Düsseldorf

JVA Düsseldorf: Islamwissenschaftler warnt – „Dann sind das schon Anzeichen...“

Der Islamwissenschaftler Mustafa Doymus arbeitet beim Zentrum für Interkulturelle Kompetenz in Essen.
Der Islamwissenschaftler Mustafa Doymus arbeitet beim Zentrum für Interkulturelle Kompetenz in Essen.
Foto: dpa

Düsseldorf. Wie können sich Gefängnisse vor Islamisten schützen? NRW war das erste Bundesland, das die Präventionsarbeit im Knast eingeführt hat: 45 Islamwissenschaftler wurden seit 2016 für die 36 Haftanstalten eingestellt, um sich um die muslimischen Insassen zu kümmern und eine Brücke zu den Justizbeamten zu bauen.

Mit Erfolg: Wie Islamwissenschaftler Mustafa Doymus jetzt bei einer Podiumsdiskussion in der JVA Düsseldorf mitteilt, haben sich seitdem keine Hinweise auf neue Radikalisierungen in den Haftanstalten ergeben.

JVA Düsseldorf: Islamwissenschaftler erklärt Anzeichen für Radikalisierung

Doch woran kann man denn erkennen, dass sich ein Gefangener radikalisiert? „Wenn er sich zurückzieht, abschottet, dann sind das schon Anzeichen“, erklärt Doymus im Gespräch mit DER WESTEN.

Er habe aber schon mitbekommen, dass ein Gefangener in seiner Zelle das Bett mied und nur auf dem Böden schlief. Da seien die Alarmglocken gegangen. Der Betroffene wollte sich somit auf den Dschihad vorbereiten und sich wappnen für die Krisengebiete.

Doch jene Gefangene haben eben vorher schon Bezug zur Szene des IS gehabt, entwickeln diese Ideen nicht erst hinter Gittern. Das ist die Erfahrung, die der Experte gemacht hat.

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Doch was sind Symptome? Wann muss er aufhorchen? „Wenn jemand mit anderen Muslimen nichts mehr zu tun haben und diese zu Nichtmuslimen erklärt, ist dies ein Merkmal einer Radikaliserung. Auch wenn er den Fernseher aus seinem Zimmer loswerden will, muss man hellhörig werden. Islamisten denken, dass der Teufel aus dem Fernseher zu ihnen spricht“, weiß der Experte. „Das ist der Satan.“

Islamisten verteufeln den Fernseher in der JVA

Oder wenn der Respekt vor den Justizbeamten, vor allem den Frauen, verloren geht und ignoriert wird. „Wenn Gefangene sagen 'In meiner Ideologie hat die Frau sich unterzuordnen'“, das gehe nicht. Das Wichtigste dabei: klarmachen, dass „unsere Werte nicht verhandelbar sind“, so Doymus. Auch wenn die Rolle der Frau in ihren Herkunftsländern eine andere ist.

Finden sich salafistische Schriften unter den Büchern?

Auch wird die Bücherliste, um die der Gefangene bittet, genaustens überprüft. Hier hilft es bei der Recherche auch, dass die Islamwissenschaftler Arabisch, Türkisch oder auch Kurdisch sprechen. Ist dort Literatur dabei, die dem gewaltbereiten Salafismus zugeordnet wird? Dann sofort raus damit.

Jedoch müssen mehrere Merkmale vorliegen, um von einer wirklichen Radikalisierungsgefahr zu sprechen, betont der Experte.

Warum werden Menschen denn empfänglich für Extremismus? Laut Doymus suchen sie immer nach einem Sinn, befinden sich in einer Krise. „Wenn die Biographie Knicke hat, die Eltern sich getrennt haben, es keine Orientierung mehr gibt, können das Auslöser sein“, führt er aus. Hier setzen die Gespräche dann an.

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Die Justizvollzugsbeamte werden auch in Religionsfragen sensibilisiert. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an: Zum Beispiel wussten die Beamten nicht, wie sie mit dem Gebet der etwa 209 muslimischen von insgesamt 800 Gefangenen in der JVA in Düsseldorf umgehen sollten, erzählt Integrationsbeauftragter Fouad Laamari.

„Weil es in die Mittagszeit zwischen 11.30 und 12 Uhr fiel, wurde zeitgleich das Essen serviert“, sagt er. Stört man jetzt dabei, lässt man die Gläubigen beten? Die Integrationsbeauftragten helfen bei der Entscheidung.

In Kontakt mit den Islamisten ist Laamari schnell der Feind - Moslem und in Uniform. Diese Kombi passe nicht in ihr Weltbild. Seinen Anweisungen kommen sie nicht immer nach, manche provozieren auch. „Sie wollen nichts machen, was der Staat macht. Es ist oft eine Trotzphase“, erklärt Laamari.

Auch Beate Peters, Leiterin der JVA Düsseldorf, berichtet von widerständigem Verhalten. Mitarbeiter seien auch schon beleidigt und provoziert worden. „Es gibt dann aber auch Inhaftierte, die sich unauffällig verhalten und nett und freundlich sind.“

Der Bund fördert die Deradikalisierungs- und Präventionsmaßnahmen mit 100 Millionen Euro. In NRW gibt es beispielsweise das Projekt „Wegweiser“ oder das Aussteigerprogramm Islamismus“.

 
 

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