Jagd soll das Graugans-Problem am Niederrhein lösen

Graugänse auf einer Wiese: Ihre arktischen Verwandten werden ausdrücklich nicht bejagt.
Graugänse auf einer Wiese: Ihre arktischen Verwandten werden ausdrücklich nicht bejagt.
Foto: dpa
Sommergänse richten große Schäden bei Bauern am Niederrhein an. Weil das Land dafür nicht aufkommt, sollen die Vögel intensiv bejagt und das Fleisch verkauft werden. Es besteht jedoch die Gefahr, dass es zu Verwechselungen mit den geschützten arktischen Gänsen kommen könnte.

Kreis Wesel.. Futter satt: Der Niederrhein ist das Paradies, nicht nur für die arktischen Wildgänse, die dort den Winter über Station machen. Nil-, Kanada- und Graugans gefällt es gar so gut, dass sie das komplette Jahr dort verbringen. Sie sind längst heimisch geworden.

Weil sie sich stark vermehren, das Grünland vollkoten und Felder leer fressen, wird es nun ungemütlich für die drei Gänsearten. Auf Betreiben der Landwirte sollen die Vögel intensiv bejagt werden. „Wir wollen so viele wie möglich erlegen“, sagt Alfred Nimphius von der Kreisjägerschaft.

"Problem nur durch Bejagung zu lösen"

„Projekt zur effektiven Bejagung und Hege der Sommergänse“: Zu dieser Initiative haben sich Bauern, Jäger, Biologische Station im Kreis und die Forschungsstelle für Jagdkunde NRW zusammengefunden. Wenn man bei Landwirten und Jägern nachfragt, scheint die Stoßrichtung klar. Die Fraßschäden seien so groß, „das Problem ist eigentlich nur durch Bejagung zu lösen“, meint Kreislandwirt Wilhelm Neu. Der Hunger scheint groß. Laut einer Faustformel weiden etwa 50 Tiere einen Hektar Fläche ab.

Ertragseinbußen von bis zu 1800 Euro/Hektar Grünland beklagen die Bauern und bis zu 2500 Euro beim Getreide. Bei den geschützten arktischen Wildgänsen kommt das Land für solche Schäden auf. Was aber Grau-, Nil- und Kanadagans anrichten, zahlt niemand. Es gehe aber nicht nur um die Bauern, betont Kreislandwirt Neu, die Hinterlassenschaften der Gänse seien auch eine Gefahr für die Hygiene auf öffentlichen Flächen. Das zeige der zugekotete Elfrather Badesee in Krefeld, der beim ADAC-Test krachend durchgefallen war.

"Gänsetelefon" gibt Jägern und Bauern Tipps

Den 240 Revierinhabern im Kreisgebiet sollen mit dem Projekt nun neue Jagdmöglichkeiten eröffnet werden – so verleiht die Kreisjägerschaft spezielle Liegen, die die Bejagung dieser drei Arten auf dem offenen Feld ermöglichen, wie Fachmann Nimphius erläutert. Für Jäger und Bauern wurde zudem ein „Gänsetelefon eingerichtet. Dort wird bei der Erfassung der Fraßschäden geholfen, und es gibt Tipps zur Bejagung, aber auch zur Vergrämung: „Ein befestigter, im Wind flatternder Müllsack zeigt mitunter schon Wirkung“.

Wie viele Tiere gibt es, wo sind sie unterwegs, wo sind ihre Mauserplätze? Im Zuge des Projektes werden Daten gesammelt, „Gänsemonitoring“ nennt sich das. Bisher wird der Bestand der drei Arten am Niederrhein auf 16.000 geschätzt, davon 10.000 im Kreis Wesel. Aber das sind grobe Schätzungen.

Kreislandwirt Neu hofft, dass die dann gesammelten Daten bei der Politik ein Einsehen bewirken; seiner Ansicht nach müssen die Jagdzeiten für die Gänse erweitert werden. Nur: Sind sich die Partner bei dem Projekt wirklich einig?

Der örtliche Naturschutzbund sieht die Jagd kritisch

Bei der Biologischen Station scheint die Stoßrichtung eher offen. Leiter Johan Mooji legt großen Wert auf die Erkenntnisse des Monitorings. Er betont, dass die Jagd unter Auflagen geschieht und - wie Alfred Nimphius - erwähnt auch er, dass es Schutzgebiete gibt, wo die Gänse nicht geschossen werden dürfen. Anders als der Vorsitzende der Kreisjägerschaft sieht Mooji aber sehr wohl die Gefahr, dass es zu Verwechselungen mit den geschützten arktischen Gänsen kommen könnte: „Wenn eine Zwerggans geschossen wird, kostet das den Jagdschein!“ Die Jäger müssten sich sehr genau mit den Tieren vertraut machen, fordert Mooji.

Grundsätzlich, so der Biologe, sei gegen die Reduzierung der Bestände durch Jagd nichts zu sagen – zumal das Projekt ausdrücklich zum Ziel hat, das hochwertige Wildbret über Metzgereien zu vermarkten. „Das ist gutes Fleisch – ohne Antibiotika“, sagt Mooji. Er hofft, dass das Projekt zu einem gegenseitigen Vertrauen bei Bauern, Landwirten und Naturschützern beiträgt.

Beim örtlichen Nabu ist man aber skeptisch. Man sehe die Jagd kritisch, sagt Sprecher Frank Boßerhoff.

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