Unna

Tochter (17) von Hartz-IV-Empfängerin sorgt für aufgeheizte Diskussionen im Netz: „Was ist mit den Menschen nur los hier?!“

Sarah Heinrichs (17) klagt die Hartz-IV-Regelung an. Darauf reagierten viele „DER WESTEN“-Leser.
Sarah Heinrichs (17) klagt die Hartz-IV-Regelung an. Darauf reagierten viele „DER WESTEN“-Leser.
Foto: Privat/ Fotomontage: DER WESTEN
  • Sarahs (17) Mutter bezieht Hartz IV, dadurch ist sie unmittelbar betroffen
  • Verdient die Schülerin im Monat 200 Euro, darf sie nur 120 Euro behalten
  • Bei Facebook sorgte ihr Aufruf für eine kontroverse Diskussion

Unna. Es ist ein Thema, das nur selten Gehör findet. Kinder von Hartz-IV-Empfängern haben wenig Möglichkeiten, Geld zu sparen. So geht es auch der 17-jährigen Sarah Heinrichs aus der Nähe von Unna.

Dass sie zusammen mit ihrer Mutter nach Sozialgesetzbuchs (SGB II) als Bedarfsgemeinschaft gezählt wird, hält die Schülerin für eine schreiende Ungerechtigkeit. Somit kann sie kein Geld zurücklegen für ihr künftiges Studium, ein Handy oder gar die Abifahrt im nächsten Jahr, sagt sie.

Das Thema sorgte für heftige kontroversen bei den Lesern von DER WESTEN.

Nutzer erbost, weil sie Sarah fehlende „Einstellung“ vorwerfen

Der Kommentar, der bei Facebook am meisten Likes erhielt, stammt von Birgit B. Sie schreibt: „Ich finde die Einstellung das allerletzte. Erstens kann die Mama arbeiten gehen und zweitens kann das Fräulein auch für 120 € arbeiten, denn das ist viel Geld, wenn man nichts hat und außerdem bekommen Schüler die kein Geld haben auch Klassenfahrten gesponsort.“

Damit hat Birgit B. nur zum Teil recht. Sie weiß nicht, warum Sarahs Mutter Arbeitslosengeld II bezieht. Darüber hinaus unterstellt sie der Schülerin, dass sie nicht arbeitet. Wissen tut sie es jedoch nicht. Die „Einstellung“, die sie hier beschreibt, ist bei Sarah: Arbeiten wollen, Abitur machen, ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren und studieren.

In einem Punkt hat sie recht: Nach einem Urteil des nordrhein-westfälischen Sozialgerichts in Dortmund aus dem Jahr 2006 ist die Arbeitsagentur verpflichtet, Abifahrten zu übernehmen. Sie muss sich entscheiden, ob sie in den Ferien arbeiten oder reisen möchte. Doch sie muss arbeiten, damit sie reisen kann. Daher geht nur eins: Entweder Ferienjob oder Reise.

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„Mancher zahlt mehr Steuern“ – warum dieser Vergleich hinkt

Ein weiterer Kommentar findet ebenfalls große Resonanz. Ulf W. schreibt auf der Facebook-Seite von DER WESTEN: „Ich gebe von meinem Einkommen auch einen guten Teil ab. Dass sie 80% abgeben muss, stimmt übrigens nicht. Bei 200€ Einkommen, 100€ Selbstbehalt und 80€ anzurechnendem Einkommen, komme ich auf 40%. Da zahlt mancher mehr Steuern.“

Die Rechnung ist leider falsch. Natürlich wird bei einem Arbeitnehmer ein nicht unerheblicher Teil des Brutto-Einkommens versteuert. Im Fall von Sarah lässt er den Freibetrag von 100 Euro im Monat vollkommen außen vor. Jeder Euro, den sie mehr verdient, wird zu 80 Prozent abgezogen. Heißt: Verdient Sarah 200 Euro im Monat, bekommt sie 120 Euro. Verdient sie 300 Euro, bekommt sie 140 Euro. Würde sie in einem Minijob arbeiten, bei dem sie 450 Euro bekommt, kämen nur 165 Euro auf ihrem Konto an. 285 Euro werden also mit dem Hartz-IV-Satz ihrer Mutter verrechnet. Hier setzt Sarahs Kritik an: Was kann sie dafür, dass ihre Mutter ALG II bezieht?

Viele Nutzer verstehen Sarah und ihr Problem

„Was ist mit den Menschen los hier?!“, fragt hingegen Marcel R. Er nimmt die 17-jährige Schülerin in Schutz: „Wie kann man es richtig finden, dass Kinder für ihre Eltern Unterhalt zahlen müssen und diese sich deshalb nicht mal was für die spätere eigene Wohnung beiseite legen können?“ Er entkräftet das Argument vieler Kommentatoren, dass jeder Arbeitnehmer Steuern zahlt: „Sie macht keinen Vollzeitjob, denn sie ist Schülerin.“

Er fordert mehr Empathie ein: „Stellt euch doch mal vor, eure eigenen Kinder gehen neben der Schule Zeitung austragen o.ä. und sie bekommen nur ein Bruchteil des Gehalts, weil sie euch finanzieren müssten, findet ihr das i.O.?!“ Marcel erkennt, dass Sarah keineswegs faul ist, sondern durchaus engagiert: „Sie geht zur Schule, will studieren und geht noch zusätzlich arbeiten, und anstatt, dass man sie für ihren Fleiß belohnt, finden es alle richtig, dass sie noch zusätzlich für die Mutter aufkommen soll, echt unfassbar.“

Durch ihre Tweets hat Sarah für viel Aufregung gesorgt. Doch was sie geschafft hat: Mehr Menschen setzen sich mit einem Thema auseinander, dass zuvor viele nicht auf dem Schirm hatten. Genau das wollte sie erreichen.

 
 

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