Clans in NRW: Jugendliche Intensivtäter im Visier – DAS soll kriminelle Karrieren verhindern – „Hardcore-Arbeit“

Kriminelle Clans in NRW: Präventionsexperte Jörg Unkrig sagt über seine Arbeit: „Es gibt kein Vorbild, keine Blaupause.“
Kriminelle Clans in NRW: Präventionsexperte Jörg Unkrig sagt über seine Arbeit: „Es gibt kein Vorbild, keine Blaupause.“
Foto: Svenja Hanusch / Funke Foto Services

Der Kampf gegen kriminelle Clans in NRW bleibt weiter ein Schwerpunkt der Sicherheitsbehörden. Dabei werden auch jugendliche Intensivtäter ins Visier genommen.

NRW fährt die Politik der 1000 Nadelstiche, erst vor zwei Wochen gab es im Ruhrgebiet wieder eine Groß-Razzia. Doch wie kann erreicht werden, dass Kinder und Jugendliche erst gar nicht auf die schiefe Bahn geraten.

Kriminelle Clans in NRW: Präventionsexperte macht deutlich – „Es gibt keine Blaupause“

Kinder aus Familien von kriminellen Clans in NRW nehmen? Für Jörg Unkrig ist das keine Lösung.

Clan-Kriminalität in Deutschland: Woher kommen die Clans und wie kriminell sind sie?
Clan-Kriminalität in Deutschland: Woher kommen die Clans und wie kriminell sind sie?

Unkrig ist der Referatsleiter Kriminalprävention und Opferschutz beim Innenministerium NRW. Im Interview mit DER WESTEN spricht er über die Schwierigkeiten und ersten Erfolge der Präventionsarbeit, Aussteigerprogramme und die Träume der Kinder und Jugendlichen aus Clan-Familien.

Herr Unkrig, beim Thema Kampf gegen Clankriminalität wird oft über die Strategie der tausend Nadelstiche und Razzien in Shishabars gesprochen. Um Thema Prävention blieb es öffentlich bislang weitgehend still. Oft wurde angemerkt, dass es bei Clankriminalität sehr schwierig sei, entsprechende Ansätze finden. Woran liegt das?

Prävention ist immer ein bisschen unterpräsentiert und für die Öffentlichkeit nicht so wahrnehmbar. Wir hatten am Anfang gesagt, dass es schwierig sein wird, weil es dafür deutschlandweit kein Vorbild, keine Blaupause, gibt. Es gab keine Programme oder Erfahrungen, von denen man hätte sagen können, die funktionieren tatsächlich.

Wir sind da also auf ganz neuen Wegen. Wir haben deshalb gesagt: erwartet nicht sofort Erfolge, wir brauchen einen langen Atem. Wahrscheinlich braucht es einige Jahre, bis man sehen kann: ist es wirksam, ist es nachhaltig?

Welche Ansätze verfolgen Sie derzeit?

Wir arbeiten mit Menschen, um die sich in diesem Bereich wenig gekümmert wurde, die selbst für sich wenig Perspektiven erkennen. Da müssen wir einen ganz neuen Ansatz gehen. Wir sind im Austausch, auch mit anderen Bundesländern. Aber auch in Berlin, Bremen oder Niedersachsen gibt es kein Konzept, wo man sagen kann: 'Wenn wir das in Nordrhein-Westfalen übernehmen, dann brauchen wir gar nichts neu zu erfinden.' Das haben wir nicht.

Zum anderen haben wir in den Behörden nachgefragt, was gibt es und was funktioniert. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit dem Program 'Kurve kriegen' gemacht. Das ist ein Programm zur Verhinderung von Intensivtäterschaft. Damit arbeiten wir seit 2011.

