Mehr als nur heiße Luft – die Meisterschaft der Luftgitarre

Stephan Hermsen
Außer Konkurrenz: Daniel „Moredrive“ Oldemeier aus der Rockmetropole Osnabrück.
Außer Konkurrenz: Daniel „Moredrive“ Oldemeier aus der Rockmetropole Osnabrück.
Foto: FUNKE Foto Services
Die wohl bizarrsten Saiten des Rock’n’Roll: In Essen wurde der nordrhein-westfälische Meister im Luftgitarrenspiel ermittelt. Der Mann ist übrigens Hobbypianist

Essen. Der Weg in die Weltspitze scheint vergleichsweise einfach – und die Anfangsinvestition ist äußerst überschaubar. Vermutlich brauchen die meisten Menschen an diesem Abend ein paar Bier oder andere alkoholische Getränke. Dann trauen sie sich auf die kurze Liste – und anschließend auf die Bühne zur Landesmeisterschaft im Luftgitarrespielen.

Klingt ähnlich albern wie eine Meisterschaft im Unter-der-Dusche-Singen – aber seien wir ehrlich: In unbeobachteten Momenten tun wir es doch alle – meist mit der linken Hand, zu lauter Musik: Wir imitieren am Ende des ausgestreckten Armes, etwa in Schulterhöhe, niemals beherrschte Gitarrengriffe und schrubben mit der rechten vor der Gürtelschnalle am imaginären Gitarrenkörper herum und fühlen uns ein wenig wie Keith Richards, Angus Young, Pete Townsend oder James Hetfield.

„So dass die Zuschauer eine Gitarre sehen, die es nicht gibt“

Zwei Frauen und sieben Kerle bringen am Ende die nötige Mischung aus Tanzkunst, Musikbegeisterung und Exhibitionismus mit, um in der düsteren Kellerbar „Freakshow“ den Freak zu geben und vor einer gestrengen Jury auf sechs unsichtbaren Saiten zu spielen, „so dass die Zuschauer eine Gitarre sehen, die es nicht gibt“, sagt Daniel Oldemeier, 23, aus Osnabrück, Meister am imaginären Instrument.

Er hat vor zwei Jahren hier gewonnen und eröffnet außer Konkurrenz den Wettbewerb. In Maske und Mantel derwischt er über die Bühne, spielt die Luftgitarre über dem Kopf, hinter dem Rücken, mit der Zunge, entkleidet sich teilweise, kurzum: Zeigt all das, was Rockstars für gewöhnlich auch so zeigen zu einem fünfminütigen, selbst zusammengestellten Musikclip.

Da kommt eine Menge Erfahrung zusammen aus diversen Landes-, Bundes- und Weltmeisterschaften und: Der Mann studiert Musikpädagogik und könnte sogar eine echte Gitarre zum Klingen bringen (die es übrigens an diesem Abend als Siegestrophäe gibt, in Schwarz, aber stromlos.).

Wie alles, was leicht schräg klingt, gewinnt es Kontur und Klasse durch strenge Regeln. So auch hier. Es geht zu wie beim Eiskunstlauf: Erst die Kür: eine Minute Luftgitarrespielen zum selbst gewählten Stück, dann die Pflicht: Der mit den wenigsten Punkten muss als Erster eine weitere Minute seine Gitarrenkunst zu Led Zeppelins „Whole lotta Love“ präsentieren.

Charisma, Technik, Gesamteindruck und das, was auf gut Deutsch „Airness“ heißt

Beurteilt werden künstlerischer Ausdruck, Charisma, Technik, Gesamteindruck und das, was auf gut Deutsch „Airness“ heißt: „die besondere Gabe, die bloße Imitation zu transzendieren und das Luftgitarrenspielen zu einer eigenständigen Kunstform zu erheben“, so steht es im Regelbuch der German Air-Guitar Championship.

Ah-ja. Derlei zu beurteilen, ist dem normal angetrunkenen Publikum natürlich nicht gegeben, dazu bedarf es einer fachkundigen Jury aus Rockmusikern, Plattenbossen und Fachjournalisten mit beinahe weltweiter Bedeutung. Sie gibt ihr unbestechliches Urteil ab, hält Kärtchen mit Noten zwischen 4,0 und 6,0 in die Höhe. Die Punkte in beiden Durchgängen werden von einer junge Dame namens Betty Lawless unter Zuhilfenahme eines Taschenrechners im Smartphone addiert.

An diesem Abend lernt ein Pianist aus der Finanzbranche ganz neue Saiten an sich selbst kennen: kurze Haare und Jackett: Der Bursche zeigt schon bei der Kleidung einen Hang zur Extravaganz in dieser Gruft zum schwarzen T-Shirt. Und wirbelt über die Bühne, als würde Mutti die Reinigung des Outfits zahlen. Einsatz, der sich lohnt: Nach Platz 4 in der Kür holt er in der Pflicht Bestnoten, und nun darf sich Mark „Airbreaker“ Dumont bester Luftgitarrist Nordrhein-Westfalens nennen. Und bekommt eine Bahnfahrkarte nach Koblenz zur deutschen Meisterschaft. Von dort aus könnte er in die Luft gehen und zur WM fliegen.

Ob Herrn Dumont klar ist, wie viel Ballast an so einer Luftgitarre hängt? Das erste konsequent ausgespielte Luftgitarrensolo der Rockgeschichte wurde in Woodstock gespielt. Von niemand geringerem als Joe Cocker zu „With a little help from my friend“. Und den Freunden, die die echten sechs Saiten beherrschen, wäre bei dieser Meisterschaft die Luft raus.