat.

Dennoch machten zahlreiche Fans und auch Medien den Spieler für das frühe Ausscheiden verantwortlich. Sportlich ist dieser Vorwurf nicht zu rechtfertigen.

Kritik an Özil war selten politisch, sondern rassistisch

Die Kritik nach dem Foto mit Erdogan, die folgte, war häufig nicht politisch, sondern rassistisch. Er und seine Familie erhielten Morddrohungen, auf seinen sozialen Kanälen entlud sich die geballte Wut vieler Nutzer.

Meldete sich Gündogan recht schnell nach dem Treffen mit dem Staatspräsidenten beim DFB-Medientag zu Wort, schwieg Özil lange Zeit. Damit zog er den Zorn vieler Deutscher auf sich. Durch seine Strahlkraft stand er im Fokus der Kritik.

Ohne Frage: Die Nationalspieler haben sich für Erdogans Wahlkampf als Imagemaskottchen hergegeben. Sich mit einem Autokraten, der freiheitliche Werte mit Füßen tritt, Türken sowie ausländische Journalisten per Dekret verhaften lässt, zu diesem Zeitpunkt ablichten zu lassen, war keine kluge Idee. Die einhellige Meinung vieler Deutscher nach dem Foto: Özil respektiert unsere „westlichen Werte“ nicht. Nein, er solidarisiert sich gar mit dem türkischen Regime.

Özil schreibt später, dass bei dem Treffen nur über Fußball gesprochen wurde. „Für ihn habe es keine Rolle gespielt, wer der Präsident war, sondern dass er Präsident war“, heißt es in dem Buch. Ebenfalls war es bereits sein sechstes Foto mit Erdogan. Zuvor blieb der Aufschrei allerdings aus.

In dem Buch wird hevorgehoben, dass auch die Kanzlerin die Integrationsfigur Özil für ihre Zwecke instrumentalisierte. 2010 ging das Foto von einem oberkörperfreien Özil mit Angela Merkel um die Welt. Ohne, dass der DFB zugestimmt hatte. Händeschüttelnd sind sie in der Kabine des Berliner Olympia Stadions nach dem 3:0-Sieg der Nationalmannschaft zu sehen. Nebenbei ein brisantes Spiel für Özil, der 90 Minuten von türkischen Fans ausgepfiffen worden war.

Sagten viele Kritiker Özil nach dem Foto mit Erdogan nach, er würde „westliche Werte“ nicht respektieren, gab es im Umkehrschluss wenige, die Özils Handschlag mit Merkel als Zustimmung zu genau diesen Werten interpretierten. Eine Doppelmoral sondergleichen, so Schulze-Marmelings deutliche Kritik.

Messen mit zweierlei Maß

Woher kommt also das Denken, dass sich Özil nicht als Deutscher fühlt? „Ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen hat die Deutschen türkischer Herkunft nie als Mitbürger und Teil des deutschen Staatsvolkes akzeptiert“, schreibt Schulze-Marmeling. Dieser unterschwellige Rassismus ist nun durch den Fall Özil zum Vorschein gekommen.

Ein anderes Beispiel aus dem Buch verdeutlicht, dass mit zweierlei Maß gemessen wird: Als sich Ehrenspielführer Lothar Matthäus mit Wladimir Putin während der WM traf, blieb der Aufschrei aus. Dabei steht Putin dem türkischen Staatspräsidenten in nichts nach. Auch vorherige Treffen von Matthäus mit Viktor Orban und dem tschetschenischen Tyrannen Ramsan Achmatowitsch Kadyrow stellten kein Problem dar.

Schulze-Marmeling fasst die Debatte abschließend zusammen: „Es ging vor allem darum, wie viel türkisch und wie viel deutsch Mesut Özil ist. Ob der deutsche Anteil ausreicht, um als deutsch zu gelten. Um sein 'Deutschsein' glaubwürdig zu demonstrieren, musste Özil deutscher sein als die meisten Deutschen.“

Platte Aussagen braucht das Buch nicht

Dem Autor sei bereits nach dem Foto mit Erdogan am 15. Mai klar gewesen, dass er ein Buch über die Thematik schreiben möchte. Zu dem Zeitpunkt konnte er nicht wissen, was noch folgen wird. Er blieb am Ball, so dass am 31. Juli sein Buch veröffentlich werden konnte. Nur neun Tage zuvor hatte Özil seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet.

In welcher Eile das Werk geschrieben worden sein muss, merkt man nur dem Vorwort an. Hier bleibt Schulze-Marmeling ungewohnt unpräzise.

Was auffällig ist: Er lässt auf 151 Seiten immer wieder stark persönliche Bemerkungen fallen. So schreibt er von „Bernd ,das braune Brot' Höcke“. An einer anderen Stelle lobt er, dass die Altintops und Sahin aus westdeutscher Sicht integrierter „als so mancher Sachse“ seien. Derlei despektierliche und platte Anmerkungen hat das Buch nicht nötig.

Beiträge von Robert Claus, Ilker Gündogan, dem Bruder von Ilkay, und Diethelm Blecking vervollständigen die Analyse.

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„Der Fall Özil - Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus“ von Dietrich Schule-Marmeling ist beim Verlag „der Werkstatt“ erschien. Das Buch kostet 14,90 Euro.

 
 

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