Kölner Polizei will zu Einsatz keine Auskünfte mehr geben

Nach den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof wurden weitere Verdächtige festgenommen.
Nach den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof wurden weitere Verdächtige festgenommen.
Foto: dpa
In Köln kommt nach den Silvester-Übergriffen nur langsam kommt Licht ins Dunkel. Die Kölner Polizei taucht derweil ab - und gibt keine Auskünfte mehr.

Köln. Die Kölner Polizei will nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht vorläufig keine Auskünfte mehr zum Ablauf des Einsatzes geben. Zunächst müsse man nun dem NRW-Innenministerium ausführlich Bericht erstatten, erklärte ein Polizeisprecher am Donnerstag. Am kommenden Montag will sich der Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags mit den Vorfällen in Köln befassen. "Aus Respekt vor dem Parlament werden wir bis dahin keine Auskünfte zum Einsatzgeschehen an Silvester erteilen", kündigte der Sprecher an. Dies beziehe sich etwa auf Fragen zu Uhrzeiten, Personalstärke oder dem detaillierten Ablauf der Ereignisse.

Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln ist die Zahl der Strafanzeigen auf 121 gestiegen. Die Ermittler hätten bislang insgesamt 16 Verdächtige ausgemacht, die mit den Taten in Zusammenhang stehen könnten, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag. Die meisten Verdächtigen seien zwar noch nicht namentlich bekannt, aber auf Bild- oder Videoaufnahmen klar erkennbar.

Etwa drei Viertel der Anzeigen wegen sexueller Belästigung

Bei etwa drei Viertel der angezeigten Taten hätten die Opfer angegeben, auch sexuell bedrängt worden zu sein. In zwei Fällen seien Vergewaltigungen angezeigt worden. Augenzeugen und Opfer hatten nach den Übergriffen ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. In der Silvesternacht hatten sich aus einer Gruppe von rund 1000 Männern kleinere Gruppen gelöst, die vor allem Frauen umzingelt, begrapscht und bestohlen haben sollen.

Die zuständige Ermittlungskommission soll laut Informationen des WDR von zehn auf bis zu 80 Beamte verstärkt werden. Politiker forderten ein hartes Vorgehen gegen die Täter.

Augenzeugen und Opfer hatten ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Bislang gibt es laut Polizei keine Belege, dass Asylbewerber darunter waren. Die Polizei habe drei Verdächtige ermittelt, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) in Düsseldorf. Es habe aber bislang keine Festnahmen gegeben. Die Ermittlungen seien schwierig. "Manchmal braucht der Rechtsstaat Zeit. Diese Zeit müssen wir ihm geben."

Polizei steht nach Übergriffen von Köln in der Kritik

Derweil gerät die Polizei weiter unter Druck. Ein internes Dokument legt den Verdacht nahe, dass die Kölner Polizei mit ihrer ersten harmlosen Meldung die Öffentlichkeit bewusst täuschen wollte.

Bei den Übergriffen waren nach ihren Angaben am Silvesterabend auf dem Platz vor dem Bahnhof in Köln zahlreiche Frauen im Getümmel sexuell bedrängt und beklaut worden. Zuvor hatten sich etwa 1000 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt und mit Feuerwerkskörpern um sich geworfen.

Nach den Übergriffen ermittelt nun die Abteilung für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität der Staatsanwaltschaft Köln. "Tat- und Täterbeschreibungen lassen es derzeit zumindest nicht als ausgeschlossen erscheinen, dass das Geschehen organisierten Täterstrukturen zuzurechnen ist", teilte die Behörde mit. Die Kölner Polizei stockte ihre Ermittlungsgruppe auf.

Justizminister Maas spricht von "enthemmter Horde"

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) lässt wegen des Ausmaßes prüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Taten in Köln und ähnlichen Attacken in Hamburg gibt. "Wenn tausend Menschen sich zu einer enthemmten Horde zusammenfinden und das offenbar so geplant war, dann ist das nicht weniger als ein zeitweiliger Zivilisationsbruch." Er hält auch eine Ausweisung der Täter für denkbar. Gleichzeitig stellte er klar: "Es sollte jetzt aber auch keine vorschnellen Schuldzuweisungen geben. Wichtig ist, dass sich so etwas nicht wiederholen darf."

Hamburger Ermittler gehen bislang nicht von Verbindungen aus. In der Hansestadt wurden Frauen nahe der Reeperbahn in der Silvesternacht von mehreren Männern umringt und an der Brust oder im Intimbereich begrapscht. Die Opfer seien zwischen 18 und 25 Jahren alt. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bezeichnete die Übergriffe als Schande.

Erste Touristen stornieren Köln-Reisen

Drei Viertel der insgesamt mehr als 150 Anzeigen in Köln und Hamburg haben nach Polizeiangaben einen sexuellen Hintergrund. "Viele Frauen geben in den Gesprächen an, dass sie auch angefasst wurden", sagte eine Kölner Polizeisprecherin.

Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht haben erste Auswirkungen auf den Tourismus in der Domstadt. "Das Image Kölns hat einen Knacks erlitten", sagte Köln-Tourismus-Geschäftsführer Josef Sommer dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Donnerstag). Dem Bericht zufolge erreichen die Organisation, die weltweit für die Stadt werben soll, zahlreiche Mails und Anrufe besorgter Touristen und Reiseveranstalter. Immer wieder würden Stornierungen angedroht. Von einem langfristigen Schaden ging der Tourismus-Chef allerdings noch nicht aus: "Wir bauen darauf, dass die Behörden alles unternehmen, dass sich so etwas nicht wiederholt."

Kölns Polizeichef schließt Rücktritt trotz Übergriffen aus

In den ARD-"Tagesthemen" bemängelte de Maizière den Einsatz der Kölner Beamten: "Da wird der Platz geräumt - und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten." NRW-Innenminister Jäger entgegnete, auch im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei habe es Übergriffe gegeben. Die Bundespolizei untersteht dem Bundesinnenminister.

Die Kölner Polizeiführung räumte zwar ein, am Neujahrsmorgen falsch über die Ereignisse der Nacht berichtet zu haben. In einer Erklärung hatte sie die Lage zunächst als recht entspannt beschrieben und sich selbst gelobt. Kritik am Einsatz wies sie allerdings zurück. "Wir waren nicht überfordert", sagte Polizeipräsident Wolfgang Albers. Das ganze Ausmaß der Vorfälle sei erst später klar geworden. Einen Rücktritt schloss Albers aus. "Gerade jetzt bin ich, glaube ich, hier gefragt", sagte er auf WDR 5. Dagegen verlangte FDP-Chef Christian Lindner personelle Konsequenzen an der Spitze der Polizei.

Seehofer fordert volle Härte gegen Täter von Köln

CSU-Chef Horst Seehofer forderte ein hartes Vorgehen gegen die Täter. Die Übergriffe seien "erschütternd" und "unsäglich", sagte Bayerns Ministerpräsident in Wildbad Kreuth.

Silvester-Übergriffe in KölnGegen Vorwürfe wehren muss sich die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos). Sie zog mit einer Verhaltensempfehlung an Frauen Spott im Internet auf sich. "Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft", hatte sie vor Journalisten auf die Frage geantwortet, wie man sich als Frau besser schützen könne.

Reker entschuldigte sich mittlerweile auf Facebook für ihre Aussagen: "Sollte ich eines der Opfer durch meine Äußerung verletzt haben, dann tut es mir aufrichtig leid. Ich wollte und werde auch in Zukunft keine Verhaltensregeln für Frauen aufstellen." (dpa/we)

 
 

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