Echter Mafia-Krimi mitten in NRW: Undercover-Ermittler auf den Spuren der ´Ndrangheta – plötzlich bekommt er ein heikles Angebot

Mafia in NRW: Die 'Ndrangheta operiert aus verschiedenen Stützpunkten heraus in Nordrhein-Westfalen.
Mafia in NRW: Die 'Ndrangheta operiert aus verschiedenen Stützpunkten heraus in Nordrhein-Westfalen.
Foto: dpa

Plötzlich war es selbst dem Bundeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft zu heiß. Der verdeckte Ermittler musste abgezogen werden.

Was die Ermittler hatte nervös werden lassen: Dem Polizisten mit türkischen Wurzeln, Codename „Kara“, waren 500 Kilo Kokain angeboten worden. Er könne die eingetroffene Ware in Holland begutachten, hatten seine kriminellen Geschäftspartner vorgeschlagen.

Zu gefährlich. Und vor allem zu teuer. Ein Scheinkauf hätte das geplante Budget der Mafia-Ermittler um ein Vielfaches überstiegen. Sie täuschen daher einen im Sterben liegenden Vater in der Türkei vor. Kara war raus.

Die Paten von Rhein und Ruhr - die Mafia in NRW: So operiert die Ndrangheta
Die Paten von Rhein und Ruhr - die Mafia in NRW: So operiert die Ndrangheta

Mafia in NRW: Verdeckter Ermittler bekommt 500 Kilo Kokain angeboten

Doch seine Arbeit führte maßgeblich dazu, dass voraussichtlich im Herbst diesen Jahres vor dem Landgericht Duisburg 14 Männer vor Gericht stehen werden. Einige von ihnen werden der mächtigsten Mafia-Organisation der Welt, der ´Ndrangheta, zugeordnet. 649 Seiten umfasst die Anklage.

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Die Mafia operiert auch in NRW. Das ist spätestens seit den Duisburger Mafia-Morden 2007 jedem klar. Im Herbst startet in Düsseldorf eine der größten Mafia-Prozesse Deutschlands. Mitglieder der 'Ndrangheta sind wegen Kokainhandel im großen Stil angeklagt. Wie operiert die Mafia in NRW? Mit wem macht sie ihre Geschäfte? Und welche Rolle spielen Pizzerien und Eisdielen? In unserer Serie „Die Paten von Rhein und Ruhr - Die Mafia in NRW“ ist DER WESTEN-Reporter Marcel Storch auf Spurensuche gegangen.

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Auf die Spur der 'Ndrangheta in NRW sind die Nachbarn aus den Niederlanden gekommen. 2014 beobachteten Finanz-Ermittler, dass an der deutsch-niederländischen Grenze Restaurants und Cafés wie Pilze aus dem Boden wuchsen. Die Teilhaber kamen aus Kalabrien. Jener Region Italiens, in der die ´Ndrangheta ihre Wurzeln hat.

Mithilfe von Europol und Eurojust wurde ein „Joint-Investigation-Team“ bestehend aus deutschen, italienischen und niederländischen Ermittlern gegründet. Wie sich herausstellen sollte, agieren längst nicht nur die Ermittler in einer Art „Joint Venture“.

Die Ermittlungen mit Decknamen „Operation Polino“ zogen sich über Jahre, im Dezember 2018 erfolgte dann der Zugriff. Federführend in Deutschland ist das BKA und die Staatsanwaltschaft in Duisburg. In einer koordinierten Razzia schlugen Ermittler in den Morgenstunden in gleich mehreren Ländern zu. Es war der bisher größte Erfolg gegen die 'Ndrangheta in Europa.

Operation Polino

NRW entpuppte sich dabei als Hotspot der 'Ndrangheta. Auch das LKA war an den Ermittlungen beteiligt. Thomas Jungbluth, Leitender Kriminaldirektor in Sachen Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt NRW, sagte gegenüber DER WESTEN: „Gerade im Bereich des westlichen Ruhrgebiets wohnen und leben vor allem Personen der 'Ndrangheta, im Großraum Köln/Wuppertal finden wir mehr Angehörige der Cosa Nostra, die Camorra eher im östlichen Ruhrgebiet“.

LKA-Ermittler: „Einfach rohe brutale Kriminalität“

Die Mafia-Ermittler gehen von einer sehr professionellen Gruppierung aus. Die Strukturen sind hierarchisch, aber längst nicht so streng wie etwa bei der sizilianischen Mafiaorganisation Cosa Nostra.

Hinweise auf die sonst übliche Mafia-Folklore - einer „Taufe“ von Neumitgliedern - finden die Ermittler bei ihrer Telefonabhörung und den Beschattungen während der Operation Polino nicht.

