Düsseldorf

Medizin-Studentin aus Düsseldorf berichtet aus Syrien: „Die Dorfbewohner vertrieben den IS“

Lisa aus Düsseldorf hat einen Monat in Syrien verbracht. Das Dorf in ihrem Rücken wäre beinahe durch den IS zerstört worden.
Lisa aus Düsseldorf hat einen Monat in Syrien verbracht. Das Dorf in ihrem Rücken wäre beinahe durch den IS zerstört worden.
Foto: Privat

Düsseldorf. Lisa* wischt nach rechts. Zu sehen sind auf ihrem Handybildschirm tanzende, klatschende Menschen, die durch eine Schlucht in Maalula ziehen – mitten im Kriegsgebiet Syrien. Die Gruppe auf dem Video wirkt gelöst, glücklich, unbeschwert. Sie geht auf ihrem Iphone zurück in die Galerie, durchforstet hunderte Bilder und Aufnahmen.

„In Damaskus trinken, feiern und tanzen die Menschen“, erzählt sie begeistert. Vier Wochen war sie für ihre Famulatur, ein Praktikum im Medizin-Studium, in Syrien. Seit zwei Tagen ist sie zurück in Düsseldorf.

Studentin aus Düsseldorf: „Die Dorfbewohner vertrieben den IS“

Lisa, 22 Jahre alt, studiert im neunten Semester Medizin in Düsseldorf. Knapp einen Monat hat sie in dem französischen Krankenhaus in Damaskus hospitiert. Eine private Klinik mit guter Ausstattung, „auch wenn längst nicht alles vorhanden ist.“

Gelebt hat sie allerdings nicht in der Hauptstadt. Ein Teil der Verwandtschaft lebt in Saidnaya, einem Dorf 30 Kilometer nördlich von Damaskus. Wird es in der Stadt zu heiß, fliehen die Menschen in die Berge. Hier lässt es sich im Hochsommer aushalten.

Saidnaya hat aber noch zwei weitere Besonderheiten. „Die Bewohner vertrieben den IS“, berichtet die 22-Jährige. Denn die Einheimischen sind hauptsächlich Christen. Wegen ihrer Religion waren Christen in anderen Dörfern teils brutal durch Terroristen getötet worden. Nach eigenen Angaben verteidigten die Bewohner ihr Dorf, weil sie wussten, dass die Alternative der sichere Tod ist. Heute lernt jedes Kind in dem Dorf, mit einem Gewehr zu schießen.

Und die zweite, wenn auch bedrückende Besonderheit: Wie Amnesty International herausfand, hat das Assad-Regime in einem Militärgefängnis am Eingang des Dorfes bis zu 13.000 Gefangene umgebracht. Anschließend sollen sie in einem Krematorium auf dem Gefängnisgelände verbrannt worden sein. Eines von vielen dunklen Kapiteln in diesem Krieg.

Mitten ins Krisengebiet

Andere Studenten bleiben für ihre Famulatur in Deutschland, der Schweiz oder in einem westlichen Land – warum also mitten ins Krisengebiet?

„Meine Eltern kommen beide aus Syrien“, schildert die in Deutschland geborene 22-Jährige. Ihr Vater ist vor über 25 Jahren fürs Architektur-Studium nach Deutschland gezogen, später folgt die Mutter. Die Verbindung in die Heimat bleibt, im Zwei-Jahres-Takt besucht die Familie ihre Verwandtschaft in Syrien.

2011 endet der Heimatbesuch. Der arabische Frühling hat Syrien erreicht. Präsident Baschar al-Assad lässt die Aufstände brutal niederschlagen. Der Beginn eines blutigen Bürgerkriegs.

Damaskus bleibt vom Kriegstreiben, im Gegensatz zu anderen Großstädten wie Homs oder Aleppo, größtenteils verschont. „Um die Stadt und in den Vororten sieht man zahlreiche zerstörte Häuser“, erklärt Lisa, und zeigt ein weiteres Handybild. Ein Wohnhaus ist durchsiebt von Einschusslöchern, Granaten haben ganze Ecken abgerissen.

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„Die Menschen in der Region sind bemerkenswert“

Denkt man heute an Syrien, kommen einem zunächst solche Bilder in den Sinn. Lisa aber zeigt weitere Fotos von Frauen, die in einer Bar Shisha rauchen. Von einem Restaurant, durchtrennt von einem Bachlauf, gefüllt mit essenden Menschen. Von Männern und Frauen, die Hand in Hand einen typisch-syrischen Tanz aufführen.

Handelsembargos und Sanktionen der UN treffen vor allem die Bevölkerung. Öl, früher leicht erhältlich, ist knapp und muss importiert werden. Vor den Tankstellen warten Autofahrer lange auf Benzin. Auch Medikamente werden zur Mangelware.

„Die Menschen in der Region sind bemerkenswert“, schwärmt die 22-Jährigen. Die Arbeitslosigkeit und Armut ist hoch, dennoch bleiben die Bewohner in Damaskus ruhig. Sie hoffen darauf, dass der Tourismus wiederkommt. „Neben meiner Schwester, Mutter und mir habe ich allerdings nur zwei weitere Touristen in Damaskus gesehen“, sagt Lisa.

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Syrer schätzen Deutschland

Verwandte, Bekannte und Freunde könnten sich dennoch vorstellen, nach Deutschland zu fliehen. Viele junge Männer fürchten den Militärdienst, der teils zwei, fünf oder gar zehn Jahre andauern kann. In den Nachrichten haben sie gehört, dass die Integration nicht immer klappt. „Sie zeigen wenig Verständnis dafür, wenn Geflüchtete in Deutschland straffällig werden“, meint Lisa.

Sie schätzen, dass Deutschland zahlreiche Kriegsflüchtlinge aufgenommen hat, ohne eigene Interessen im Nahen Osten geltend zu machen. Denn schon vor Jahren ist das einst so stolze Land zum Spielball zahlreicher Akteure geworden.

Dadurch ist das Misstrauen der Syrer untereinander stark gewachsen: Wer ist Assad-Anhänger, wer ein Rebell, wer ein Terrorist?

Für Lisa steht dennoch fest: Sie will auch kommendes Jahr wieder nach Syrien reisen.

*Voller Name der Redaktion bekannt.

 
 

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