Gericht setzt Kaution von 895.000 Euro für Middelhoff fest

Gegen eine Kaution von 895.000 Euro wird der Haftbefehl gegen Thomas Middelhoff ausgesetzt. Außerdem Auflage: Middelhoff muss seine Reisepässe abgeben.
Gegen eine Kaution von 895.000 Euro wird der Haftbefehl gegen Thomas Middelhoff ausgesetzt. Außerdem Auflage: Middelhoff muss seine Reisepässe abgeben.
Foto: Kerstin Kokoska/Funke Foto Services
Für die Freilassung von Thomas Middelhoff hat das Landgericht jetzt Auflagen festgesetzt: Der Ex-Manager kann gegen 895.000 Euro Kaution freikommen.

Essen.. “Chilblain Lupus”, die äußerst seltene Schmetterlingsflechte, verhilft Ex-Manager Thomas Middelhoff zur Freiheit. Die schwere Hauterkrankung hat offenbar den Ausschlag gegeben, dass das Landgericht Essen den Haftbefehl außer Vollzug setzte. Denn die Kaution von 895.000 Euro, die der 62-Jährige bei der Gerichtskasse hinterlegen muss, reichte der Justiz noch vor fünf Wochen nicht aus, um den Fluchtanreiz zu mindern.

Am Dienstagmorgen hat die Pressestelle des Gerichtes im Detail die Auflagen mitgeteilt, unter denen der seit fünf Monaten in Untersuchungshaft sitzende Middelhoff das Gefängnis verlassen darf. 895.000 Euro Kaution muss der nach eigenen Angaben mittellose Bielefelder einzahlen. Diese Summe sollen angeblich Angehörige und Freunde für ihn aufbringen. Außerdem muss er seine Reisepässe abgeben und sich regelmäßig bei der Polizei melden. Deutschland darf er ohne Genehmigung des Gerichtes nicht verlassen.

Drei Jahre Haft wegen Untreue in 27 Fällen

Am 14. November 2014 hatte die XV. Essener Strafkammer Middelhoff zu drei Jahren Haft wegen Untreue in 27 Fällen verurteilt und im Saal verhaften lassen. Seitdem scheiterten Haftbeschwerden seiner Anwälte. In dem noch nicht rechtskräftigen Urteil war festgestellt worden, dass er den Essener Karstadt/Arcandor-Konzern mit privaten Ausgaben belastet hatte.

Die Fluchtgefahr hatte die Kammer damals damit begründet, dass er eine höhere Haftstrafe wegen weiterer Ermittlungsverfahren der Bochumer Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftssachen befürchten müsse. Außerdem verlangten seine Gläubiger Zahlungen in zweistelliger Millionenhöhe von ihm. Dies alles sei angesichts seiner guten Auslandskontakte, etwa nach China, Anreiz genug für eine Flucht.

Fluchtgefahr besteht weiter - Anreiz aber geringer

Im neuen Beschluss, den die Kammer aufgrund einer weiteren Haftbeschwerde von Middelhoffs Verteidigern am Montag fasste, spricht sie von einer weiter bestehenden Fluchtgefahr. Der Anreiz sei aber geringer einzustufen, so heißt es in der Pressemitteilung des Landgerichtes, “weil Herr Dr. Middelhoff derzeit erkrankt sei und regelmäßig ärztlich behandelt werden müsse”. Nach rund fünf Monaten U-Haft sei mittlerweile auch die Reststrafe deutlich geringer.

Die Behauptungen der Verteidiger, der Schlafentzug in den ersten Wochen der U-Haft wegen Selbstmordgefahr hätte die Krankheit verursacht und der Mandant sei dadurch haftunfähig, wies die Kammer zurück. Dafür hätten sich nach Anhörung zweier Mediziner keine Anhaltsanpunkte gegeben.

Thomas Middelhoff, der vor wenigen Wochen am Amtsgericht Bielefeld Privatinsolvenz beantragte, hatte von einem Bonner Dermatologie-Professor ein Gutachten über seine Erkrankung bekommen. Der zweite Mediziner, den das Gericht hörte, war der behandelnde Arzt aus dem Essener Universitätsklinikum, in dem der 62-Jährige seit zwei Wochen zur Untersuchung lag.

Wende in der Bewertung der Fluchtgefahr

Mit dem Beschluss hat die Justiz ihre Haltung im Fall Middelhoff grundlegend verändert. Das Landgericht Essen und das Oberlandesgericht Hamm als Beschwerde-Instanz hatten die Fluchtgefahr bislang weit höher eingestuft.

Noch am 17. März 2015 hatte das OLG das ausführlich begründet. Die angebotene Kaution von 900.000 Euro? Nach einer Flucht ins Ausland könne er schnell wieder so viel Geld verdienen, dass er seinen Freunden die Kaution zurückzahle. Dass die Reststrafe nach fünf Monaten U-Haft geringer sei? Die Fluchtgefahr sah Hamm weiter gegeben, “auch in Anbetracht der Tatsache, dass sich der Angeklagte bereits seit vier Monaten in Untersuchungshaft befinde”.

Auch die Erkrankung Middelhoffs spielte am 17. März eine Rolle: “Der Senat könne nicht davon ausgehen, dass sich der Angeklagte notwendigen ärztlichen Behandlungen unterziehen müsse, die eine Fluchtgefahr entscheiden herabsetzen würden.” Skeptisch sah das OLG auch die Frage, wie der vermeintlich mittellose Middelhoff seine Familie und die Prozesskosten finanziere. An der Einschätzung dürfte sich in Hamm nicht viel geändert haben, auch wenn für Middelhoff immer noch vier Verteidiger streiten, darunter der Düsseldorfer Promi-Anwalt Sven Thomas, der in der Regel nicht für ein Taschengeld antritt.

Aber das Hammer Oberlandesgericht wird sich mit der Haftfrage nicht mehr befassen müssen. Auf Anfrage unserer Redaktion teilte Cornelia Kötter, Sprecherin der Bochumer Staatsanwaltschaft, mit, dass ihre Behörde gegen die Freilassung Middelhoffs keine Beschwerde einlegen werde.

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