Jura-Studenten bekämpfen sich an der Uni

Es ist kein Einzelfall der Heinrich-Heine-Universität. Auch an anderen Universitäten, die Jura als Studiengang anbieten, kommt es gerade in der Zeit der Hausarbeiten immer wieder zu Beschwerden in den Bibliotheken.
Es ist kein Einzelfall der Heinrich-Heine-Universität. Auch an anderen Universitäten, die Jura als Studiengang anbieten, kommt es gerade in der Zeit der Hausarbeiten immer wieder zu Beschwerden in den Bibliotheken.
Foto: dpa
Der Druck an den Universitäten wächst. Vor allem Jura-Studenten sollen im Konkurrenzkampf Fachbücher verstecken, um Kommilitonen die Vorbereitung aufs Examen zu erschweren.

Essen. Eigentlich ist Yvonne (25) gerne zur Uni gegangen. Sie liebte es, die dicken Bücher zu wälzen, in Vorlesungen den Professoren zuzuhören und mit ihren Kommilitonen zu plaudern. Bis die erste Hausarbeit anstand. Plötzlich waren ­Bücher in der Bibliothek nicht zu bekommen, Seiten aus wichtigen Werken herausgerissen, ihre Kommilitonen grenzten sich voneinander ab, der Druck untereinander wuchs. Yvonne hat Jura studiert an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Ein Studienfach, von dem Psychologen sagen, dass der Konkurrenzdruck enorm ist – und das sogar noch lange Zeit nach dem Erreichen des Abschlusses.

Klassiker des Jura-Studiums werden in der Bibliothek versteckt

Es ist kein Einzelfall der Heinrich-Heine-Universität. Auch an anderen Universitäten, die Jura als ­Stu­diengang anbieten, kommt es ­ge­rade in der Zeit der Hausarbeiten immer wieder zu Beschwerden in den Bibliotheken. An der Ruhr- ­Universität Bochum wurden vor ­allem die Klassiker des Jura-Studiums oft versteckt. Die Uni Köln hat mit herausgerissenen Seiten aus Büchern und Zeitschriften zu kämpfen und an der Uni in Düsseldorf ist das Problem sowieso schon lange bekannt.

Dass sich Studenten gegenseitig die Quellen für ihre Hausarbeiten madig machen, ist nämlich kein neues Phänomen. Carolin Grape, Sprecherin der ­juristischen Fakultät der Heinrich-Heine-Uni, hörte von Professoren, dass es schon zu deren Zeiten üblich war. Heutzutage ist der Ehrgeiz der Studenten allerdings noch mehr angestachelt, die wenigen guten, so begehrten Jobs nach dem Examen sind der Auslöser.

„Dass Bücher versteckt werden und Studenten sich gegenseitig ausstechen wollen, zeigt sich vor allem bei den Juristen. Ab und an kommt es aber auch bei den Wirtschafts­wissenschaftlern vor“, so Carolin Grape. Dies bestätigt auch Konstanze Burger. Sie ist Psychologin an der Ruhr-Universität Bochum und kennt sich aus mit den Leiden ihrer Studenten. „Die Studenten aus ­juris­tischen Fakultäten bunkern die Bücher, so gut es geht. Auch hier an der Ruhr-Uni habe ich davon schon oft gehört.“

Der Konkurrenzdruck unter ­Juristen ist ihrer Meinung nach ­höher, weil viele, natürlich, in den Staatsdienst wollen. Außerdem ­stu­dieren Juristen sehr viel länger als andere Bachelor-Studiengänge, bis sie überhaupt ein Zertifikat in der Hand halten. „Da wollen sie ­natür­lich der Beste sein. In unserer heutigen Leistungsgesellschaft ist das auch keine Überraschung“, sagt Burger.

Manchmal gehe der Druck unter den Studierenden sogar so weit, dass Freundschaften zerbrechen, so die Psychologin. In ihrer Sprechstunde habe sie auch schon junge Leute sitzen gehabt, die erst gar keine Freundschaften schließen. „Studenten – gerade in Jura – sind heutzutage viel öfter Einzelkämpfer als noch vor einigen Jahren“, meint Kon­stanze Burger. Die Karriere ­ge­he vor, und diese Einstellung spiegelt sich schon an der Uni wider.

Angestellte räumen hinter den Studierenden her

Gegen den Konkurrenzdruck können die Hochschulen nicht viel machen, im Gegenteil, oft stacheln die Professoren ihre Studenten noch da­zu an, erzählt Burger. Also bleibt den Angestellten der Bibliotheken erstmal nichts anderes übrig, als den Studierenden hinterherzuräumen. An der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf hat die Bibliotheksleitung Studenten eingestellt, die akribisch die Buchreihen durchsuchen und versteckte Exemplare wieder an Ort und Stelle bringen. 20 Wochenstunden ist jeder Sucher unterwegs.

An der Ruhr-Uni in Bochum gibt es die stets gebrauchten Buch-Klassiker der Juristen nur noch an der Infotheke im Tausch gegen den Ausweis zu sehen. Und die Uni Köln hat ihre Bestände in den letzten Jahren so aufgestockt, dass es den Studenten gar nichts mehr nutzt, die Bücher zu verstecken. So wollen sie wenigstens versuchen, die gleichen Voraussetzungen für alle Studenten zu schaffen. Und vielleicht auch ­ir­gendwann so auch den Konkurrenzdruck zu senken.

 
 

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