Düsseldorf

Nach Angriffen auf Juden – NRW-Innenminister Herbert Reul: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“

NRW-Innenminister Reul ist wegen des zunehmenden Antisemitismus besorgt.
NRW-Innenminister Reul ist wegen des zunehmenden Antisemitismus besorgt.
Foto: dpa /Montage: DERWESTEN

Düsseldorf. Antisemitismus, das war lange ein Wort aus Geschichtsbüchern.

Dass sich Fälle häufen, bei denen Menschen in Deutschland wegen ihrer jüdischen Religion oder Herkunft angegriffen werden, wäre vor einigen Jahren undenkbar gewesen.

Angriff auf Juden: Fälle häufen sich

Doch in einigen gesellschaftlichen Gruppen ist er wieder da, der Judenhass. Nicht nur brodelnd unter der Oberfläche, nicht nur hinter vorgehaltener Hand herausgezischt. Sondern immer öfter auch handfest und offen.

2017 wurden insgesamt 681 antisemitische Delikte in Deutschland erfasst. Darunter auch Gewaltdelikte.

Erst vor einigen Tagen war ein junger Mann in Düsseldorf angerempelt und beleidigt worden – weil er eine Kippa trug. Zuvor war ein jüdischer Professor von einem Mann mit palästinensischen Wurzeln angegriffen worden.

NRW-Innenminister Herbert Reul: "Das ist für mich unerträglich"

Die Landesregierung sieht die Entwicklung mit Sorge: „Es ist für mich unerträglich, dass gut 70 Jahre nach dem Ende des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte in Deutschland wieder Hatz auf Juden gemacht wird. Das dürfen und das werden wir nicht zulassen“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul gegenüber DER WESTEN.

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Antisemitismus in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitet

Antisemitismus gebe es im Rechtsextremismus, ebenso wie im Linksextremismus und im Islamismus, so Reul weiter. „In Teilen der Bevölkerung ist er leider auch unterschwellig vorhanden. Antisemiten zeigen ihrer Ablehnung von Juden und des Judentums offen, sobald sie dazu Motiv und Gelegenheit sehen.“ Auslöser sei häufig eine aktuelle Entwicklung im Nahostkonflikt oder aber das unmittelbare Zusammentreffen mit Juden im öffentlichen Raum.

Der Minister sieht die Lage ernst: „Angriffe wie der in Bonn stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. Den alltäglichen Antisemitismus bildet selbst die Statistik nicht ab.“

Zahl antisemitischer Reden im Netz verdreifacht

Dass antisemitische Hetze auch außerhalb extremisitscher Gruppen verbreitet werden kann, liege nicht zuletzt an den Sozialen Medien: „Das Netz wird dazu genutzt, antisemitische Propaganda außerhalb des organisierten Extremismus zu verbreiten“, so Reul.

Das deckt sich mit einer Studie der Technischen Universität (TU) Berlin. Demnach sind antisemitische Hassreden in sozialen Medien oder Online-Kommentaren so weit verbreitet wie nie zuvor.

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Antisemitismus nimmt auch im Netz zu

Schlagwörter wie „Weltverschwörung der Zionistenclans“ oder gar „Kindermörder“ tauchen dabei immer wieder auf. In den letzten Jahren hat sich laut der Untersuchung die Zahl antisemitischer Reden im Netz verdreifacht.

Hier setzt auch die Strategie an, die das Innenministerium zur Lösung des Problems verfolgt. „Die Polizei geht verstärkt gegen antisemitische Hetze im Internet vor. Und die Aussteigerprogramme des Innenministeriums tragen dazu bei, die extremistischen Szenen zu schwächen und Menschen zu unterstützen, ein straffreies Leben jenseits des Extremismus zu führen“, so Herbert Reul.