Lügde: Frau berichtet von unfassbarem Behördenversagen und bricht in Tränen aus

Lügde: Auf dem Campingplatz auf der eingezäunten Parzelle des  Täters steht der versiegelte Campingwagen.
Lügde: Auf dem Campingplatz auf der eingezäunten Parzelle des Täters steht der versiegelte Campingwagen.
Foto: Guido Kirchner/dpa

Lügde. Über hundert Mal hat Andreas V. im Jahr 2016 sein damaliges Pflegekind auf einem Campingplatz in Lügde missbraucht. Erst rund zwei Jahre später kommt man dem Täter auf die Spur.

Jetzt hagelt es Kritik für die Behörden, denn laut einer Mitarbeiterin des Jobcenters in Lügde hätte man den Täter schon viel früher hinter Gitter bringen können – und dem Mädchen somit viel Leid erspart.

Lügde/NRW: Vorwürfe gegen die Behörden

Die Vorwürfe gegen lokale Behörden reißen nicht ab. Zwei Jahre vor der Aufdeckung der Straftaten ist die Mitarbeiterin vom Leiter der Jugendamtsstelle in Blomberg sogar bedroht worden, weil sie mit ihrem Missbrauchsverdacht nicht locker gelassen habe, sagte sie am Montag als Zeugin im Untersuchungsausschuss des Landtags.

Sie habe bereits 2016 über mehrere Tage bei Jugend- und Sozialämtern sowie bei der Polizei erfolglos auf den möglichen Missbrauch auf dem Campingplatz hingewiesen, schilderte die Fallmanagerin unter Tränen.

Täter wollte Arbeitslosengeld beantragen

Der wegen hundertfachen schweren sexuellen Missbrauchs im Jahr 2019 verurteilte Haupttäter Andreas V. sei damals mit seinem Pflegekind in ihr Büro gekommen, um Arbeitslosengeld zu beantragen. Wegen seiner Äußerungen über das völlig eingeschüchterte, rund fünfjährige Mädchen – etwa „Für Süßigkeiten tut die alles“ – habe sie die Jugendämter Hameln und Blomberg sowie den Kinderschutzbund eingeschaltet.

Eine Behörde schob damals laut ihrer Aussage die Verantwortung auf die andere. Polizisten sollen ihr nach ihrer Schilderung geraten haben, sich nicht weiter für das Kind einzusetzen, um niemanden zu verleumden.

Jugendamtleiter soll aufmerksame Jobcenter-Mitarbeiterin bedroht haben

Weil sie aber nicht locker gelassen habe, sei der Leiter der Jugendamtsstelle in Blomberg persönlich in ihr Büro gekommen und habe sie bedroht. Er habe es satt, so die Aussage der Zeugin, von der Polizei angerufen zu werden. „Nur wenn ich zusagen würde, aufzuhören, würde er das Büro verlassen. Er hat dabei mit der Faust auf den Tisch gehauen.“

Der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas zeigte sich nach der Aussage der Zeugin fassungslos. „Was muss man denn noch machen?“, sagte Bialas, der selbst Polizist ist, über die Reaktion verschiedener Behörden.

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Langjährige Freiheitsstrafe für den Täter

Entdeckt worden war der Missbrauchsfall Lügde erst Ende 2018. Der Untersuchungsausschuss durchleuchtet seit September 2019, inwieweit der massenhafte und jahrelange Kindesmissbrauch durch Versäumnisse und Fehleinschätzungen von Regierungsstellen begünstigt wurde.

Gegen den Haupttäter wurde eine langjährige Freiheitsstrafen und Sicherungsverwahrung verhängt. Strafrechtliche Folgen für Polizisten und Mitarbeiter von Jugendämtern Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens gab es nicht.

Die Staatsanwaltschaft Detmold hatte im März 2020 alle Ermittlungen wegen eines fehlenden hinreichenden Tatverdachts eingestellt. (vh/mit dpa)

 
 

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