Gefahrenquelle Straßenbahn - Hunderte Unfälle im Revier

Dietmar Seher
Immer wieder kommt es in Essen zu schweren Unfällen mit Straßenbahnen.
Immer wieder kommt es in Essen zu schweren Unfällen mit Straßenbahnen.
Foto: Alexandra Roth
Straßenbahnen sind für Fußgänger gefährlich, warnt die Versicherungswirtschaft. In drei Jahren starben bei 4100 Unfällen 100 Menschen.

Essen. Ein 16-jähriger in Oberhausen will die Straße an einer Fußgänger-Ampel überqueren. Er übersieht die Straßenbahn. Die Fahrerin kann nicht rechtzeitig bremsen. Der junge Mann wird mit den Beinen unter der Bahn eingeklemmt. Der Unfall hat sich an einem Samstag Anfang März ereignet.

Er ist einer von vielen schon in den ersten Monaten des Jahres: In Düsseldorf stolperte ein 52-jähriger über die Gleise, als er sie noch schnell überqueren wollte. Das endete tödlich. In Essen kollidierte ein 73-jähriger Corsa-Fahrer mit der Tram. Er musste aus dem Autowrack geschweißt werden.

Unfälle in 58 Städten untersucht

Wie sicher sind unsere Straßenbahn-Linien? Statistisch kommt es in Deutschland jeden Tag zu vier schweren Straßenbahn-Unglücken. Der Chef des Unfallforscher-Teams beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) überrascht mit einer schlechten Nachricht: „Straßenbahnen sind bezogen auf die gefahrenen Kilometer ein vergleichsweise unsicheres Verkehrsmittel“, sagt Siegfried Brockmann. Und: Bei Straßenbahn-Unfällen sterben mehr Menschen als bei Unfällen mit Bussen - obwohl Straßenbahnen in nur relativ wenigen deutschen Städten unterwegs sind.

Die Unfallforscher haben 4100 Tram-Unfälle in 58 deutschen Großstädten zwischen 2009 und 2011 detailliert analysiert. Ergebnis: In den drei Jahren starben 100 Verkehrsteilnehmer, darunter 70 Fußgänger. 1003 Menschen wurden schwer verletzt, weitere 4468 leicht. Neben Fußgängern sind Radfahrer „überproportional betroffen“, heißt es in dem Bericht. Nichts deutet darauf hin, dass die Gefahren inzwischen kleiner geworden sind.

321 Unfälle im Revier

Auch der dichte Straßenbahn-Verkehr im Ruhrgebiet fordert Opfer. Die GDV-Ermittler recherchierten unter anderem in Bochum, Gelsenkirchen, Dortmund, Duisburg, Essen und Krefeld. 321 mal hat es im Revier im Untersuchungszeitraum gekracht. Sieben Menschen starben dabei, 56 wurden schwer verletzt. Essen führt die Liste mit 102 Unfällen mit Personenschaden klar an, darunter zwei Tote und zwanzig Schwerverletzte. Dortmund folgt mit 76 Unfällen. In Duisburg gab es 46, in Bochum und Krefeld 37, in Gelsenkirchen 23.

„Man muss der Öffentlichkeit sagen, dass da mehr passiert als man annimmt“, warnt Brockmann. Aber warum sind Straßenbahnen gefährlich? Und wer ist schuld an den Unfällen?

Tatsächlich liegt die Schuld eher selten bei den Triebfahrzeug-Führern selbst. „Die Führung der Straßenbahn in der Mittellage einer Straße ist die unsicherste“, sagte Brockmann unserer Redaktion. „Wir haben erhebliche Defizite festgestellt. Oft liegt bei der Signalisierung viel im argen“. Bei Überquerungen seien dann mehrere Ampeln hintereinander geschaltet, der Fußgänger könne dies nicht sofort überblicken: Ist das jetzt Rot oder Grün? Welches Signal weist auf die Straßenbahn hin?

Fußgänger unterschätzen Geschwindigkeit

Nehmen Fußgänger die Bahnen also nicht richtig wahr? „Ich fürchte, das ist so“, sagt der Experte, „Straßenbahnen sind zudem deutlich schneller als man annimmt“. Gerade auf großen Ausfallstraßen sind sie zügig unterwegs. Man unterschätzt die Geschwindigkeit, und dann kommen sie noch aus zwei Richtungen. Das übersehen Fußgänger. Hier wird es gefährlich“.

Aus dem GDV-Bericht geht hervor, dass es insgesamt eine „mangelnde Akzeptanz der Verkehrsregelungen“ gibt. Pkw-Fahrer biegen links über die Schienen der Straßenbahn ab, was verboten ist . Radfahrer begreifen nicht, dass die Straßenbahn ein Vorfahrtsrecht hat. Außerdem: In vielen Orten fahren gar keine Straßenbahnen. „Wenn Ortsfremde dann in Städte fahren, die Straßenbahnverkehr haben, tun sie sich mit der nötigen erhöhten Aufmerksamkeit sehr schwer“.

Brockmann hält es einerseits für nötig, dass die Städte und Verkehrsbetriebe mehr über die Gefahren aufklären, die mit dem Straßenbahnverkehr verbunden sind. Vor allem aber müsse sich baulich einiges ändern: „Bei Neubauten gehört die Straßenbahn in die Randlage, nicht in die Straßenmitte“. An Fußgängerüberwegen müsse an den Ampeln klar erkennbar sein, dass hier auch eine Straßenbahn kreuzt. „Und es muss unterbunden werden, dass Fußgänger einfach mal so die Gleise überqueren“ sagt der Experte, „und sei es durch Zäune oder Gitter“.