Hamm

NRW: Mobbing-Opfer (14) verprügelt und mit Messer bedroht – jetzt dreht Schülerin den Spieß um

Die 14-jährige Leonie wurde gemobbt an ihrer Schule. In einem Video hat sie das Thema öffentlich gemacht. (Symbolbild)
Die 14-jährige Leonie wurde gemobbt an ihrer Schule. In einem Video hat sie das Thema öffentlich gemacht. (Symbolbild)
Foto: dpa

Hamm. Dieser Tage startete in NRW wieder die Schule. Auch an der Friedensschule in Hamm.

Für Leonie (14) war es ein Beginn mit Magengrummeln. Denn vor den Schulferien machte sie ein Video öffentlich, in dem die 14-Jährige davon berichtet, dass sie brutal von Klassenkameraden gemobbt wurde.

Hamm: Schülerin macht Mobbing-Fall öffentlich

„Ich werde schon seit der fünften Klasse fertig gemacht, wurde von Achtklässlern verprügelt. Mir wurde Mehl ins Gesicht geworfen, ich wurde vor der Mensa abgefangen und dort verprügelt. Die Lehrer haben das gesehen, aber weggeguckt.“ Irgendwann wurde es den Tätern dann erstmal zu langweilig, berichtet die Schülerin aus Hamm in einem von Anti-Mobbing-Aktivist Carsten Stahl veröffentlichten Video.

Nachdem sie ihre Haare kürzer geschnitten und blond gefärbt habe, sei sie als Krebskranke bezeichnet worden, erzählt die Achtklässlerin. „Mein Lehrer hat gesagt, ich brauche mich nicht wundern, dass ich als Krebskranke bezeichnet werde, weil ich wirklich so aussehe, als hätte ich Krebs“, schildert sie emotional. Beleidigungen von Mitschülern als „fettes Walross“, „fettes Rindvieh“, „hässlich“ oder „Hurentochter“ seien in der Folge an der Tagesordnung gewesen, sagt sie weiter.

Messer-Angriff bringt Fass zum Überlaufen

„Aber die Sache mit dem Messer hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, erzählt ihre Mutter im Gespräch mit DER WESTEN.

Kurz vor den Sommerferien soll Leonie einen Jungen mit Wasser nass gemacht haben. Der habe daraufhin ein Messer gezückt und ihr gedroht. Von einem anderen Mädchen sei sie verprügelt worden. Leonie und ihre Mutter erstatteten Anzeige.

Eindringlich bittet Leonie in ihrem Video: „Es ist nicht nur an meiner Schule so, dass gemobbt wird. Ich möchte, dass es aufhört. Ich möchte ein Zeichen setzen. Ich möchte, dass Mobbing in ganz Deutschland aufhört. Es bringen sich Kinder in ganz Deutschland wegen Mobbing um, und ich möchte, dass es aufhört.“

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Der Fall schlug in Hamm hohe Wellen. Die Friedensschule hat inzwischen reagiert, hat einen Brief an die Eltern herausgegeben und in den Sommerferien viele Gespräche geführt, um die Wogen zu glätten. „Unser Ziel war, schnellstmöglich wieder ein Klima in der Klasse zu schaffen, wo gelernt werden kann“, so Schulleiter Leon Moka.

Schulleiter Moka: „Müssen Fragen in alle Richtungen stellen“

Zu Anschuldigungen gegenüber Lehrern, die bei Mobbing weggeschaut hätten, entgegnet der Hammer Schulleiter: „Sie tätigt im Video nur Aussagen, muss nichts belegen. Wir müssen Fragen in alle Richtungen stellen“, so Moka. „Wir gehen auf die Beteiligten zu, waren auch vor dem Video im Austausch. Durch das Video hat sich das anders weitergestaltet, aber wir haben weiter eine Verantwortung gegenüber jedem einzelnen Kind“.

Mobbingfälle seien an fast allen Schule zu finden, so Moka. An der Friedensschule würden Lehrer in der Vorbereitungswoche der Jahrgangsstufe fünf auf das Thema vorbereitet. Außerdem gebe es beispielsweise Streitschlichter und Fortbildungen zum Thema. Nach Veröffentlichung des Videos sei außerdem eine Psychologin hinzugezogen worden, so der Schulleiter.

Das Thema sorgte in Hamm auch deshalb so viele Schlagzeilen, weil er erst kurz vor Leonies Video sich in Ennigerloh ein Junge das Leben genommen hatte. Der Grund, so heißt es, soll Mobbing gewesen sein.

Carsten Stahl setzt sich für Familie ein

Carsten Stahl (46) hat das Video auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Er erzählt mit gesenkter Stimme, er sei bei sechs Beerdigungen von Mobbing-Opfern, die sich umgebracht hätten, gewesen.

Der Schauspieler, bekannt aus der RTL2-Serie „Privatdetektive im Einsatz“ wurde als Kind selbst gemobbt. „Ich wurde in eine drei Meter tiefe Baugrube geschubst, lag da unten drin und wollte nicht mehr leben. Dann haben sie von oben auf mich runtergepisst“, erzählt der 46-Jährige gegenüber DER WESTEN.

Als sein Sohn in die Grundschule kam, wurde er nach wenigen Tagen von älteren Schülern zusammengeschlagen und gemobbt. Fortan war das Thema Mobbing für Carsten Stahl Mobbing eine Herzensangelegenheit und Lebensinhalt. Stahl wird zur „Stimme gegen Mobbing“. Mit seinen emotionalen Auftritten füllt er ganze Hallen.

Stahl füllt Hallen

„Jeder Schüler ab der dritten Klasse weiß, wer ich bin“, sagt er im Gespräch mit DER WESTEN. Stahl geht dabei dahin, wo es wehtut, eckt an.

Der Hüne legt sich mit Schulleitern oder Politikern an. „Jeder Schulleiter, der sagt, es gibt kein Mobbing an meiner Schule, der lügt“, sagt er. Von Politikern fordert er in einer Petition eine bessere Ausbildung von Pädagogen und Sozialarbeitern in der Mobbingprävention. „Die Lehrer werden oft im Stich gelassen. Sie dürfen bei Mobbing auf keinen Fall wegschauen. Das wird von den Tätern als stille Duldung gesehen“, sagt der TV-Schauspieler, über den kürzlich sogar die „New York Times“ berichtete.

Mutter von Mobbing-Opfer: „Leute verschließen ihre Augen“

Mittlerweile hat er in RTL2 eine Sendung. In „Stahl: hart gegen Mobbing“ konfrontiert er Mobber mit ihrem Tun und gibt Gemobbten neue Kraft. Die Methoden sind mitunter radikal, aber sie kommen an.

Viele Schüler und Eltern vertrauen Stahl. Auch Leonie und ihre Mutter nahmen Kontakt mit ihm auf, als sie nicht mehr weiter wussten. Mittlerweile haben sie eine lokale „Stopp-Mobbing“-Gruppen auf Facebook gegründet . „Ich will nicht, dass das Thema unter den Tisch gekehrt wird“, sagt Leonies Mutter. „Denn die Leute verschließen ihre Augen davor.“

 
 

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