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„Gronausaurus Wegneri“ – Das westfälische Urmel

„Gronausaurus Wegneri“ – Das westfälische Urmel

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Foto: WAZ FotoPool/ Ralf Rottmann
100 Jahre lang lag das Skelett einer unbekannten Saurierart unbeachtet im Museum. Dann kam Oliver Hampe und entdeckte den Gronausaurus. Doch der Saurier wird erst 2015 zu sehen sein.

Münster. 

Was sind schon 100 Jahre für einen Saurier, der 137 Millionen Jahre arg zerkrümelt in einer Kreideschicht begraben lag? Ein Flossenschlag in der Zeit gewissermaßen. Da kommt es für „Gronausaurus Wegneri“, so heißt das Tier aus der Kreidezeit, auf zwei Jahre nicht an. So lange muss sich dieses westfälische Urmel noch gedulden, bevor es aufs große Publikum losgelassen wird. Weil sein Zuhause, das Geomuseum in Münster, umgebaut wird und er erst 2015 einen Platz finden wird öffnet.

Gleichwohl ist Gronausaurus eine solche wissenschaftliche Sensation, das er schon jetzt Ehrengast einer Pressekonferenz ist: Auf schwarzem Tuch hingebreitet liegt er da. Für den Laien ein Haufen durcheinander gewürfelter Knochen, für Oliver Hampe beredtes Zeugnis der Erdgeschichte.

Das lange, gekrümmtes Rückgrat und ein paar Rippen erkennt auch der Laie. Doch für den Wirbeltier-Paläontologen können diese Knochen reden. Er nimmt einen der Knochen in die Hand, einen faustgroßen Wirbel, und zeigt auf kleine Kuhlen links und rechts. „Die haben die anderen Plesiosaurier nicht.“ Weitere anatomische Besonderheiten rechtfertigten eine neue Dinosaurier-Art.

Überreste in einer alten Zigarrenkiste

Gronausaurus heißt das westfälische Urmel nun nach seinem Fundort. Und „Wegneri“ nach dem damaligen Museumschef, der den Fund aus der mittlerweile abgesoffenen Tongrube einer Ziegelei barg, präparierte und taxierte, allerdings das Urviech für einen normalen Plesiosaurus hielt und ein paar Bruchstücke in eine Handelsgold-Zigarrenkiste legte. Dennoch: „Aus der Kreidezeit über 60% eines Skeletts zu finden, ist sensationell“, sagt er. Da macht es auch nichts, dass dem westfälischen Urmel ausgerechnet der Kopf fehlt. Bis auf einen Brocken, der nicht präpariert ist. Das geschieht übrigens etwa so wie die Wurzelbehandlung beim Zahnarzt – und mit ähnlichen Instrumenten.

Der 52-Jährige sah die Saurierknochen erstmals Ende der 90er Jahre, witterte die Sensation, kam aber erst kürzlich dazu, sie eingehend zu untersuchen. Schon als Elfjähriger hat sich Oliver Hampe so für die Dinos begeisterte, dass er seine Mutter fragte, warum er diese Tiere nicht im Zoo sehen könne. Wünscht er sich manchmal einen Jurassic Park, wie im Kino-Film, wo die Dinos lebendig werden? Hampe schüttelt den Kopf. „Nee, dann wäre das ja ein Fall für Zoologen und nicht mehr für mich.“ Über das erste „Was-ist-Was?“-Buch bis zur heutigen Tätigkeit an Humboldt-Universität und Museum für Naturkunde in Berlin hat sich seine Begeisterung für die Saurier erhalten.

Gronausaurus sucht seinen Paten – für 25 000 Euro

Das westfälische Urmel, so viel weiß er, war rund drei Meter lang und hatte eine Wirbelsäule mit mindestens 113 Wirbeln – also vermutlich einen verdammt langen Hals. Damals lag Westfalen am nördlichen Wendekreis, war eine brüllend heiße, sumpfig-tropischen Küstengegend. Gronausaurus lebte jedoch im Süßwasser, vielleicht im Brackwasser. Das verraten Hampe die Muscheln, die mit den Knochen gefunden wurden.

Ob das Urmel noch ein Kind war oder schon ausgewachsen, ob Männlein oder Weiblein, das alles ist unklar. Fest steht: Urmel lebte als Lungenatmer im Wasser, schwamm mit Flugbewegungen, wie sie auch Otter oder Pinguine vollführen. Nur mit vier Schwingen: Arme und Beine bildeten je ein Flossenpaar, vermutet Hampe. So jagte Gronausaurus Fische und anderes Meeresgetier, ehe er womöglich selbst zum Opfer wurde: Dass seine sterblichen Überreste so wüst durcheinandergewürfelt sind, ist wohl Aasfressern geschuldet.

Jetzt wandert das westfälische Urmel erstmal wieder ins Magazin: Erst 2015 ist der Museumsbau fertig. Dafür geht Gronausaurus wieder auf einen Raubzug: Dieses Mal soll er Sponsoren für den Umbau an Land ziehen. Wer will, kann Pate für den einzigartigen Saurier werden. Für 25 000 Euro, so der Museumschef. Willkommen in der Gegenwart, westfälisches Urmel!