Kiesfirmen am Niederrhein bangen um ihre Existenz

Jede Menge Kies. Doch Kiesabbauunternehmen am Niederrhein führten um ihre Existenz.
Jede Menge Kies. Doch Kiesabbauunternehmen am Niederrhein führten um ihre Existenz.
Foto: NRZ
Lange Jahre hat die Kiesindustrie den Niederrhein geprägt. Nun aber bekommen die Firmen kaum noch Abbaugenehmigungen. Die Folge sind Personal-Entlassungen. Die Weseler Traditionsfirma Hüskens entlässt jetzt fast ein Drittel ihrer Belegschaft.

Am Niederrhein.. Sechs-Seen-Platte? Nord- und Südsee in Xanten? Ohne Kiesbagger würde es diese und viele andere Gewässer in der Region nicht geben. Über 100 Jahre hat die Kiesindustrie die Region geprägt, die Betriebe haben gut verdient. Nun scheint eine Zeitenwende angebrochen zu sein. Die Nachricht, dass die Traditionsfirma Hülskens in Wesel sich von bis zu 70 ihrer 250 Mitarbeiter trennt, schlägt Wellen. Denn: Für die komplette Branche sind steinige Zeiten angebrochen. Die Niederrheinische Industrie- und Handelskammer (IHK) sieht das mit großer Sorge. „Das sind alles Unternehmen, die stark in unserer Region verwurzelt sind“, sagt Hauptgeschäftsführer Stefan Dietzfelbinger.

Zwei Dinge machen den Kies- und Sandfirmen zu schaffen: Im Nachbarland Niederlande liegt die Bauwirtschaft am Boden – ein ganz wichtiger Absatzmarkt für die niederrheinischen Betriebe. Der andere Punkt: Den Firmen zufolge ist es zunehmend schwer, neue Abbaugebiete zu erschließen. Planungsrecht, Klagen, Landschafts- und Naturschutz stehen im Wege. „Seit Jahren werden der rohstoffgewinnenden Industrie Daumenschrauben angelegt“, klagt Dietzfelbinger im Gespräch mit der NRZ. Im Regierungsbezirk Düsseldorf hingen rund 10 000 Arbeitsplätze an der Branche. Am unteren Niederrhein sind rund 15 Firmen direkt im Kies- und Sandgeschäft tätig.

Vor 20 Jahren Antrag auf neues Kiesabbaugebiet gestellt

Wie ernst ist die Lage? Bei Hülskens mag man nicht ausschließen, dass das Ende des Kiesabbaus am Niederrhein peu à peu näher rückt – und das obwohl noch reichlich Vorräte da sind. „Wir müssen uns ernsthaft darauf einstellen, stemmen uns aber dagegen“, sagt Geschäftsführer Jörg Hüting. Noch verfügt Hülskens zwar über eine Reihe von Abbaugebieten. Aber das Beispiel „Reeser Welle“ zeige, wie schwer es ist, neue zu erschließen. Seit mehr als 20 Jahren will Hülskens dort graben, hat 1992 einen Antrag gestellt. Seitdem wird um Vogelschutz und Zuständigkeiten gerungen, zwischenzeitlich gab es auch eine erfolgreiche Klage. Hüting beklagt , dass die besonders ergiebige Rheinschiene mit sehr guter Kiesqualität für Hülskens aufgrund der Auflagen keine ausreichende Perspektive bietet. Von der Politik fühlt man sich bei Hülskens allein gelassen: „Beim Land will man von Kiesgewinnung nichts wissen.“

Naturschützer wie Dirk Jansen machen solche Klagen zornig. Der BUND-Landesstellenleiter vermutet, dass die Industrie damit nur Druck machen wolle, damit sie die Claims für die nächsten 50 Jahre abstecken könne. Auch in der Bezirksregierung kann man die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Sprecher Volker Klagges erinnert daran, dass bereits Reserven und Abgrabungen für die nächsten 20 Jahre ausgewiesen seien – die Branche habe damit eine Planungssicherheit, die viele andere nicht hätten. „Auskiesungen sind ein gravierendes Problem für Landschafts- und Gewässerschutz“, erinnert Umweltschützer Jansen. Beim Abbau werde die schützende Deckschicht im Boden abgetragen, die fürs Grundwasser eine Filterfunktion habe – „es besteht die Gefahr von Verunreinigungen des Wassers“. Dass der Großteil des Niederrhein-Kieses in die Niederlande geht, empört Jansen: „Dort sind die Naturschutz-Restriktionen viel strikter als bei uns.“ Die Exportförderung hier sei deshalb „eine Form von Ökodumping, bei der wir überlegen müssen, ob wir sie dulden wollen“.

Hülskens-Chef Hünting sieht die von der Bezirksregierung genannten Reserven für 20 Jahre viel zu großzügig beziffert. Da seien auch untaugliche Flächen bei – entweder weil der Aufwand bei der Gewinnung zu groß oder der zu erwartende Ertrag zu klein wären oder weil Klagen drohten. Hülskens jedenfalls versucht jetzt sich eine Zukunft auch abseits des Kieses aufzubauen. Jörg Hünting ist überzeugt, dass man mit dem Firmen-Knowhow z. B. auch bei der Landschaftsgestaltung oder beim Gewässerbau punkten kann.

 
 

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