Unter anderem Herr Akin Sat, pädagogische Fachkraft in 'Kurve kriegen' in Gelsenkirchen, hat uns zurückgemeldet, dass sie dort schon Personen im Programm haben, die man bekannten Clanfamilien zuordnen könnte. Das ist ein Ansatz, den wir weiterverfolgen wollen. Über unsere Verbindung mit der Sicherheitskooperation Ruhr haben wir in fünf Standorten mit der Prävention Clankriminalität (Anm. d. Red.: Essen, Duisburg, Recklinghausen, Dortmund, Gelsenkirchen) begonnen. Am Anfang stand der Versuch das Präventionsprogramm Familien anzubieten, wo Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren straffällig geworden sind. Seit letzter Woche haben wir 21 Teilnehmer an den fünf Standorten, 19 Jungs und zwei Mädchen. Der Altersschnitt liegt etwa bei 13 Jahren.

Das Programm 'Kurve kriegen' gibt es ja bereits seit 2011. Was ist mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen aus Clan-Familien anders?

Wir haben für diesen Bereich spezielle, erfahrene Fachkräfte von freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe eingestellt. Man erreicht die Familien nur, wenn man eine gewisse Expertise im Bereich Interkulturelle Kompetenz hat. Wenn auch die Hintergründe akzeptiert werden und man weiß, dass in den Familien manche Sachen vielleicht anders sind.

Ein Beispiel: Wenn bei uns die 13-jährige Tochter abends ein bisschen länger weg ist, dann ist das in diesen Familien möglicherweise schon ein Grund zu sagen, dass es einen längeren Hausarrest gibt, weil so etwas für ein schlechtes Ansehen in der Gesamtfamilie sorgt. Man muss akzeptieren, dass aufgrund einer anderen Kultur auch die Sichtweisen andere sein können.

Wenn man von Clanstrukturen spricht, dann ist nur ein kleiner Teil davon kriminell. Ein Großteil ist nicht kriminell und will auch mit Kriminalität nichts zu tun haben. Und den Kindern Lebensperspektiven zur Kriminalität bieten. Oft hören wir: ,Wir möchten, dass unser Kind einen Schulabschluss hat, Abitur macht oder vielleicht als Erster oder Erste aus der Familie studiert und einen Beruf hat, der bisher in unserer Familie nicht möglich war.

Wenn wir dann Pädagogen wie Herr Sat haben, die die Hintergründe kennen, aufgrund ihrer Herkunft auch eine eigene Vita und Erfahrungen haben und wissen, wie man mit den Menschen umgeht, dann fungieren sie auch selbst als positives Beispiel, als tatsächliches Vorbild. Dann sehen die Jugendlichen, du musst nicht kriminell sein, um dein Geld zu verdienen. Du kannst deinen eigenen Weg gehen, ohne von bestimmten Leiten, die dir nicht guttun, abhängig zu sein. Wir haben viele Kinder und Jugendliche, die eine Vorstellung davon haben, was sie mal machen wollen.

Und die lautet nicht, ich will mein Leben lang kriminell bleiben. Ich will ein gutes Leben haben, eine Familie, ich will vielleicht Koch oder Schaffner werden. Ich will mich nicht immer umdrehen und fragen, steht hinter mir die Polizei, um mich festzunehmen oder ein anderer Straftäter, der mich oder meine Familie bedroht. Ich will selbstbestimmt leben können.

Es muss also nicht immer Gangster-Rapper sein...

Viele Kinder hatten das gar nicht im Fokus, wie man sein Leben gestalten kann. Sie hatten die Vorstellung, ich fahr später mal einen AMG. Sie hatten nicht die Vorstellung, dass sie dafür vielleicht kriminell werden müssen. Die dachten, sie können sich das irgendwie zusammen verdienen. Plötzlich oder erst spät merken sie, dass sie etwas tun müssen, was sie so gar nicht wollen, dass sie unfrei sind und abhängig.

Unsere Aufgabe ist es aufzuzeigen, dass die Kinder und Jugendliche sich jetzt entscheiden müssen, wie ihr Leben laufen soll. 'Willst du dich jeden Tag umdrehen müssen, weil ein Anderer hinter dir ist, der dir was wegnehmen will oder die Polizei da ist'. Das haben sie mit 8, 12 oder 13 Jahren noch gar nicht auf dem Schirm. Da leisten wir Unterstützung und Aufklärung.

