Clans, Mafia und Betrüger in NRW: So machen Kriminelle in der Corona-Krise ihre Geschäfte – Polizei sieht alarmierende Tendenz

Coronavirus im Ruhrgebiet

Coronavirus im Ruhrgebiet: Dieses Video ist gespenstisch

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Kaum war Corona da, witterten auch Kriminelle, Clans und Betrüger ihre Chance.

Gesundheitsmitarbeiter klingeln an den Türen und geben vor einen Corona-Test machen zu wollen. Senioren am Telefon wird vorgegaukelt, dass ein Enkel mit dem Coronavirus infiziert sei und dringend Geld brauche. Mit Pishing-Mails und einer Corona-Karte versuchen Cyber-Betrüger sensible Daten auszuspähen.

Kriminelle und Clans haben schnell erkannt, wie mit der Corona-Krise Geschäfte zu machen sind. „Betrüger reagieren sehr viel schneller als jede Behörde“, gibt auch Peter Elke, Sprecher der Polizei Essen, zu.

Clans und Betrüger: So machen Kriminelle in der Corona-Krise ihre Geschäfte

Vor allem auf ältere Menschen haben es die Betrüger abgesehen, sie sind in der aktuellen Situation häufig zusätzlich isoliert und verunsichert. „Ältere Leute sind daher aktuell besonders empfänglich. Das ist für Kriminelle natürlich wie ein Elfmeter ohne Torwart“, so Elke.

Doch wie verändert sich die Kriminalität angesichts der Corona-Krise? DER WESTEN hat sich auf Spurensuche begeben.

Die Polizei Essen hat in einer ersten Auswertung bereits bemerkenswerte Tendenzen feststellen können. Beim Vergleich der letzten zwei Wochen mit den Wochen im Vorjahr seien ein paar Zahlen deutlich aufgefallen, so Polizeisprecher Elke. „Wir haben zum Beispiel eine Zunahme von Ruhestörungen von zehn Prozent. Zeitgleich ist die Zahl der Körperverletzungen im öffentlichen Raum um ein Drittel zurückgegangen.“ Kein Wunder: Bahnhöfe sind leer, Bars und Diskos geschlossen.

Zunahme von häuslicher Gewalt um 100 Prozent

Besonders alarmierend ist jedoch eine andere Tendenz. „Bei der häuslichen Gewalt haben wir eine Zunahme von 100 Prozent“, so Elke, der jedoch auch betont, dass die Zahl sich noch etwas einpendeln dürfte. In anderen Ruhrgebietsrevieren sei zwar ebenfalls ein leichter Anstieg zu beobachten, eine solch dramatische Zunahme aber nicht der Fall.

Nur zwei Beispiele aus Corona-Tagen in NRW: in Wesel verletzte eine 25-Jährige ihren Ehemann mit einem Messer lebensgefährlich, in Hagen gab ein Mann seiner Ehefrau nach einem Streit eine Kopfnuss und fügte ihr eine Platzwunde zu.

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Experte fürchtet auch Zunahme von Kindesmisshandlung

Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) sagte DER WESTEN: „Ich befürchte, dass die häusliche Gewalt zunimmt. Ein Thema, das oft vergessen wird in diesem Zusammenhang, ist Kindesmisshandlung. Leider kommt es immer noch viel zu häufig zu Gewaltanwendungen oder auch unzureichender Versorgung mit Essen und Trinken. Ein Problem ist hier, dass Lehrer oder Erzieher, denen Misshandlungen auffallen können, derzeit wegfallen. Und auch die Jugendämter können derzeit kaum rausfahren, weil es meist an Schutzausrüstung fehlt.“

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Keine belastbaren Zahlen

Noch gibt es in Sachen häuslicher Gewalt für ganz Nordrhein-Westfalen keine belastbaren Zahlen, sagte Innenminister Herbert Reul auf einer Pressekonferenz am Donnerstag.

„Es kann auch sein, dass in Zeiten wie diesen, wo Menschen merken, dass es wichtig ist miteinander ordentlich umzugehen und sich an Regeln zu halten, die häusliche Gewalt auch weniger wird“, hofft der Minister. „Man achtet und guckt nach dem Anderen, geht für Nachbarn einkaufen. Das Wegschauen ist im Moment nicht angesagt.“ Die nächsten Wochen dürften hier mehr Klarheit bringen.

Raub, Diebstähle und Einbrüche nehmen ab

Schon jetzt deutlich zu erkennen ist dagegen, dass Delikte wie Taschendiebstähle, Raub und Wohnungseinbrüche stark zurückgegangen sind. Auch die Zahl der Verkehrstoten ist von 37 letzten März auf 17 in diesem Monat zurückgegangen.

