Kindesmisshandlung: Dramatischer Fall aus Hattingen nimmt überraschende Wendung – und zeigt grundlegendes Problem

Dennis Engelmann hat seine Adoptiveltern angezeigt - wegen Misshandlung Schutzbefohlener.
Dennis Engelmann hat seine Adoptiveltern angezeigt - wegen Misshandlung Schutzbefohlener.
Foto: Bastian Haumann / Funke Foto Services

Der Dienstag war ein „rabenschwarzer Tag“, sagt Dennis Engelmann.

Fast ein Jahr ist es her, dass die Staatsanwaltschaft Essen Anklage gegen seine Adoptiveltern erhoben hat - wegen Misshandlung Schutzbefohlener.

Kindesmisshandlung: Zwei Versionen einer Leidensgeschichte

Jetzt - am Dienstag - hat das Amtsgericht Hattingen beschlossen: Es wird keine Gerichtsverhandlung geben.

Übrig bleiben zwei völlig verschiedene Versionen einer Leidensgeschichte und die große Frage nach der Gerechtigkeit. Der Fall zeigt, wie schwierig die juristische Aufarbeitung von Kindesmisshandlung bisweilen immer noch ist - und wie schmerzhaft das für Betroffene sein kann.

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Beginnen wir mit der Geschichte von Dennis Engelmann, wie er sie erzählt. Der 27-Jährige spricht mit sonorer Stimme und bleibt meist auch dann ruhig, wenn er von den Tiefpunkten erzählt. Etwa seinem Suizidversuch im letzten Jahr.

Wurzeln reichen in die frühe Kindheit

Engelmann, der den Nachnamen seiner Adoptiveltern abgelegt hat, weil er ihn nicht mehr ertragen konnte, ist daran gewöhnt, von seiner Vergangenheit zu erzählen: Er ist seit Jahren in therapeutischer Behandlung. Die Diagnose der Psychotherapeuten: Posttraumatische Belastungsstörung, die einhergeht mit Depressionen.

Die Wurzeln reichen demnach bis in seine frühe Kindheit. Mit vier Jahren kommt er als Adoptivkind in die Familie nach Duisburg, später ziehen sie nach Hattingen.

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Misshandlung von Kindern

  • Im Jahr 2018 gab es laut Kriminalitätsstatistik 3.487 Fälle von Kindesmisshandlung mit 4.180 Opfern.
  • Die Dunkelziffer dürfte nach Expertenschätzung weitaus höher liegen.
  • Oft sind die Kinder noch zu klein, um auf sich aufmerksam zu machen - oder sie trauen sich nicht oder wissen auch später als Erwachsene nicht, wie sie juristisch vorgehen sollen.
  • Dennis Engelmann hat deshalb einen Verein gegründet: „Kinderseelenschützer e.V.“
  • Viele der Gründungsmitglieder seien selbst Opfer von Misshandlungen geworden, sagt Engelmann. „Es gibt zu wenige Hilfsangebote, die Erfahrung hat jeder von uns gemacht. Diese Lücke wollen wir schließen.“
  • Immer noch ist die juristische Aufarbeitung von Kindesmisshandlung in vielen Fällen schwierig. Opfer sind bisweilen erst Jahre oder gar Jahrzehnte später in der Lage, über ihr Leid zu sprechen - die Taten sind dann womöglich schon verjährt.
  • U.a. der Deutsche Kinderverein fordert deshalb eine Abschaffung der Verjährung in solchen Fällen

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Von Anfang an schlagen ihn die neuen Eltern, sagt Dennis Engelmann. Mal mit einem Kochlöffel, den er vorher selbst aus der Küche holen muss, mal mit der Hand. Vor allem die Adoptivmutter schlägt zu, sagt er: Sie packt ihn am Kragen, gibt ihm Ohrfeigen, demütigt ihn. Manchmal, weil die Schulnoten ihren Ansprüchen nicht genügen. Manchmal, weil Dennis aus Frust heimlich isst. Und manchmal einfach so.

Das Jugendamt hätte das alles wissen können, doch die zuständige Mitarbeiterin habe darüber hinweggesehen, glaubt er: „Die Frau vom Jugendamt war mit meinen Adoptiveltern befreundet.“

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Auch seine Pflegegeschwister werden geschlagen und gedemütigt, so der 27-Jährige. Eine Schwester wird später dazu aussagen. Sie wird davon erzählen, wie die Mutter den Kindern eine Schüssel Süßigkeiten über die Köpfe ausschüttet. Als Strafe fürs Naschen. Am Ende landet die Schüssel auf dem Kopf des Mädchens, hinterlässt eine Beule - so erzählt es Dennis' Pflegeschwester.

Anwalt: „Beschluss liest sich nicht durchdacht“

Die zweite Version der Geschichte lässt sich schnell so zusammenfassen: Die Erinnerungen von Dennis an all die Quälereien sind falsch und verzerrt. Das schließt das Gericht unter anderem aus einem Gutachten, das Dennis Engelmann eine Borderline-Persönlichkeitsstörung attestiert. Damit gilt er als aussageuntüchtig.

Zwei weitere Pflegegeschwister des jungen Mannes bestätigten seine Vorwürfe zudem nicht - und die Aussage der Pflegeschwester, die Engelmanns Version stützt, hält das Gericht für nicht glaubwürdig. Und die Sache mit der Bonbonschüssel? Könnte auch ein Versehen gewesen sein. Fall erledigt.

Arne Michels sieht das anders. Er ist der Anwalt von Dennis Engelmann. „Der Beschluss liest sich nicht hinreichend tragfähig und durchdacht“, sagt er. Das Schreiben sei zudem ungewöhnlich kurz. Ebenfalls ungewöhnlich: Das Gutachten, auf das sich das Gericht bezieht, liegt ihm und seinem Mandanten bis heute nicht vor: „Das habe ich so noch nicht erlebt.“

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Dass das Gericht die Aussagen der Pflegeschwester anzweifelt, kann Michels nicht nachvollziehen. Ein Grund für die Zweifel des Gerichts: Die Zeugin habe erst zehn Jahre nach den Geschehnissen davon erzählt. Dabei seien „Opfer häufig erst viele Jahre später in der Lage, über das Erlebte zu sprechen“, so der Jurist.

Fraglich sei zudem, wie Dennis Engelmann „zum jetzigen Zeitpunkt aussageuntüchtig sein kann, der in den vergangenen zehn Jahren immer wieder von unabhängigen Stellen als Person mit stets glaubhaften und gut nachvollziehbaren Schilderungen der Gewalthandlungen beschrieben wurde.“

„Wiederkehrende Erfahrungen emotionaler, körperlicher Misshandlungen“

In der Vergangenheit war Engelmann in der Tat eine Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung attestiert worden - als Folge „wiederkehrender Erfahrungen emotionaler, körperlicher und/oder vernachlässigender Misshandlungen im Kindesalter“, wie es zum Beispiel in einem Schreiben einer Psychologin heißt, das der Redaktion vorliegt. Diese Erkenntnisse spielen im Beschluss des Gerichts offenbar keine Rolle - sondern eben nur ein einziges Gutachten.

Dennis Engelmann hat über seinen Anwalt Beschwerde gegen den Beschluss eingelegt, eine höhere Instanz prüft jetzt, ob die Entscheidung rechtmäßig ist.

Der 27-Jährige kann nicht fassen, dass seine Wahrheit plötzlich nicht mehr gelten soll. Er sieht es so: „Opfern von Kindesmisshandlung werden Steine in den Weg gelegt, es scheint schier unmöglich zu sein, zu Gerechtigkeit zu kommen.“

 
 

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