Weltkulturerbe-Liste – Kevelaer hofft auf ein Wunder

In der Kerzenkapelle haben sich Hunderte Pilgergruppen verewigt.
In der Kerzenkapelle haben sich Hunderte Pilgergruppen verewigt.
Foto: Kai Kitschenberg
Im Jahr pilgern 800.000 Menschen zur „Trösterin der Betrübten“. Jetzt will die Stadt, dass die Marienwallfahrt auf die nationale Weltkulturerbe-Liste kommt

Kevelaer. „Da ist es“, sagt der Bürgermeister und zeigt auf das Bildchen, das fast erdrückt wird von dem prächtigen goldenen Rahmen, in das es eingefasst ist. Es ist nicht größer als eine Spielkarte, verblasst im Laufe der Jahrhunderte, schlicht und unscheinbar, aber der Grund, weswegen Jahr für Jahr Hunderttausende Menschen nach Kevelaer pilgern. Jetzt hoffen sie dort, dass die Marienwallfahrt zum Weltkulturerbe wird.

Kevelaer, knapp 30 000 Einwohner, hat in seiner Geschichte oft Glück haben; manches, was der Stadt geschah, mutet wie ein Wunder an. Etwa, als in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ein Kaufmann namens Hendrik Busmann in der Kevelaerer Heide eine Stimme hörte. Er solle eine Kapelle bauen. Ein Jahr später, es war 1642, hatte seine Frau Mechel eine Vision inklusive hellem, weißen Licht, mitten drin ein Andachtsbild, das ihr ein französischer Soldat zuvor angeboten hatte. Ihr Mann kaufte das Bild, baute einen Bildstock – die Geschichte der Kevelaerer Wallfahrt hatte begonnen.

1000 Gruppen pro Jahr

Das weltliche und das geistliche Zentrum Kevelaers liegen nur wenige Hundert Meter auseinander. Im Rathaus, einem schmucklosen Funktionsbau aus den sechziger Jahren, sitzt Bürgermeister Dominik Pichler, 40 Jahre jung, Zopf, Backenbart. Er ist Sozialdemokrat, was auch ein kleines Wunder ist, Kevelaer war zig Jahrzehnte tief schwarz, aber das nur am Rande.

„Ich glaube, dass es die Wallfahrt verdient hat, zum immateriellen Weltkulturerbe zu werden, die katholische Tugend hat hier die Franzosen, die Preußen und den Kulturkampf unter Bismarck überlebt“, sagt Pichler. Die Pilger sind immer nach Kevelaer gekommen, im nächsten Jahr schon seit 375 Jahren. Um die 1000 Gruppen sind es in jeder Wallfahrtssaison, manche Bruderschaften kommen seit Hunderten Jahren, manche sind neu wie die Tamilen, die Motorradfahrer oder die Karnevalisten.

Vom Rathaus aus geht es durch die gepflasterte Fußgängerzone. Sie heißt Busmann-Straße, nach dem Begründer der Wallfahrt, eingangs erinnert eine kleine Bronzestatue an ihn. Es gibt viele inhabergeführte Geschäfte, die mittags geschlossen haben, in nicht wenigen sind Devotionalien und Antiquitäten zu erwerben; Cafés, die wie Cafés aussehen und nicht wie hippe Szeneläden, Hotels die „Zum Goldenen Apfel“ oder „Zum Weissen Kreuz“ heißen. Ein Schild weist zur Hostienbäckerei. Der Stadtkern wirkt aus der Zeit gefallen. Viel alte Bausubstanz, die Kriegsbestie, die 1945 Dörfer und Städte in der Nachbarschaft zerfleischte, hat Kevelaer verschont.

Der Kapellenplatz, das geistliche Herz, die Kerzenkapelle, die einst die erste Wallfahrtskirche war. Darin die Plaketten von Pilgergruppen, ihre Kerzen, etwas verschämt versteckt in einer Ecke alte Krücken unter der Decke. Zeugnisse von Wundern? Der Bürgermeister zuckt die Schultern, er ist gläubig, aber Wunderwerk ist ihm doch suspekt. Weiter, zur Marienbasilika, neogotisch, im 19. Jahrhundert gebaut, sie ist heute die Wallfahrtskirche. Draußen das mächtige Hauptportal mit einem Hochrelief, das der Düsseldorfer Künstler Bert Gerresheim gestaltet hat, drinnen überwältigende Farbenpracht und die größte deutsch-romantische Orgel der Welt.

„Glauben ungezwungen ausleben“

Auf der Mitte des Platzes die Gnadenkapelle, klein, bescheiden von außen, goldglänzend im Inneren. Das kleine Bildchen, Massenware vielleicht im 17. Jahrhundert, darauf eine Madonna, im linken Arm das Jesuskind, in der rechten Hand ein Zepter: die „Consolatrix afflictorum“, die Trösterin der Betrübten. „Hier in Kevelaer können Pilger ihren Glauben frei und ungezwungen ausleben, hier erfahren sie Trost“, sagt Pastor Rolf Lohmann. Er ist der Wallfahrtsrektor in Kevelaer. Sollte die Wallfahrt in die Liste der immateriellen Weltkulturerbe aufgenommen werden, würde „das unseren Auftrag stärken, die Wallfahrt gut in die Zukunft zu führen“, betont er. Und im Glauben gehe es ja auch um immaterielle Werte, um Werte „die man nicht kaufen kann“. Passt also.

Bürgermeister Pichler sieht es etwas pragmatischer. „Das wäre auch gut für unser Marketing“, sagt er. Niemand weiß, wie schnell der Antrag bearbeitet wird, den sie gestellt haben. Falls eine Entscheidung schon im nächsten Jahr fallen sollte, im Jubiläumsjahr, wäre das allerdings – ein Wunder.

 
 

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