Langenberg schlägt zu Buche

Der Sommertrödelmarkt in Langenberg.
Der Sommertrödelmarkt in Langenberg.
Foto: WAZ FotoPool
In der Ausflugsserie „Neues aus der Altstadt“ besuchen wir diesmal Langenberg. Das Städtchen prunkt mit einer beschaulichen Altstadt im Bergischen Rokoko und hat sich als Bücherstadt einen Namen gemacht.

Velbert-Langenberg.. Was Langenberg hat, das andere Städtchen nicht haben? „Im Grunde gar nichts“, sagt Isolde Marx und untertreibt schamlos: „Zwei Bäche“ fallen ihr ein, deren einer, der Deilbach, im Ortskern das Rheinland friedlich murmelnd von Westfalen trennt. Dazu die Hanglage, die die Häuser ganz anders schachtelt und winkelt als zum Beispiel in Hattingen und alle paar Meter neue Postkartenblicke zulässt.

Und das Bergische Rokoko mit seinen Muschelfenstern, den verspielten Giebeln überm mattgrauen Schiefer und den bergisch-grünen Schlagläden. Bilderbuchschön das alles, dennoch ist sich Frau Marx sicher, „dass hier nie jemand drei Wochen Urlaub machen wird“. Was — theoretisch – zehn Millionen Menschen von Rhein und Ruhr tun könnten, und zwar innerhalb einer einzigen Autostunde.

Nun, sie kommen immer noch nicht für drei Wochen, aber doch immer häufiger und in Scharen, zumindest tageweise. Das liegt daran, dass man auch am bewohnten Teil der Elfringhauser Schweiz als Städter entschleunigen kann wie sonst nur in den unendlichen Weiten des Niederrheins. Und das liegt an der Idee, die alte, ehemals reiche Papierstadt weiter zu denken, sie 1998 zur „Bücherstadt“ zu erklären und sich damit in eine länger werdende Liste einzureihen, die 1961 in Wales begann, als Richard Booth in einem Kaff namens Hay-on-Wye das erste Bücherdorf gründete: Wo sonst wenig bis gar nichts los war, sollten Buchhandlungen und Antiquariate Gäste anlocken und die Altstadt beleben. Und nicht nur in Haye on Wye, im australischen Clunes oder im italienischen Bergdorf Montereggio, auch in der Altstadt des bergischen Velbert wurde das bedruckte Papier magnetisch.

Wobei man schon eine ganze Weile in den fast 20 Buchläden zwischen der zauberhaften Villa Au und dem gewaltigen, gerade mit Bundes-, Landes- und lokalen Mitteln sanierten Bürgerhaus stöbern und schmökern muss, um so gute Geschichten zu entdecken, wie sie sich Isolde Marx aus dem Ärmel schüttelt. Die ehemalige IT-Frau aus Essen fungiert im lange buchstäblich schön verschlafenen Örtchen als Stadtführerin und ist so was wie der Langenberger Sender auf zwei Beinen; sie weiß alles über den riesigen Gingko-Baum am Biergarten an der Hauptstraße 8, aber auch über den berühmteren von Goethe in Weimar und jenen in Hiroshima, der sich 1945 auch von der Atombombe nicht am Sprießen hindern ließ; sie betreibt das kleine „Zimmermuseum“ im schmucken alten Fachwerkhaus, das auch das Antiquariat von Peter Diekmann beherbergt. Das Haus heißt schlicht „Im Honnes“ und braucht, wie das „Im unteren Dreck“ oder „Im Fegefeuer“, keine Hausnummer. Warum? „,Nummeriert sind Gefängniszellen’, sagen die alten Langenberger.“ Darum...

Goethe im Zimmermuseum

Die (und wir verraten’s doch) Bundesverdienstkreuzträgerin ist seit 2001 Vorsitzende des Bücherstadtvereins. Der hat dafür gesorgt, dass etliche alte Häuser nicht nobel unterm Denkmalschutz leer stehen und verfallen, sondern gepflegt, geheizt, genutzt werden – vorzugsweise als Buchladenlokale, Ateliers oder, zum Beispiel, als Buchbinderwerkstatt. Literatur gegen Leerstand: Den Ehrenamtlern ist es zu verdanken, dass im irgendwie „kurmeligen“ Zimmermuseum Dagmar Mattens Goethe-Kuriosa zu bestaunen sind, Klaus Stiebelings „Gingkonalia“ Einzug gehalten haben und schon wieder was Dolles im Anflug ist: irgendwas mit Dante...; Frau Marx klärt notfalls auch ungefragt darüber auf, dass die Zwei-Bächestadt Langenberg („Überm Deilbach ist Westfalen, hier ist Rheinland“) mal reich und das Zentrum der europäischen Fahrschein-Industrie war (1898 wurden hier von der Firma Laakmann täglich eine Million Fahrkarten gedruckt). Und wenn man sie nicht bremst, die gute Frau Marx, dann drückt sie einem sicher die Einladung zum nächsten Büchermarkt in die Hand, wo am 14. September 20 Antiquariate aus der Region ihre Schätze feilbieten; oder sie schleppt einen auch noch rüber ins Kunsthaus „Alldie“, wo Künstler um Norbert Bauer zeigen, was sie können, und sich abends auch für junge Langenberger im Ort etwas abspielt.

An schönen Tagen sieht man hier auffallend viele junge Leute durch die malerischen Gassen schlendern. Darunter sind etliche mit Kindern, die barfuß übers Kopfsteinpflaster hüpfen, vorbei an unzähligen Treppen und Treppchen, Antiquariaten, Buch-Cafés und Bioläden, vorbei an einer „Naschwerkstadt“ und, 9,8 Radkilometer von Hattingen und 8,5 von Kupferdreh, am Nadel-und-Faden-Laden „Näh sowas“ und Peter’s Bookshop mit den tollen Büchern und dem falschem Apostroph. Zwischen Kneipen und Kunst, alten Büchern und einem Hauch bergischer Bohème wächst hier was heran. Es sieht nach Zukunft aus.

Ps. Bücher braucht die Bücherstadt schon lange nicht mehr, schon gar keine ollen Taschenbücher oder Buchklub-Dutzendware, schon eher Vitrinen für besondere Exemplare....

 
 

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