„Die italienischen OK-Gruppen schmücken sich ja gerne mal mit Ritualen, mit tradierten Zeremonien, ich will nicht sagen Folklore. Das ist aber auch nicht mehr überall anzutreffen“, erklärt Jungbluth. „Vieles von dem ist einfach rohe brutale Kriminalität.“

Restaurants und Cafés als Stützpunkte

Doch etwas anderes wird im Zuge der Ermittlungen deutlich: Italienische Restaurants und Cafés dienen der Mafia-Organisation als Stützpunkte. So wie beispielsweise das Restaurant „Leonardo da Vinci“ in Wesseling oder das Eiscafé Bocconcino in Duisburg, deren Besitzer beide in Untersuchungshaft sitzen. Hier wird Stoff zwischengelagert, Drogenkuriere in Wohnungen untergebracht. Sie dienen zugleich als legale Einnahmequelle und Mittel zur Geldwäsche.

Schätzungsweise 70 'Ndrangheta-Mitglieder in NRW

Die Bundesregierung geht von 18 bis 20 solcher Stützpunkten und 344 'Ndrangheta-Mitgliedern aus (Stand: 2019). Das LKA schätzt die Zahlen der 'Ndrangheta-Mitglieder in NRW auf 70. Die Dunkelziffern dürften aber deutlich höher liegen.

Im Unterschied zu arabisch-libanesischen Clan-Kriminellen agiert die italienische Mafia sehr viel unauffälliger, ein Machtdemonstrationen oder Abstecken von Territorien sucht man vergebens.

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Das ist die Mafiaorganisation 'Ndrangheta:

  • Sie gilt als die mächtigste Mafia-Organisation der Europas
  • Sie hat ihren Ursprung in den Dörfern San Luca und Plati in Kalabrien
  • Ihre Haupteinnahmequellen sind der weltweite Drogenhandel und illegale Müllentsorgung, aber auch Waffenhandel, Geldwäsche und Erpressung
  • Die Mafia-Morde von 2007 gingen auf eine Fehde zwischen zwei verfeindeten Familien zurück. Sechs Mafiosi starben im Kugelhagel

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Undercover-Ermittler nimmt Kontakt zu Mafia-Partnern auf

Zurück zu Undercover-Ermittler „Kara“. Der hatte sich 2018 an eine Gruppierung türkischer Geschäftsmänner mit Unterwelt-Kontakten herangetastet. Als Fitnesstrainer getarnt, bedurfte es Stunden in Teestuben, um Vertrauen zu den Geschäftspartnern der italienischen Mafia-Gruppe aufzubauen. Irgendwann gestand ihm dann einer der ihren, ein Tankstellenbetreiber aus dem Rhein-Erft-Kreis, dass er sein Geld nicht nur mit Benzin und der Reparatur von Autos, sondern auch „mit Weißem“ verdiene.

Auf der Suche nach Kurier-Fahrzeugen war ein Kopf der ‘Ndrangheta bei dem Betreiber einer Tankstelle mit Kfz-Handel gelandet. Mit der Zeit kam man ins Geschäft. Und der türkische Geschäftsmann wurde zum Finanzier der Mafia. Im Raum stehen Zinsen von 24 Prozent, die die Türkei-Connection mit Verbindungen in die Kölner Unterwelt einstreichen wollte. Unter ihnen neben dem Tankstellenbetreiber auch ein Besitzer einer Autoscheiben-Reparaturwerkstatt und ein Steuerberater aus Köln, bei dem Köpfe der Hells Angels und Bandidos Klienten waren.

Business-Modell: 24 Prozent Zinsen an Mafia

Die Anklage geht davon aus, dass sie den Mafia-Mitgliedern mehr als 500.000 Euro als Darlehen gewährten, ihnen aber auch Kurierfahrzeuge zur Verfügung stellten. Später sollen sie ebenfalls auf eigene Faust in den Drogenhandel eingestiegen sein. Woher die türkischen Männer das Geld nahmen, wissen die Ermittler noch nicht bis ins letzte Detail.

Klar ist: Vertrauen ist in diesen Kreisen ein hohes Gut. Das musste auch der Undercover-Agent der Polizei erleben. Denn seine neuen Freunde wollten einen Vertrauensbeweis, sie wollten ihn in seiner Privatwohnung besuchen.

Eine heikle Sache. Über Nacht wurde eine luxuriöse Wohnung hergerichtet, eine perfekte Täuschungskulisse aufgebaut.

Am Ende waren die türkischen Drogendealer überzeugt vom Undercover-Ermittler. Es war der Anfang vom Ende der sogenannten „Mafia & Co. KG“.

 
 

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