Kriminelle Clans: Sozialarbeiter klärt über Clan-Jugendliche auf – „Sie träumen von protzigen Autos...“

Kriminelle Clans: Schnelle Autos sind bei vielen Jugendlichen ein Traum. Doch wie sie diesen erreichen, wissen die meisten nicht.
Kriminelle Clans: Schnelle Autos sind bei vielen Jugendlichen ein Traum. Doch wie sie diesen erreichen, wissen die meisten nicht.
Foto: Polizeikreisbehörde Mettmann

72 Straftaten mit gerade einmal 19 Jahren gehen auf das Konto eines deutsch-libanesischen Jugendlichen aus dem Milieu der kriminellen Clans.

Um solche Fälle von Intensivtätern zu verhindern, ist Akin Sat unterwegs. Der Sozialarbeiter kümmert sich im Programm „Kurve kriegen“ in Gelsenkirchen um straffällig gewordene Kinder und Jugendliche.

Clan-Kriminalität in Deutschland: Woher kommen die Clans und wie kriminell sind sie?
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Kriminelle Clans: Sozialarbeiter arbeitet mit Großfamilien

Seit April wurden Kinder und Jugendliche aus kriminellen Clans ins Präventionsprogramm „Clankriminalität“ aufgenommen. 21 in den Standorten Gelsenkirchen, Dortmund, Duisburg, Recklinghausen und Essen sind es seit kurzem, 19 Jungs und zwei Mädchen. Während die Strategie der tausend Nadelstiche der NRW-Landesregierung seit Anfang 2019 bereits mit Razzien in Shisha-Bars und Cafés öffentlichkeitswirksam umgesetzt wird, blieb es um Thema Prävention äußerlich zunächst ruhig. Doch es tut sich deutlich etwas.

Die ersten Erfahrungen beim Präventionsprogramm „Clankriminalität“ seien positiv, berichtet Sat. „Die Familien haben bei den ersten Kontakten die Sache skeptisch betrachtet. Sie haben bis jetzt die Polizei und die Arbeit mit der Polizei anders erlebt“, erzählt er. „Die Familien haben gesehen, das sind Pädagogen in Kooperation mit der Polizei, die uns helfen wollen, unsere Kinder aus der Kriminalität zu holen und ihnen andere Perspektiven zu geben. Der Anfang war schwierig, aber nachher waren die Familien offener. Das hat unsere Arbeit erleichtert.“

Pädagoge: „Diese Kinder und Jugendliche brauchen solche Programme“

Schon seit 2011 arbeitet das Programm mit straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen in NRW. Doch nun wird an fünf Standorten im Ruhrgebiet das Programm speziell auf Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren aus Clan-Familien ausgeweitet. „Wir haben für diesen Bereich spezielle Fachkräfte eingestellt. Man kommt an diese Familien nur heran, wenn man eine gewisse Expertise im Bereich Interkulturelle Kompetenz hat. Wenn auch die Hintergründe akzeptiert werden und man weiß, dass in den Familien manche Sachen vielleicht anders sind“, erklärt Jörg Unkrig, Referatsleiter Kriminalprävention und Opferschutz beim Innenministerium NRW.

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Die Details aus dem Lagebild Clankriminalität in NRW:

  • 32 % der Straftaten waren Körperverletzungen, Nötigungen, Bedrohungen und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.
  • 15 % Betrugsdelikte, 14 % Eigentumsdelikte.
  • Seit 2018 hat die Polizei in NRW mehr als 1.400 Kontrollaktionen durchgeführt und dabei 3.400 Objekte durchsucht.
  • Ergebnis dabei: 1.700 Strafanzeigen und 3.300 Ordnungswidrigkeiten, fast 10.000 Verwarngelder, 570 Festnahmen und 2.200 Sicherstellungen durch die Polizei.
  • Auffällig: 51 % der Tatverdächtigen haben eine deutsche Staatsbürgerschaft. 17 & sind libanesisch, 12 % türkisch und syrisch.

