Großrazzia - Fleischbetriebe zahlten Löhne von nur 3,50 Euro

Harter Job, wenig Geld: Ein Arbeiter in einem Puten-Zerlegebetrieb.
Harter Job, wenig Geld: Ein Arbeiter in einem Puten-Zerlegebetrieb.
Foto: dpa
Hunderte Beamte waren im Münsterland im Einsatz. Arbeitsverleiher sollen osteuropäische Billiglöhner illegal für 3,50 Euro pro Stunde beschäftigt haben. Vom dem Geld mussten die Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien dann auch noch ihre Unterkünfte bezahlen. Ermittlungen laufen gegen 22 Beschuldigte.

Münster.. Wieder eine Großrazzia in der Fleischindustrie, wieder geht es um Schwarzarbeit und Ausbeuterei: Mehr als 220 Beamte von Zoll, Polizei und Steuerfahndung haben in insgesamt 14 NRW-Städten Büros, Produktionsstätten und Privatwohnungen durchsucht. Im Fokus stehen unter anderem Subunternehmer des Emsdettener Fleischproduzenten Fine Food. Sie sollen Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien für Löhne von mitunter 3,50 Euro/Stunde illegal beschäftigt haben, die dann Puten zerlegten. Von dem Geld mussten die Arbeiter aber noch überteuerte Mieten für heruntergekommene Unterkünfte bezahlen.

Astrid Bulla vom Hauptzollamt Münster betonte gegenüber der Redaktion: „Es geht bei den Ermittlungen nicht um die Arbeitnehmer, das sind Opfer.“ Viele wurden zwischenzeitlich als Zeugen befragt. Einige seien etwas mutiger und gäben bereitwillig Auskunft, andere schwiegen: „Die Leute haben Angst um ihren Arbeitsplatz.“

Aktion habe sich auf das Münsterland konzentriert

Bei der Razzia wurden Computer, Festplatten, sowie umfangreiche Dokumente sichergestellt. Allein in Emsdetten vollstreckten die Beamten über 30 Durchsuchungsbefehle. Welche anderen NRW-Städte betroffen waren, dazu schwieg die Zollsprecherin – „aus ermittlungstaktischen Gründen“. Allerdings habe die sich Aktion auf das Münsterland konzentriert.

Nach Informationen dieser Zeitung waren drei Städte aus dem Kreis Borken dabei. Zeitgleich zu den Durchsuchungen in NRW rückten Fahnder auch in drei Städten in Baden-Württemberg aus.

Ermittlungen laufen gegen 22 Beschuldigte

Schwarzarbeit, Betrug an Sozialkassen und Berufsgenossenschaft, unerlaubte Arbeitnehmerüberlassung – Vorwürfe wie diese stehen im Raum. Die Ermittlungen laufen gegen 22 Beschuldigte. Zur Schadenshöhe vermochte Zollsprecherin Bulla noch keine Angaben zu machen. Sie dürfte aber beträchtlich sein.

Die Ermittler gehen derzeit von mindestens 250 Billiglöhnern aus, die wohl auch schon länger eingesetzt wurden. Berichte lokaler Medien hatten die Ermittlungen ausgelöst. Eine Bürgerinitiative berichtete, dass Arbeiter in Wohnungen ohne Glühbirne, Möbel und Teppich untergebracht seien. In einem Fall wohne man zu sechst in einer 2-Zimmer-Wohnung , jeder zahle 125 Euro Miete.

Nicht der erste Schlag gegen skrupellose Arbeitsverleiher

Die Razzia war nicht der erste Schlag gegen skrupellose Arbeitsverleiher. Bereits im Mai durchsuchten z. B. 450 Beamte bundesweit 90 Büros und Wohnungen. Die Fahnder der Ermittlungskommission „Karo“ hatten dabei ein Geflecht von mehr als 30 Firmen im Visier. Eine Spur führte an den Niederrhein, von wo aus Billiglöhner an niedersächsische Schlachthöfe vermittelt worden sein sollen. Die Gewerkschaft NGG beklagt in der Fleischindustrie „Zustände schlimmer als im Wilden Westen“.

Ab dem 22. Oktober wollen Gewerkschaft und Arbeitgeber über einen bundesweiten Mindestlohn reden. NRW-Arbeitsminister Schneider (SPD) begrüßte gestern die Ankündigung der Arbeitgeber, dass aus den Tarifverhandlungen resultierende Regelungen auch für ausländische Werkvertragsarbeitnehmer gelten sollen.

 
 

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