Mehr Platz für Fußgänger – Verkehrsplaner sollen umdenken

Die Städte sind zugestellt mit Autos: Experten fordern mehr Platz für Fußgänger.
Die Städte sind zugestellt mit Autos: Experten fordern mehr Platz für Fußgänger.
Foto: von Born / WAZ FotoPool
Die Stadt gehört dem Autoverkehr – muss das so sein? In Wuppertal diskutieren 300 Experten, wie man Fußgängern zu ihrem Recht verhelfen kann. Sie sind eigentlich die Mehrheit. Trotzdem werden sie bei der Stadtplanung noch oft wie eine Randgruppe behandelt.

Wuppertal. Fußgänger sind in den Städten die Mehrheit. Verkehrsplanung aber ist nur eine begrenzt demokratische Veranstaltung, Mehrheiten spielen nicht immer eine Rolle. „Fußgänger werden oft noch wie eine Randgruppe der mobilen Gesellschaft behandelt“, klagt Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Michael Groschek (SPD). Beim „1. Deutschen Fußgängerkongress“ in Wuppertal forderte Groschek gestern ein Umdenken bei Stadt- und Verkehrsplanern: Straßenprojekte müssten „von den Rändern her“ gedacht werden, also Fußgänger und Radfahrer zuerst, dann die Straßenmitte mit den Autos. „Wir brauchen Platz für Roller und Rollatoren, für Fußgänger mit Kinderwagen und Gehstöcken“, so der SPD-Politiker.

Bei der Kongress-Premiere diskutieren 300 Planer, Architekten und Ingenieure noch bis heute, wie sich die Lage der Fußgänger in den meist automobilfixierten Städten verbessern lässt. Anders als andere Bundesländer hat NRW immerhin einen „Aktionsplan Nahmobilität“, stellt 38 Millionen Euro für kommunalen Straßenbau und den Ausbau von Fuß- und Radwegen bereit. „Zu Fuß gehen macht Spaß in Nordrhein-Westfalen, ist aber entwicklungsfähig“, sagt Prof. Jürgen Gerlach, Straßenverkehrsplaner an der Bergischen Universität Wuppertal und einer der Initiatoren des Kongresses. Die Experten sehen eine ganze Reihe Ansätze.

Sicherheit

„Wir haben immer noch viel zu viele Unfälle“, sagt Gerlach im Gespräch. 109 Fußgänger sind im vergangenen Jahr auf Straßen in NRW gestorben, bundesweit waren es 557. Hauptproblem, so Gerlach, ist, dass Fußgänger und Autofahrer oft nicht über Blicke miteinander kommunizieren können. Immer ist etwas im Weg, die Stadt ist zugestellt. Allzu verschwenderisch werde mit Platz umgegangen, zum Beispiel: „Es gibt viel zu viele Parkplätze“, sagt der 51-jährige Wissenschaftler.

Zu viele Parkplätze – wie bitte? Autofahrer dürften das gewiss anders sehen. „Das ist sicher eine unpopuläre Aussage, aber sie stimmt“, beharrt der Wissenschaftler. Gefühlt fehle aus Autofahrersicht zwar immer der Parkplatz direkt vor der Tür, im Umkreis von zehn oder 15 Minuten Fußweg sehe das aber schon anders aus – erst recht, wenn man private Stellflächen hinzunimmt. Jürgen Gerlach glaubt, das „Park-Sharing“, also das Teilen von Parkplätzen, eine Lösung sein kann. Zudem ist er überzeugt, dass mobile Navigationsgeräte schon bald technisch in der Lage sind, Hilfe zu leisten: „Man gibt das Ziel ein, und wird zum freien Parkplatz geführt.“

Ein weiteres Unfallrisiko ist, dass sich Fußgänger und Autofahrer (aber auch Radfahrer) oft mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten begegnen. Verzichten könne man auf solche Begegnungsflächen nicht, meint Gerlach. Er hält aber mehr Tempo-10-Flächen für eine Lösung.

Barrierefreiheit

„Hier ist noch unheimlich viel zu tun“, meint Wissenschaftler Gerlach. Die Herausforderung angesichts einer alternden Gesellschaft: Die Verhältnisse müssen Rollator- und Rollstuhlfahrern, aber auch Sehbehinderten und Blinden gerecht werden. Wer beim Sehen eingeschränkt ist, braucht Kanten und Kontraste. Wer hingegen beim Gehen eingeschränkt ist, kann Kanten gar nicht gebrauchen; und auf drei Zentimeter abgesenkte Bordsteine sind zwar für Rollstühle gut zu meistern, mit Rollatoren aber bekommt man wegen der kleinen Vorderräder Schwierigkeiten.

„Das Problem ist erkannt“, sagt Gerlach. Die Lösung sieht so aus: An Überwegen wird ein Teil des Bordsteines vollständig abgesenkt, daneben gibt es eine Sechs--Zentimeter-Kante mit meist weißen Bodenelementen. So soll allen geholfen werden.

Attraktivität

Das Ruhrgebiet plant bekanntlich einen Fahrradschnellweg, auf dem Radfahrer freie Fahrt haben sollen. Nach Ansicht von Gerlach tun auch Wege, auf denen Fußgänger Vorrang haben, not. „Hier kann man von London lernen“, sagt der Wissenschaftler. In der britischen Hauptstadt gebe es ein 650 Kilometer langes Fußwegenetz, gut beschildert und im Internet nachvollziehbar.

 
 

EURE FAVORITEN