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Sozialarbeiter Sat ist überzeugt, dass das die richtige Maßnahme ist. Schließlich seien schon zuvor zum Teil Kinder und Jugendliche aus diesen Familien betreut worden. „Ich bin der Meinung, ein solches Programm diesen Kindern und Jugendlichen NICHT anzubieten, wäre ein fataler Fehler. Ich bin positiv beeindruckt, dass man so viele Kinder und Jugendliche aus diesen Familien für das Präventionsprogramm gewonnen hat. Denn diese Kinder und Jugendlichen brauchen solche Hilfen.“

So könne eine veränderte Wahrnehmung bei den Kindern und Jugendlichen, aber auch ihren Familien, beobachtet werden. „Sie haben vorher nur negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Jetzt auf einmal ist sie da und bietet Alternativen und Unterstützung an. Das nehmen sie auch so wahr. Die Familien sind zufrieden und bedanken sich.“

Wöchentlicher Austausch

Das Programm beruht ausschließlich auf Freiwilligkeit. Wöchentlich sieht Sat die Teilnehmer, arbeitet mit ihnen in Eins-zu-eins-Gesprächen und Gruppenarbeiten. Vorab werden Maßnahmen und Zielvereinbarungen mit ihnen und ihren Eltern geklärt. Neben Anti-Aggressions- oder Anti-Gewalttraining geht es vor allem darum, Strukturen im Alltag zu schaffen. „Bei vielen Jugendlichen ist es so, dass sie zur Schule gehen, heimkommen und dann ist da nichts. Dann haben sie viel Zeit draußen, um sich mit anderen Jugendlichen zu treffen. In der Gruppe schaukeln sie sich negativ nach oben.“

In Absprache mit der Familie arbeiten die Pädagogen daran, Strukturen zu schaffen und die Freizeit der Kinder und Jugendlichen positiv zu gestalten, zum Beispiel durch Vereinsanbindungen. „Die Familien wurden sensibilisiert. Sie sind viel kooperativer. Ich höre mittlerweile direkt von ihnen, wenn etwas schief läuft. Wir haben noch nicht alle Ziele erreicht, aber viele haben schon eine andere Haltung gegenüber dem Rechtsstaat und der Polizei.“

Kinder brauchen Strukturen

Der Pädagoge versteht seine Rolle als Vertrauensperson und Helfer. „Wir stellen oft aufgrund der Rückmeldung der pädagogischen Fachkräfte fest, dass die Kinder und Jugendlichen sagen, da ist das erste Mal jemand, der sich wirklich für mich interessiert“, erzählt Referatsleiter Unkrig. „Bis jetzt konnten sie machen, was sie wollen. Die Eltern oder die Lehrer interessierten sich wenig. Und jetzt ist da jemand, der ein ernsthaftes Interesse hat und sich kümmert. Der mir in der Schule hilft, Nachhilfe gibt.“

In seiner täglichen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hat es Sozialarbeiter Sat immer wieder mit falschen Vorbildern und Vorstellungen zu tun. „Viele Jugendliche - nicht nur Clan-Jugendliche - wollen Rapper, Boxer oder Kickboxer werden. Sie träumen davon, ein protziges Auto zu fahren, aber wie man das bekommt, davon haben sie keine Idee“, erzählt er. „Wenn ich 20 bin, fahre ich ein protziges Auto“, höre er immer wieder.

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Da heißt es Aufklärungsarbeit leisten. „Durch eine realistische Einschätzung der Situation haben manche gesehen, ich werde zwar, wenn ich Schaffner oder Koch werde, kein protziges Auto fahren, aber ich werde ein Auto haben können. Ein solcher Job reicht auch für ein gutes Leben. Ich kann das erreichen, ohne kriminell oder von den falschen Leuten abhängig zu sein.“

„Eltern wollen ihre Kinder schützen“

Bei vielen Familien hätte mittlerweile schon ein Umdenken eingesetzt. „Viele sehen auch, wie viel Schaden ein kriminelles Oberhaupt um sich herum verursacht, bis er ganz nach oben kommt. Wie viele Kinder und Jugendliche sollen darunter leiden oder im Knast landen, damit einer oder zwei davon profitieren? Das sehen auch die Eltern mittlerweile und wollen ihre Kinder schützen. Das ist eine gute Voraussetzung für unsere kriminalpräventive Arbeit“, berichtet Sat.

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Auch führt er den Teilnehmern und ihren Familien immer wieder positive Beispiele vor Augen. „Nicht nur in der libanesisch-kurdischen Community, auch in anderen Migrantenfamilien haben sie die Möglichkeit, Vergleiche zu ziehen.“ Da gibt es den Sozialarbeiter, dort den Arzt, ein anderer ist sogar Abgeordneter. Oder ein Pizzeria-Betreiber, der gut verkauft und seinen Lebensunterhalt ganz legal verdient. „Da gibt es in Deutschland so viele Beispiele, mit denen man die Familie überzeugen kann oder mit denen die Jugendliche sich identifizieren oder eine persönliche Lebensperspektive haben.“