IS-Rückkehrer: „Alle haben Blut an ihren Händen“, sagt ein Experte – wie gefährlich sind Islamisten für uns?

Wohin mit den Frauen, Kindern und Kämpfern vom IS? Diese Frage beschäftigt die Politik.
Wohin mit den Frauen, Kindern und Kämpfern vom IS? Diese Frage beschäftigt die Politik.
Foto: picture alliance/Andrea Rosa/AP/dpa

„Alle, die im IS waren, haben Blut an ihren Händen“, sagt Mahmut Erdem.

Dennoch setzt sich der Hamburger Anwalt dafür ein, dass deutsche Staatsangehörige aus Syrien zurück nach Deutschland kommen. Warum?

IS-Rückkehrer: Hamburger Anwalt setzt sich für Syrien-Rückkehrer ein

Als 2013 Jugendliche und junge Erwachsene vom IS fasziniert aus ganz Europa Richtung Syrien zogen, versuchte Erdem mithilfe einer Elterninitiative Jugendliche vom Ausreißen abzuhalten. „Wir hatten 20, fast 30 Familien. Das ist nicht immer gelungen“, sagt er im Gespräch mit DER WESTEN. 2018 habe er sich dem Thema durch die Rückkehrer erneut wiederangenommen. „Eltern, deren Kinder in Lagern in Syrien sitzen, haben sich an mich gewandt. Da begann meine Arbeit neu“, so Erdem.

Beispiel Carla S. aus Oberhausen

Um neun Familien, sechs Frauen mit Kindern und drei Männer, die in Syrien sitzen, kümmert er sich. In einigen Fällen konnten schon Frauen und Waisenkinder zurückgeholt werden, wie etwa Carla S. aus Oberhausen und ihre Kinder. Sie war eine der wenigen, bei denen eine Rückkehr funktionierte. Auch dank der Unterstützung türkischer Behörden. Seither sitzt die Oberhausenerin in U-Haft. Gegen sie wurde nun Anklage erhoben. >>> hier mehr dazu

Das Thema Rückehr aus dem Islamischen Staats ist ein politisch Heikles. Durch den Tod von IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi und den Militäreinsatz der Türkei in Nordsyrien ist es nicht einfacher geworden. Einigen IS-Kämpfern gelang im Zuge der Kampfhandlungen die Flucht aus den von Kurden bewachten Camps. Wie viele darunter deutsche IS-Kämpfer waren, ist unbekannt.

Bei 120 deutschen IS-Kämpfern und Unterstützern sei laut einem Bericht des „Tagesspiegel“ für deutsche Sicherheitsbehörden der Aufenthaltsort nicht bekannt.

Experte: Minderheit hat noch immer extreme Vorstellungen

„Das Auswärtige Amt und das Innenministerium haben Bedenken hinsichtlich der Gefährlichkeit bei einer Rückkehr. Sie argumentieren, dass man diese Gefahr der Gesellschaft nicht antun kann“, so Erdem.

Seine Erfahrung in der Arbeit mit Rückkehrern: Es gebe Männer und Frauen, die sich vom IS abgewandt hätten. Aber längst nicht alle: „Ich habe viele Briefe und Nachrichten gelesen. Es gibt noch eine Minderheit der IS-Rückkehrer, die extreme und minderwärtige Vorstellungen haben.“ Auch Frauen hätten mitbekommen, wie getötet, geköpft wurde, wie Menschen und Kinder als Sklaven gehalten worden sind, berichtet Erdem. „Da kann niemand sagen, er oder sie war Mitläufer. Die Leute müssen verurteilt werden, aber erstmal muss man sie herholen.“

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„Der Staat hat die Verpflichtung ihnen die Hand zu reichen - auch wenn sie blutig ist“

Der Anwalt pocht daher darauf: „Das sind deutsche Staatsbürger. Und der Staat hat die Verpflichtung ihnen die Hand zu reichen - auch wenn sie blutig ist.“

Daher fordert er, dass Rückkehrer nach Deutschland zurückgeholt werden und hier verhaftet, verurteilt und anschließend in religiöser und sozialer Hinsicht resozialisiert werden.

Innenminister warnen

Unterstützung erhält er etwa durch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD): „Es muss verhindert werden, dass diese Personen unerkannt nach Europa einreisen können“, sagte er. In NRW wolle man besonders auf radikalisierte Frauen und Kinder achten, erklärte Innenminister Herbert Reul (CDU).

Ein Netzwerk aus Verfassungsschutz, Jugendämtern und Schulen solle dabei helfen. „Auf Dauer müssen wir alles daransetzen, diese Leute wieder zu entradikalisieren, damit sie keine Gefahr mehr für die Gesellschaft darstellen“, sagte Reul. „Wichtigstes und erstes Ziel ist es, zu verhindern, dass diese oft kampferprobten Menschen hier wieder Straftaten begehen.“

Drei Rückkehrer-Wellen

Wie Resozialisierung funktionieren kann, zeigt die Beratungsstelle „Violence Prevention Network“ (VPN). Seit 2015 betreut die Nicht-Regierungsorganisation IS-Rückkehrer, über 30 sind es aktuell.

„Wir beobachten ein schrittweises Vorgehen des Auswärtigen Amtes bei der Rückholung. Zunächst wurden die Waisenkinder zurückgeholt“, sagt deren Chef Thomas Mücke. In der zweiten Welle werden die jungen Frauen folgen, zuletzt die männlichen Kämpfer, die bis zum Schluss für den Islamischen Staat kämpften.

Gerade bei letzter Gruppe warte eine große Herausforderung, weiß Mücke. „Wir sind nicht naiv. Wir wissen, dass die letzte Gruppe sehr schwierig wird“, sagt er. Bislang gebe es keine Erfahrungen, inwieweit die IS-Kämpfer für eine Resozialisierung überhaupt erreichbar sind.

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Etwa 100 Kämpfer und 260 Kinder und Frauen warten laut Mücke auf die Rückkehr aus Syrien. 1050 Personen waren einst aus Deutschland gen IS gezogen, so die Zahlen des VPN.

Beratungsinitiative mit guten Erfahrungen

Ein Drittel von ihnen sei bereits wieder zurück. Die Erfahrungen aus der Resozialisierungsarbeit sind bislang positiv. „Die Arbeit mit ihnen läuft gut. Einige sind schon aus der Haft entlassen worden, es gab bislang keine Wiederinhaftierungen“, berichtet Mücke.

 
 

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