Grüne in NRW: Tareq Alaows floh aus Syrien und will jetzt in den Bundestag – „Wir können auch Teil der Lösung sein“

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland

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Vor sechs Jahren stand Tareq Alaows vor dem Nichts. Der heute 31-Jährige floh aus Syrien in einem Schlauchboot über das Mittelmeer weiter über den Balkan vor dem diktatorischen Assad-Regime und der Terrormiliz Islamischer Staat nach Deutschland.

Im September könnte Alaows für die Grünen in NRW nun in den Bundestag einziehen: „Ich kandidiere als erster aus Syrien geflüchtete Person für den Bundestag.“ Sein Ziel: Eine Stimme für die sein, die direkt von der Asyl- und Migrationspolitik betroffen sind und Alaows zufolge zu wenig gehört werden.

Grüne in NRW: Von der Flucht aus Syrien in den Bundestag?

„Ich habe Syrien 2015 verlassen und bin nach Europa gegangen, um ein sicheres und menschenwürdiges Leben zu führen“, beginnt Alaows. Schon zu dieser Zeit engagierte sich der 31-Jährige in Hilfsorganisationen, nimmt als Student an Demonstrationen teil. Dass seine Flucht nun möglicherweise im Bundestag mündet, hätte er wohl nicht für möglich gehalten. Doch kennt man seine Fluchtgeschichte, kann man den Drang, Dinge verändern zu wollen, gut verstehen.

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„Wir schaffen das“ - es sind eigentlich nur drei Worte. Doch seit 2015 polarisierte in Deutschland kaum etwas mehr als dieser Leitsatz von Angela Merkel. Auf der einen Seite löste die Parole der Kanzlerin eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Ein anderer Teil der Gesellschaft fühlte sich überfordert. Überfordert von mehr als einer Million Flüchtlingen, die auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/16, nach Deutschland kamen.

Zwischen Willkommenskultur und AfD-Aufstieg, zwischen Sprachbarriere und Hoffnung auf ein friedliches Leben versuchen die Geflüchteten seitdem in Deutschland Fuß zu fassen. Fünf Jahre sind nun vergangen: Zeit für ein Zwischenfazit. Wie sind die Flüchtlinge mittlerweile in Deutschland angekommen? Was sind ihre prägendsten Erfahrungen? Welche Wendepunkte haben ihr Leben bestimmt?

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Als er die Ankündigung erhält, seinen Wehrdienst antreten zu müssen, droht er in den Krieg gezogen zu werden, gegen den er ursprünglich auf die Straße ging. Er entschließt sich zur Flucht. Über die Türkei, Lesbos, Athen und Wien gelangt er nach Dortmund. Mehr als 4000 Kilometer legt er in zwei Monaten zurück, meist im Schutz der Dunkelheit. „Für mich ist es noch heute sehr schwer, an diese Zeit zurückzudenken.“

Politisiert hat ihn dann seine Unterbringung zusammen mit 60 weiteren Personen in einer Turnhalle in Bochum. „Deutschland war das erste Land, in dem ich ein Gefühl von Sicherheit hatte. Gleichzeitig war ich wenige Tage später schockiert von den Lebensbedingungen für Geflüchtete“, erinnert sich der Grünen-Politiker. In Syrien hatte er Jura studiert, „ich kannte mich mit den europäischen Gesetzen und dem Aufnahmerecht aus. Vieles wurde nicht so umgesetzt, wie es im Gesetz steht“, wirft er noch heute den Kommunen vor.

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„Wir können auch Teil der Lösung sein“

Durch seine Arbeit bei einer Hilfsorganisation in Syrien – vergleichbar mit dem Roten Kreuz in Deutschland – habe er bereits Erfahrungen im Umgang mit Geflüchteten in Syrien gesammelt. „Ich habe meine Expertise dann auch den zuständigen Behörden angeboten. Aber meine Hilfe wurde abgelehnt.“

Für Alaows ein weiteres Indiz dafür, dass es Partizipation und Teilhabe mangelt: „Alle haben immer nur über Geflüchtete gesprochen. Aber keiner kam auf die Idee, mit den Menschen zu sprechen.“ Schließlich seien die Geflüchteten die Betroffenen der Asylrechtsverschärfung gewesen, „aber wir können auch Teil der Lösung sein“. Es brauche mehr Miteinander, ein Reden auf Augenhöhe.

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Die Lösung die der 31-Jährige für sich findet: Politisches Engagement. Er gründet gemeinsam mit Aktivisten verschiedene politische Bündnisse und Organisationen, setzt sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der geflüchteten Menschen vor Ort ein.

Vom Geflüchteten zum Aktivisten und Politiker

„Mit Refugee-Strike-Bochum, einer Gruppe von geflüchteten Menschen, haben wir uns regelmäßig mit der Stadtverwaltung ausgetauscht, haben verschiedene, nicht nur auf Bochum bezogene Veranstaltungen gemacht. Ich wurde zu Podiumsdiskussionen und Workshops eingeladen und NRW-weit als eine Person wahrgenommen, die sich für die Menschenrechte einsetzt.“ In dieser Zeit entstanden auch die ersten Kontakte zu den Grünen in Bochum, später auch in anderen Städten.

Eine politische Karriere kann er sich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht vorstellen. Viel zu sehr sei er mit Sprachbarrieren und den eigenen Lebensbedingungen beschäftigt gewesen. Der Aktivist hat offenbar aber einen bleibenden Eindruck bei den Grünen hinterlassen.

Die Partei erklärte im Februar, den 31-Jährigen für die Bundestagswahl im September aufzustellen. 2017 holte in seinem Wahlkreis Oberhausen und Dinslaken die SPD 38,5 Prozent und Dirk Vöpel damit das Direktwahlmandat. Allerdings haben sich die Umfragewerte der NRW-SPD seit 2017 halbiert – im Gegensatz zu dem der Grünen, die aktuell auch in NRW auf über 20 Prozent hoffen dürfen.

„Es wird höchste Zeit, dass diese Menschen eine politische Stimme haben“

Wie groß seine Chancen also tatsächlich sind, für die Partei direkt in den Bundestag einzuziehen, wird sich im September zeigen. Doch auch wenn er die Direktwahl verpassen sollte – sein Ende in der Partei würde das wohl nicht bedeuten. „Ich sehe die Grünen als eine Partei, die das Thema Vielfalt sehr für sich beansprucht. Für mich als betroffene Person und Aktivist sind sie mein politisches Zuhause“, so Alaows, der heute mit gemischten Gefühlen an Syrien zurückdenkt: „Ich vermisse das Syrien, das ich als Kind erlebt habe.“

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Sollte ihm die Überraschung aber gelingen, werde er seiner Arbeit aber auch auf Bundesebene treu bleiben: „Ich werde mich für die hunderttausenden Menschen einsetzen, die von der Asyl- und Migrationspolitik betroffen sind und für sie eine politische Stimme sein.“ Schließlich gebe es nicht erst seit 2015 Flüchtlinge in Deutschland, „es wird höchste Zeit, dass diese Menschen eine politische Stimme haben und vertreten werden“, so der 31-Jährige.