Massenkündigung für Sanierung

Neukirchen-Vluyn..  Für die Mieter einer Hochhaussiedlung in Neukirchen-Vluyn hat das neue Jahr mit einem Paukenschlag begonnen: Der neue Eigentümer der stark sanierungsbedürftigen Bauten, Hans Jorg Olbrich aus Hagen, ließ durch seinen Verwalter rund 150 Mietparteien die Kündigung schicken. Sie sollen ihre Wohnungen bis Ende März verlassen, damit die Immobilien saniert werden können. Ein großer Teil der Mieter reagiert mit Verunsicherung, Angst und Verärgerung.

Thomas ist einer von ihnen. Der Mann steht am Montagmorgen mit mehreren Nachbarn auf einem Platz zwischen den Häusern an der Humboldtstraße. Seinen kompletten Namen will er nicht in der Zeitung sehen, sein Foto schon gar nicht. „Ich lebe mein ganzes Leben hier“, sagt der 37-Jährige. Wie so viele in dieser Siedlung ist er arbeitslos, die 441 Euro Kaltmiete für seine 63 Quadratmeter in der vierten Etage überweist das Job-Center. „Für das Geld bekomme ich keine andere normale Wohnung“, fürchtet er. Thomas’ Nachbar Joachim will sich jedenfalls wehren. „Ich will hier nicht weg“, erklärt der 42-Jährige und eine ganze Reihe der Umstehenden stimmt ihm zu. Gleichzeitig wissen alle, dass das kaum zu verhindern sein dürfte, denn Joachim ist morgens bereits bei einem Anwalt gewesen: „Der hat gesagt, dass das alles rechtens ist, da machen wir nix gegen.“

Vermutlich. Hans Jorg Olbrich hatte das aus den 70er Jahren stammende Gebäudeensemble mit insgesamt 384 Wohnungen an der Humboldt- und der Leibnitzstraße sowie am Vluyner Nordring erst Anfang Dezember bei einer Zwangsversteigerung erworben. Nun macht er von seinem außerordentlichen Kündigungsrecht Gebrauch, das er hat, wenn er „durch die Fortsetzung des Mietverhältnisses an einer angemessenen wirtschaftlichen Verwertung des Mietobjektes gehindert wird und dadurch erhebliche Nachteile erleidet“, wie es in dem Kündigungsschreiben der Verwaltungsgesellschaft heißt.

Fest steht bislang nur, dass die jetzigen Mieter gehen müssen und Olbrich an der Stelle investieren will. Was er genau vorhat, ist ungewiss. Im Kündigungsbrief an die Mieter wird zwar die Sanierung der Gebäude angekündigt. Doch die Massenkündigung von Mietern in einem sozialen Brennpunkt bietet den schönsten Nährboden für Spekulationen und Gerüchte, zumal der Preis von 8,2 Millionen Euro, den Olbrich bei der Zwangsversteigerung für die Häuser bezahlt hat, deutlich über deren Verkehrswert lag. So wollen die einen nun wissen, dass die Gebäude abgerissen werden, die nächsten sagen, dass dies nur für einen Teil gelte. Und viele Bewohner fürchten, dass eine „Luxussanierung“ bevorstehe, die ihnen die Rückkehr unmöglich machen wird.

Die Informationspolitik des Eigentümers trägt nicht gerade zur Klärung seiner Zukunftspläne bei. Niemand bei der Verwaltungsgesellschaft mit Sitz in Leipzig hatte gestern Zeit, auf Fragen zu antworten. Und bei der Immobiliengesellschaft von Eigentümer Olbrich hieß es auf NRZ-Anfrage kühl: „Die Geschäftsführung nimmt dazu keine Stellung.“

Immerhin hatte Hans Jorg Olbrich Zeit für ein Telefonat mit dem Bürgermeister. Harald Lenßen war von den Massenkündigungen am Wochenende ebenso überrascht worden wie die Mieter. Dabei hatte Olbrich ihm zuvor zugesagt, die weiteren Pläne mit der Stadt Ende Januar zu erörtern. Dabei, so versicherte ein Rathaus-Sprecher, werde es auch bleiben. Hans Jorg Olbrich habe eingeräumt, dass es „unglücklich“ gewesen sei, der Stadtverwaltung vorher keinen Hinweis zu geben. Allerdings habe man wegen der engen Fristen des Sonderkündigungsrechtes schnell reagieren müssen.

Allen Mietern bietet der Wohnungsverwalter Ersatzwohnraum an im selben Ortsteil. Thomas, Joachim und einige andere Mieter von der Humboldtstraße reagieren darauf mit einem Achselzucken: „Die Häuser sehen noch schlimmer aus“, heißt es unisono. „Da sind ja schon die Verkleidungen von den Wänden abgerissen.“ Außerdem wollen sie nicht an den Stadtrand.

„Klar, dass sowas passieren würde“

Freilich gibt es auch Bewohner, die gelassener reagieren. Dirk Biallas, beispielsweise, der mit Lebensgefährtin und Tochter am Vluyner Nordring 53 wohnt: „Nach der Zwangsversteigerung war doch klar, dass sowas passieren würde. Diese Wohnungen kann man nicht sanieren, während die Mieter darin wohnen.“ Das Ersatzwohnungsangebot will der Musikproduzent und Schlagersänger eher nicht annehmen. Biallas ist auf Wohnungssuche – „und zuversichtlich“.

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