Großdemo für Erdogan - "Mein Leben für mein Vaterland"

Lautstark für Erdogan: Zentausende demonstrierten in Köln, um ihre Solidarität mit dem türkischen Präsidenten zu bekunden.
Lautstark für Erdogan: Zentausende demonstrierten in Köln, um ihre Solidarität mit dem türkischen Präsidenten zu bekunden.
Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services
  • Zehntausende Erdogan-Anhänger demonstrierten in Köln
  • Live-Schalte des Präsidenten hatte Gericht zuvor verboten
  • Dennoch: Umstrittener Staatschef war allgegenwärtig

Köln. Das ist also die Meinungsfreiheit, an der es Deutschland nach Meinung des türkischen Präsidenten mangelt: Geschätzt 30.000 bis 40.000 Deutschtürken demonstrierten am Sonntag für eben diesen Recep Tayyip Erdogan, geschützt von rund 2700 Polizisten. Und Köln hörte einen Nachmittag lang diesen Gesang: “Recep Tayyip Erdogan”. Ein Text mit vielen Melodien, aber immer das gleiche Lied.

Der Präsident selbst ist nicht gekommen, er darf auch nicht zugeschaltet werden, was er selbst für “inakzeptabel” hält, das Bundesverfassungsgericht am späten Vorabend jedoch bestätigt hat - aber er ist trotzdem da. Auf Plakaten, auf Schals, auf Mützen prangt sein Gesicht und sein Name auf den Tausenden roten Flaggen. “Allahu akbar!”, rufen die Menschen, “Gott ist groß”, und Beobachter fragen sich, wen sie damit eigentlich meinen. Auch als Gerücht beherrscht der Präsident den Tag: Bis zum späten Nachmittag hält sich die Kunde, er könnte doch via Facebook zu “seinen Leuten” sprechen. Die Polizei hat angekündigt, in diesem Fall sofort den Strom abzudrehen.

Rote Fahnen an der Deutzer Werft

Die Kundgebung ist schon zwei Stunden alt, da zieht der Zug der roten Fahnen noch immer ans Rheinufer der Deutzer Werft. Gegen den Putsch sind die Demonstranten, aber recht eigentlich für ihn: “Erdogan ist ein Streiter für Menschenrechte”, steht auf einem Plakat, auf anderen “Für Pressefreiheit” oder “Für Volkssouveränität”, Dinge, die die Türkei nach Ansicht der meisten Beobachter gerade beschneidet.

Zum Auftakt sollen sie beide Nationalhymnen singen, wenigstens ist das der Plan. Die türkische erklingt aus vollen Chören, die deutsche - bleibt weitgehend stumm. “Für das deutsche Vaterland”, die Fahnen sinken, wie sollen sie das auch singen, Hava Kandemir hat es ja gerade gesagt: “Türkei ist die erste Heimat, ich weiß doch, wo ich hingehöre.” Dabei ist die 41-Jährige mit dem grünen Kopftuch in Dortmund geboren. Hava Kandemir ist mit ihrer ganzen Remscheider Sippe gekommen, “um unsere Heimat zu unterstützen”. Sie wollen nicht, “dass die Türkei so wird wie der Libanon oder Algerien”.

“Ich lebe hier, aber meine Heimat ist die Türkei.”

“Wir sind Deutschland”, ruft ein Moderator von der Bühne, die Sprechchöre, die er animieren will, indes schweigen. Sie singen nur diesen einen Namen: “Recep Tayyip Erdogan.” Für “unseren Präsidenten” sei sie da, sagt auch Hava Kandemir. Und für die Demokratie: “Die europäische Union will doch immer, dass die Türkei demokratisch ist”, behauptet Sakir Kilic, der aus Karlsruhe angereist ist. Schließlich hat die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) eingeladen - die als verlängerter Arm der Erdogan-Partei AKP in Deutschland gilt. Auch Kilic sagt: “Ich lebe hier, aber meine Heimat ist die Türkei.”

Kein Wunder, findet ein 48-Jähriger, der sich “stolzer Türke” nennt. Über 40 Jahre lebt der Monteur in Deutschland, “aber ich werde immer noch nicht anerkannt”, schon gar nicht als Chef seines Bautrupps. 70 Prozent der Tausenden an diesem Sonntag, rechnet der Mann vor, seien “hier geboren, 30 Prozent haben einen deutschen Pass”. “Aber was sind wir denn für euch?” Deutschland, sagt er, der beide Fahnen mitgebracht hat, “wollte doch mit uns Ausländern nie etwas zu tun haben. Ihr wohnt hier, ihr arbeitet für uns, dafür seid ihr hier”, das hätten die Deutschen gedacht und selbst “die Ghettos gebaut”. Wie sollten die Türken also nicht für die Türkei sein?

Reden über die Heimat

Und für das, was derzeit dort passiert. “Vom Herzen her finde ich es gut”, sagt ein Mann, der Günter Aras heißt. Kind türkischer Eltern, “Gün wie Tag und Ter wie Schweiß” und doch einer, der jetzt sagt: “Wer von den jetzt Verhafteten unschuldig ist, wird sicher wieder freigelassen.”

Kundegebung Köln Ein vielleicht frommer Wunsch aus dieser Menge: Wenig später nämlich steht einer auf der Bühne, dessen Namen hinterher keiner mehr kennen will, der auch von Heimat redet: “Wir arbeiten seit über 50 Jahren mit euch an diesem Land”, richtet er sich an die Deutschen, “trotzdem hat jeder von uns eine Mutter, einen Vater, Verwandte in der Türkei. Die Türkei wird immer unsere Heimat bleiben, auch nach 550 Jahren.” Daher betreffe der Putsch in der Türkei Deutschland sehr wohl. Die Antwort der Demonstranten: “Idam isteriz! Wir wollen die Todestrafe!” Gott, so der Redner darauf, solle den Schuldigen ihre gerechte Strafe zuteil werden lassen. “Ihr versteht schon, was ich meine.”

Selfies mit türkischen Parlamentsangehörigen

Neben den Kandemirs stehen Frauen, die “Erdogan”-Kappen über ihre Kopftücher gestülpt haben und T-Shirts tragen mit seinem Namen über bodenlangen Kleidern. Sie machen Selfies mit türkischen Parlamentsangehörigen, die aus Ankara angereist sind. “Mein Leben für mein Vaterland”, rufen die Leute, “Jeder geborene Türke ist ein Soldat!” “Dik dur egilme, Steh aufrecht, beuge dich nicht!”, fordert eine Fahne, “Schulter an Schulter” stehen sie “gegen den Putsch”. Dessen Niederschlagung wird in einer “Deklaration” als “heldenhafte Tat” gefeiert, die als “glorreicher Kampf des türkischen Volkes für Frieden, Demokratie und Freiheit” ein Vorbild sei für die ganze Welt. Von der noch jeder Redner auf der Bühne Beistand fordert und Solidarität: “Ist das etwa zu viel verlangt?”

Auch der aus Ankara eingeflogene Sportminister Akif Cagatay Kilic pocht auf das demokratische Recht auf diese Demonstration: “Ihr habt dieses Land mit aufgebaut. Heute habt ihr allen eine Lehrstunde in Demokratie gegeben.” Dann ist es auch eine, dass hier Zehntausende Deutschtürken demonstrieren für das, was sie ihre Heimat nennen, und gleichzeitig auf der anderen Rheinseite Linke, Rechte, Hooligans einigermaßen friedlich dagegen protestieren. Und dass Erdogan am Ende doch auftritt ohne aufzutreten: Ein paar freundliche Worte von ihm werden verlesen.

 
 

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