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Kita in NRW: Warum uns die Probleme der Erzieher alle etwas angehen

Die Kitas in NRW gehen auf dem Zahnfleisch. Ein Erzieher ruft nun zum Umdenken auf – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Haken in Kita, Jacken von Kindern
u00a9 IMAGO/Daniel Schu00e4fer

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Der chronische Personalmangel in den Kitas in NRW ist kein Problem von gestern oder vorgestern. Im Frühjahr 2023 gab es deshalb bereits die Idee, kurz- oder auch mittelfristig mit Quereinsteigern auszuhelfen. Kritik an der somit sinkenden Qualität der Betreuung wurde laut.

Nun meldet sich die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW und stellt weitere Forderungen ans Land. Stefan Raffelsieper, Erzieher aus Bonn und Mitglied der Fachgruppe Sozialpädagogische Berufe der GEW NRW, arbeitet selbst in einer Kita und weiß, wo das eigentliche Problem begraben liegt.

Kita in NRW: Fachkräftemangel ungelöst

„Ich habe das Glück in einer großen, gut besetzten Einrichtung zu arbeiten. Wir können viel kompensieren. Je kleiner die Einrichtung, desto schwieriger wird es, Ausfälle aufzufangen.“ Und genau das zeigte sich zuletzt mit der Corona-Pandemie deutlich. „Wir hatten allerdings auch mit Krankheitsfällen seitens der Kollegen zu kämpfen. Das war schon ziemlich übel“, erinnert sich Raffelsieper im Interview mit DER WESTEN zurück. „Eine Einrichtung wurde geschlossen und wir mussten die Kinder übernehmen. Das war heftig.“


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Mittlerweile hat sich zumindest die Corona-Pandemie entspannt, doch das Problem mit dem Fachkräftemangel hat sich nicht in Wohlgefallen aufgelöst – überhaupt nicht. Und da helfen auch die Quereinsteiger nicht, sagt der Erzieher. „Alltagshelfer, die eigenständig arbeiten können, sind eine enorme Erleichterung, können den Betreuungsnotstand allerdings nicht lösen.“

„Das größte Problem“

Der Fachkräftemangel, die schlechte Bezahlung, die fehlende Wertschätzung – das alles bemängeln viele Erzieher. Doch seien dies nur Symptome eines tieferliegenden Problems, meint Raffelsieper. „Ich sehe das größte Problem bei der Kommunikation hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Institutionen wie Land, Bund, Kommunen und freien Trägern.“ Wichtig wäre zunächst, dass diese Parteien an einen Tisch kämen und gewisse Abläufe klären.

„Es müssen Regelungen getroffen werden, die praktikabel sind“, fordert der Erzieher. „Wir brauchen mehr Fachhochschulen sowie Fachschulen, die ausbilden und wir müssen die Einstellungsverfahren der PIA-Ausbildung vereinfachen.“ Zudem spricht er sich für eine „engere Verzahnung von Praxis und Schule“ aus. Damit schließt er sich auch den Forderungen der Gewerkschaft an.

Kita in NRW: Erzieher fordert umdenken

Auch bei der Bezahlung sieht der Erzieher noch Luft nach oben. „Der Änderungstarifvertrag Nr. 19 sieht für Kollegen, die nach S 8a eingruppiert werden, vor, dass ab einem Anteil der Förderkinder von 15 Prozent, Erzieher in die Entgeltgruppe S 8b eingruppiert und dementsprechend bezahlt werden. Das wird allerdings nicht umgesetzt und liegt bei vielen Kommunen auf Eis.“ Das würde teils an der unklaren Formulierung der Verträge liegen, teils hätten die Träger aber auch nicht genug Geld dafür. „Dann müssten sie allerdings diese Finanzierung vom Land anfordern“, zieht Raffelsieper seine Schlüsse.


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Was ihm allerdings wirklich am Herzen liegt, ist die Art und Weise, wie die Gesellschaft über Kitas denkt. Was soll und kann ein Kindergarten eigentlich leisten? Er ist eben nicht der Ersatz für die Erziehung und doch geben Eltern ihre Kinder hier schon ab wenigen Monaten für zig Stunden am Tag in die Hände der Erzieher. Das solle man noch mal überdenken, findet Raffelsieper und würde hier gerne zu einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs anstoßen. Doch dafür braucht es noch eines: „Der politische Wille muss da sein.“