Wie läuft die Kontaktaufnahme und die Zusammenarbeit mit den Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien ab?

Erst erfolgt ein polizeiliches Screening. Heißt: wir schauen uns alle straffällig gewordenen Jugendlichen an, dann gehen die Polizei-Kollegen hin und bieten das Präventionsprogramm an. Beim Thema Clan kommt noch die Frage hinzu: wer stammt aus einer polizeibekannten Clan-Familie?

Die Kollegen sprechen dann mit den Eltern, erklären ihnen: 'Wir machen uns Sorgen und Gedanken um ihren Sohn, ihre Tochter. Wir könnten ihnen jemand vorbeischicken, der pädagogisch gebildet ist und mit ihnen arbeitet'. Die Eltern müssen eine Einverständniserklärung unterschreiben, weil alles freiwillig ist. Sie sagen dann: Ja, interessiert uns. Oder sie sagen: Wollen wir nicht.

Anschließend kommt der Pädagoge und spricht nochmal mit der Familie aus der Brille des Pädagogen. Da geht es um Gewalt in der Familie, kriminelle Familienangehörigen, Vermisstenfälle, unstrukturierte Tagesabläufe. Wenn es auch aus Sicht des Sozialarbeiters passt, die Eltern mitspielen, die Einsicht beim Jugendlichen da ist, erst dann fängt die Arbeit des Pädagogen an. Individuell und passgenau. Kein Gießkannenprinzip, kein Einheitsbrei. Immer orientiert auch an den Ressourcen und Talenten des Teilnehmenden und seiner Familie. Das nimmt Zeit in Anspruch. So binden wir zusätzlich auch zertifizierte Sprach- und Integrationsmittler ein, die uns und die Familien unterstützen.

Seit April ist das Programm speziell auf Kinder und Jugendliche aus Clan-Familien ausgeweitet. Wie sind die ersten Erfahrungen? Wie nehmen die Familien das Angebot an?

Wir machen immer kleine Schritte. Die Kinder und Jugendlichen sind ja teils fünf oder zehn Jahre so sozialisiert worden. Die kennen gar nichts anderes. Da muss ein Pädagoge Hardcore-Arbeit leisten. Das sind Kleinigkeiten wie 'Lass andere mal ausreden, falle ihnen nicht ins Wort, halte dich an Termine. Acht Uhr heißt acht Uhr - und nicht halb neun oder gar nicht.'

Unsere Sozialarbeiter kriegen jeden Tag von der Polizei eine Rückmeldung, ob der Jugendliche wieder rückfällig war. Das ist nicht selbstverständlich. Der Jugendliche kann zwar sagen, er verhält sich legal, begeht aber doch eine Straftat, wird aufgegriffen oder vermisst. All diese Daten bekommt der Sozialarbeiter und kann dieses Wissen in seine Arbeit professionell einbinden.

So können die Pädagogen noch am gleichen Tag die Jugendlichen ansprechen, sie fragen: 'Hör mal, du bist heute Morgen erwischt worden? Wir haben doch letzte Woche noch etwas anderes vereinbart. Du hältst dich ja gar nicht an die Vereinbarung. Er kann sogar entscheiden, vielleicht das erstmal nicht anzusprechen und abzuwarten, ob der Junge das von selbst anspricht beim nächsten Gespräch.

Vergangene Woche wurde im Lagebild Clankriminalität NRW ein Fall eines Intensivtäters mit 72 Straftaten mit 19 Jahren vorgestellt. Erstmals strafffällig wurde er mit 11 Jahren. Hätte ein Programm wie 'Kurve kriegen' eine solche kriminelle Karriere verhindern können?