Die Polizei ist derzeit vor allem im Kampf gegen Verstöße gegen das Kontaktverbot und die Ausgangsbeschränkungen gefordert. Polizisten mussten beispielsweise in Bochum etwa 20 Menschen mit aufs Revier nehmen, die auf einem Spielplatz Fitnessübungen machten und sich anschließend uneinsichtig zeigten. In Oberhausen hatten sich vier Jugendliche auf einem Parkplatz versammelt. Als sie von Passanten daraufangesprochen wurden, husteten sie diese demonstrativ an. Für sie gab es ein Bußgeld von 200 Euro. In Köln eskalierte ein Streit an der Supermarkt-Kasse, weil eine 69-Jährige mehr Toilettenpapier als die vom Markt vorgegebenen zwei Pakete kaufen wollte. Sie wehrte sich handfest und griff eine Mitarbeiterin mit einem gezielten Schlag an.

Achtung vor „Enkeltrick im weißen Kittel“

249 Verstöße von etwa 2000 Personen seien bis Mittwoch gezählt worden, so Reul. Er beobachtet besonders ein neues Betrugsphänomen. „Ich möchte dringend warnen vor Corona-Tests an den Haustüren. Die Menschen, die mit weißem Kittel von Tür zu Tür laufen. Das ist der Enkeltrick im weißen Kittel. Die Gauner in Weiß nutzen die Ängste der Menschen aus.“ Auch telefonisch versuchen es die Gauner mit neuen Formen des Enkel- oder falschen Polizistentricks. Nicht selten stecken dahinter Clans, die aus der Türkei operieren.

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Europol warnt vor gefälschten Schutzartikeln und Medikamenten

Außerdem haben auch Wucherpreise und der Verkauf von gefälschten Schutzartikeln und Medikamenten zugenommen, so der Minister. Das bestätigt auch ein Bericht, den Europol am Freitag vorlegte.

Fälscher würden den Mangel von etwa Schutzmasken oder Desinfektionsgels ausnutzen. Im März waren nach Angaben der EU-Polizeibehörde bei einem weltweiten Polizeieinsatz gegen Medikamentenfälscher etwa 34.000 gefälschte chirurgische Masken sichergestellt worden.

Warnung vor Fakeshops und Betrügern

BDK-Vorsitzender Fiedler glaubt, dass die kriminellen Netzwerke sich schnell der Lage anpassen werden. „Die Organisierte Kriminalität hat derzeit die gleichen Probleme wie die legalen Märkte. Beispielsweise im Drogenhandel sind Lieferketten unterbrochen. Die Grenzen werden strenger kontrolliert und auch der Vertrieb zum Endverbraucher ist durch Kontaktverbote oder Ausgangsbeschränkungen erschwert. Es gibt aber nach wie vor Abhängige, die Drogen konsumieren. Daher richtet sich der Blick auf den Online-Handel.“

Neben dem damit einhergehenden illegalen Handel im Netz sei schon jetzt ein deutlicher Anstieg in der Cyberkriminalität zu beobachten. „Die Menschen sind zuhause viel länger am Rechner und damit auch anfälliger für Schadsoftware. Außerdem wird alles online gekauft, da ist die Gefahr, auf Fakeshops oder Betrüger hereinzufallen, natürlich besonders groß.“

Fiedler: „Clans haben gerade auch ein echtes Problem“

Die Organisierte Kriminalität verfüge durch illegal erworbenes Geld über eine unglaublich hohe Liquidität und werde versuchen, aus der Corona-Krise Profit zu schlagen, schätzt der Kriminalhauptkommissar aus NRW. „Man wird versuchen etwa bei Geldern durch finanzielle Hilfspakete zu betrügen, sich bei finanziell angeschlagenen Firmen einzukaufen oder weitere Wege der Geldwäsche für sich zu nutzen.“

Dass Clans trotz aktuell ausgesetzter Großkontrollen übermäßig von der Krise profitieren könnten, glaubt Fiedler derzeit nicht: „Sie können ihre Shisha-Bars, Restaurants oder Geschäfte nicht betreiben. Und ihre klassischen Geschäftsfelder wie Schutzgelderpressung oder Rauschgifthandel sind auch erschwert. Wir müssen die Augen aufhalten, aber zum Glück haben die gerade auch ein echtes Problem.“

Auch extremistische Gruppen weiter im Fokus

Neben der Organisierten Kriminalität müssen die Beamten nach wie vor extremistisches Gruppen im Blick behalten. Fiedler nennt hier etwa die Prepper-Szene, die sich angesichts von Corona in ihrer Vorbereitung auf Tag X bestärkt sieht. Zugleich gab es auf linken Plattformen bereits Aufrufe zu Plünderungen. „Diese Gruppen sind wegen Corona nicht weg und ihre Ideologien nicht aus den Köpfen. Die Polizei darf sie nicht aus dem Blick lassen. Denn sie lehnen den Staat ab und wollen ihn destabilieren. Eine Destabilisierung des Staates können wir in der aktuellen Situation aber am wenigsten brauchen.“

 
 

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