Judith Altmann überlebte KZ und Zwangsarbeit

Weibliche Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz, die zur Zwangsarbeit im Reichsgebiet abtransportiert werden. Judith Altmann wurde so nach Gelsenkrichen und Essen verschleppt.
Weibliche Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz, die zur Zwangsarbeit im Reichsgebiet abtransportiert werden. Judith Altmann wurde so nach Gelsenkrichen und Essen verschleppt.
Foto: picture alliance / dpa dpa
Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer der Naziherrschaft. Die heute 89-jährige Judith Altmann überlebte das KZ Auschwitz und die Arbeitslager in Essen und Gelsenkirchen. Ihre Eltern und die meisten Verwandten wurden in Auschwitz ermordet. In der NRZ erzählt sie von ihrem Überlebenskampf.

Essen.. Judith hat Auschwitz überlebt. Und Essen. Und Gelsenkirchen. Und Bergen-Belsen. Und wer das überlebt, sagt sie, der lebt für immer. Jetzt ist sie 89 Jahre alt, hellwach und die beste Zeugin der Geschehnisse, die als das schwärzeste Kapitel der Menschheit gelten und an die heute erinnert wird, am 27. Januar, Tag des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus.

Als die NRZ Judith Altmann vor einigen Tagen in den USA am Telefon erreicht, wechselt sie sofort ins Deutsche und fragt, woher wir denn anrufen. Aus Essen. „Ach ja, da war ich auch“ sagt sie und erzählt gleich eine Geschichte, die sie auch bei ihren Vorträgen vor Schülern anbringt, weil das Erlebnis so deutlich zeigt, dass Zufall und Glück für ihr Überleben eine so große Rolle spielten.

Sie waren 520 jüdische Mädchen und junge Frauen, die erst in Gelsenkirchen bei der Gelsenberg Benzin AG als Zwangsarbeiterinnen eingesetzt waren, dann am 24. August 1944 in das KZ-Außenlager Essen verlegt wurden. Das Lager an der Humboldtstraße lag wenige hundert Meter südlich des Platzes, an dem heute das Rhein-Ruhr-Zentrum liegt, das Einkaufszentrum.

„Jeden Tag gingen wir zu den Krupp-Werken zum Arbeiten. Ich musste große Eisenstücke in einen Ofen stecken, bis sie glühten und dann wieder herausholen. Dann ist mir ein Stück Eisen auf die linke Hand gefallen, das Gelenk war gebrochen.“ Sie weiß genau, das ist ihr Todesurteil. „Am nächsten Tag sollte ein Zug nach Auschwitz fahren, alle Mädchen, die nicht mehr arbeiten oder ihre Schwangerschaft nicht mehr verstecken konnten, sollten mit. Ich auch. Ich habe mich von allen verabschiedet.“

Doch in der Nacht rüttelt jemand an ihrer Schulter. „Erika, Frau Aufseherin, wie wir sagten. Sie brachte mich zu einem Krankenhaus, mein Arm wurde geschient. Am nächsten Tag überredete Erika den zuständigen Mann, Herrn Müller, mich nicht nach Auschwitz zu schicken, da sie mich als Übersetzerin bräuchte. Ich sprach ja deutsch und mehrere andere Sprachen.“ Der Mann stimmt zu, Judith lebt weiter.

Ein Schläger und Sadist

Warum hat Erika geholfen? „Sie war ein guter Mensch. Sie hat mir auch heimlich etwas Brot gegeben. Ich weiß ihren Nachnamen nicht. Ich hätte mich gerne bei ihr später bedankt. Wirklich schlimm aber war der Leiter des Lagers, SS-Mann Albert Rieck. Der hat uns mit dem Gummiknüppel immer auf den Mund geschlagen. Jeden Tag liefen Mädchen mit blutigen Gesichtern herum. Ein Sadist.“

Judith weiß damals sehr genau, was Auschwitz bedeutet. Sie war schon dort. „Wenn mich die Kinder bei den Vorträgen nach dem schlimmsten Tag fragen, sage ich. ‘Der Tag als wir in Auschwitz ankamen. Der 21. Mai 1944’.“ An der Rampe müssen sie sich aufstellen, Frauen und Männer getrennt. Die Selektion. Judith und ihre Nichte Ida werden in „Block 14“ geschickt, der Rest der Familie muss sich in einer anderen Reihe anstellen. „Als ich bei meinem Vater vorbeikam, strich er mir über den Kopf und sagte ‘Judith, du wirst leben’. Daran habe ich geglaubt, habe mich an den Satz geklammert, er war mein Strohhalm.“

Die Mutter bricht zusammen, Judith will zu ihr, ein Mann packt sie und schleudert sie wieder in die Reihe für „Block 14“. „Der Mann war Josef Mengele, der Arzt.“ Es ist zynisch, aber Mengele rettet sie so vor der Gaskammer. „In der Baracke angekommen, fragte ich eine Aufseherin, woher dieser furchtbare Geruch komme, und sie sagt zu mir: ‘Das sind deine Eltern, die brennen’. Ich habe aber an diesem Tag nicht nur sie verloren.“ Auch Berta, die Schwester, und 19 weitere Angehörige werden ermordet.

Judith wird mit 2000 anderen Frauen ins Ruhrgebiet verschleppt. Überlebt auch den „Todesmarsch“, als das Essener Lager am 17. März 45 aufgelöst wird, Buchenwald, schließlich Bergen-Belsen. Die Mädchen sind nur noch Haut und Knochen, „doch die Männer dort waren noch schlimmer dran“. Hunderte verhungern, Judith trägt Tag für Tag dutzende Leichen zu den Massengräbern. „Wir waren wie Zombies.“ Eines Morgens, ist die SS weg. „Wir versuchten sofort, deren Proviant zu erreichen. Aber dann haben deutsche Zivilisten auf uns geschossen.“ Verzweifelung.

„Es ist wieder passiert“

Mit letzter Kraft erlebt sie den 15. April, das Lager wird befreit. „Die Engländer waren ganz wunderbar. Sie haben uns Konserven gegeben und wir hätten die Büchsen am liebsten gleich mitgegessen.“ Die Ausgehungerten begehen einen tragischen Fehler. „Die ausgemergelten Körper vertrugen die Nahrung gar nicht. Wieder Tote.“ Judith kann noch laufen, sie geht mit einem englischen Offizier an den Sterbenden vorbei und übersetzt wieder. „Wie heißt du, wo kommst du her?“ Die Briten beginnen sofort damit, den zu Nummern degradierten Menschen wieder Namen zu geben. Auch im Tod.

„Wir haben damals alle nur einen Gedanken gehabt: Nie wieder darf so etwas geschehen. Aber es ist wieder geschehen. In Ruanda, auf dem Balkan, an vielen Orten.“ Sie macht eine kurze Pause. Sagt dann „Aber ich bin Optimistin. Ich werde weiter machen. Ich werde den jungen Leuten weiterhin sagen, dass Hass nur sie selbst zerstört. Ich hasse nicht. Wir alle sollten unser Leben doch besser dazu nutzen, Mitmenschen Gutes zu tun.“

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