Ob wir so eine Karriere verhindert hätten, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Wären wir auf den Jugendlichen mit 11 aufmerksam geworden und die Eltern hätten zugestimmt, hätten wir ihm vielleicht eine andere Perspektive aufgezeigt. Wir siedeln dich am Fußballverein an. Oder du bist ein begnadeter Sänger, ein Maler, wir fördern dich.

Wir arbeiten mit jemanden zusammen, der war früher selbst Intensivtäter. Der entzaubert im Gespräch mit den Jugendlichen den Mythos, dass es cool ist, kriminell zu sein. Er hat 10 Jahre im Knast gesessen und sagt: 'Knast ist nicht cool. Ich hab nachts Angst gehabt, ich war nicht frei. Draußen gibt es hundert Regeln, im Knast Tausende.' Für die meisten ist Gangster sein nicht cool. Er war mit seinen Ängsten und Sorgen allein, teilweise haben sich Familienangehörige von ihm abgewandt, sprechen nicht mehr mit ihm. Als Gangster verletzt du die, die du am meisten liebst. Die meisten würden sagen: das möchte ich nicht. Die Wirklichkeit ist vielen nicht bewusst, weil man es zunächst nicht überblicken kann.

Das Beispiel mit 72 Taten ist aber nicht hochgegriffen. Davon haben wir eine Vielzahl. Man sagt, Intensivtäter hinterlassen zwischen 14 und 24 Jahren 100 Opfer - nur im Hellfeld. Hinzu kommen die Taten im Dunkelfeld. Wir bieten Tools, um das zu verhindern. Aber die Einsicht, ich will nicht in Kriminalität leben, muss von der Person selbst kommen.

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Im Zusammenhang mit Prävention war immer mal wieder das Thema Aussteigerprogramme diskutiert worden. Macht das Sinn aus ihrer Sicht?

Bei klassischen Aussteigerprogrammen ist die Systematik eine andere. Sie funktionieren bei politisch motivierter Kriminalität sehr gut. Aber das ist ein anderer Hintergrund. Dort haben wir eine Szene, der man sich zugehörig fühlt. Wir haben hier keine Szene. Der Einstieg in einen Clan erfolgt durch Geburt. Deshalb sprechen wir nicht von Ausstiegsprogramm, das ist missverständlich.

Ausstieg bezieht sich damit allein auf den Ausstieg aus Kriminalität. Man verbindet ja viel Positives mit Familie. Ich liebe ja meinen Vater nicht weniger, weil er kriminell ist. Aber ich will mit seiner Kriminalität nichts zu tun haben. Wir sagen den Kindern und Jugendlichen nicht, du musst aus deiner Familie aussteigen, sondern du musst dich von der Kriminalität distanzieren.

Wir sind an anderen Programmen dran und schauen, ob die übertragbar sind. Wir prüfen international Programme, ob die auf NRW übertragbar sind. Auch aus den Kommunen versuchen wir Programme und Angebote zu vernetzen. Kurve kriegen ist ein Werkzeug in diesem Werkzeugkasten. Wir sind erst seit April dabei. Wir haben die Spur aufgenommen, was funktioniert, was nicht. Deshalb arbeiten wir mit einer bundesweiten wissenschaftlichen Beratergruppen zusammen. 'Kurve kriegen' ist ein guter Baustein, aber nicht genug.

Aus der Berliner Politik kam mal der Vorschlag, kriminellen Clanfamilien die Kinder wegzunehmen. Ist das die Lösung?

Das wäre ein fatales Zeichen. Man entzieht Kindern das, was das Leben ausmacht. Die Familien stehen ja auch für andere, sehr gute Sachen. Das kann außerdem nur das Familiengericht. Es gibt sicher Fälle von Kindeswohlgefährdung, das ist aber eine andere Sache. Aber generell zu sagen, nur weil sie diesen Nachnamen tragen, sollten wir ihnen die Kinder wegnehmen, das wäre ein fatales Zeichen und hätte auch null Wirkung.

 
 

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